DDR-Puppenstuben: Miniaturen als Zeitzeugen der DDR-Designgeschichte

Kaum jemand weiß es, aber in den Fünfziger- bis Siebzigerjahren waren DDR-Puppenstuben und deren Einrichtungen in der Bundesrepublik wahre Verkaufsschlager. Die Produkte befanden sich in jedem West-Versandhauskatalog und jedem zweiten Kinderzimmer, wo sie sich völlig unpolitisch mit anderem Spielzeug mischten. Das kam nicht von ungefähr: Die Miniaturen made in GDR hatten alle Finessen der damaligen Zeit und waren in jenem Stil gestaltet, den wir heute als Mid-Century bezeichnen und in Vintage-Sammlungen wie der Gallery Central Berlin oder auf Ebay suchen.


Berlin im Kleinformat Quelle: Elena Noeva / Shutterstock

Spielzeugproduktion mit hohem Stellenwert

Thüringen und das Erzgebirge waren schon vor den zwei Weltkriegen Hochburgen der Spielzeugherstellung gewesen, und daran änderte sich auch nach Kriegsende zunächst wenig. Die Spielzeugproduzenten der DDR hatten einen guten Ruf für Design-Innovationen und Qualität und lieferten gleichzeitig günstigere Ware als ihre westdeutsche Konkurrenz. Und für die DDR selbst besaß die Spielzeugproduktion einen hohen Stellenwert, galt sie doch der Devisenbeschaffung. Sie richtete sich bewusst auf den Westmarkt aus – und so sehen wir heute kurioser Weise in den Produkten von Herstellern aus dem Erzgebirge wie der „Wichtelmarke“, Ulrich und Hoffmann KG, der VEB VERO, Olbernhau, oder Herrmann Rülke aus Mittelsachsen das westdeutsche Wirtschaftswunder widergespiegelt.

Central Berlin - Logo Wichtelmarke
Logo Wichtlemarke; Quelle: diepuppenstubensammlerin.blogspot.de

Echt Fifties und Sixties – authentische Miniatureinrichtungen

In den Fünfzigerjahren sind die Puppenmöbel, genau wie ihre großen Vorbilder, leicht und extravagant. Stark gemusterte Stoffe und geschwungene Formen beherrschen die Interieurs: Man denke an den Nierentisch, an schmale Füße unter Schränken und Kommoden, an Blumenfenster und Linoleumböden. In den Sechzigerjahren vollzieht sich dann langsam der Wandel hin zu massiverem Mobiliar. Die Schrankwand der Siebzigerjahre kündigt sich an, und ebenso sind die Einflüsse des Space Age bemerkbar, beflügelt durch die Mondlandung am 21. Juli 1969.

Central Berlin - Puppenstube 1950
Wohnzimmer 1950er Jahre – Wichtlemarke; Quelle: diepuppenstubensammlerin.blogspot.de

„Die Formen waren weiterhin leicht, aber nicht mehr so verspielt oder gar extravagant wie vorher, eher einfach und schlicht“, sagt Sammlerin Astrid Keusemann aus Duisburg. Das Blumenfenster wird von großen Stehvasen abgelöst, und das Radio weicht dem Fernseher. Glasbausteine und Bungalowarchitektur finden sich en miniature ebenso wie Teppichboden und der neue Werkstoff Plastik.

Central Berlin - Puppenstube 1960er
Wohnzimmer Ende 1960er Jahre – Firma Paul Hübsch; Quelle: diepuppenstubensammlerin.blogspot.de

Plattenbau im Puppenformat

Auch der Plattenbau findet seinen Ausdruck im Kleinen. Nachdem die minimalistischen und zweckmäßigen Möbel der MDW, Montagemöbel Deutsche Werkstätten, entwickelt sind und Mutti und Vati sich damit ihre nigelnagelneue Plattenbauwohnung eingerichtet haben, halten sie bald auch im Miniformat Einzug in ostdeutsche Spielstuben. Der erzgebirgische VEB VERO stellt nach dem Vorbild moderner Modularchitektur sogar ganze Puppenhäuser in Form aufeinander stapelbarer Zimmer her.

Westdeutsche Hersteller überholen

„Sind die meisten der bis Ende der Sechzigerjahre hergestellten Puppenmöbel stilistisch kaum von entsprechenden West-Erzeugnissen zu unterscheiden, entwickeln die Ostprodukte im Laufe der Siebziger jedoch ein durchaus eigenständiges und mitunter – zumindest für das „West-Empfinden“ – recht schräg daherkommendes Design“, sagt Sammler Jörg Bohn aus Rheinberg. Der Erfolg ostdeutscher Puppenstuben schwindet im Westen nun rapide. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass dieser Abschwung mit der Verstaatlichung der Privatbetriebe 1972 Hand in Hand geht. Materialengpässe und allgemeine Herstellungsvorgaben mindern die Innovationskraft und somit den Charme der Produkte.

Central Berlin - Puppenhaus Bodo Henning
Wohnzimmer 1970er Jahre – Bodo Henning; Quelle: diepuppenstubensammlerin.blogspot.de

Doch die Expertise lebt im Westen weiter. Jedem, der sich mit alten Puppenstuben beschäftigt, wird Bodo Hennig ein Begriff sein. Er hatte im Erzgebirge seine Ausbildung zum Spielzeugmacher absolviert, bevor er in den Fünfzigerjahren nach Bayern ging. Für seine Puppenstuben holte er sich Inspirationen aus aktuellen Möbelkatalogen, deren Programme ihn zu besonders detailverliebten Miniaturen anregten.

Puppenstuben als konservierte Zeitgeschichte

Und heute? Erhaltene Oststuben aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts sind inzwischen Zeitzeugnisse des Mid-Century-Designs in Reinform. Denn während Wohnungen ständig wechselnden Moden angepasst werden, kann eine Puppenstube, auf dem Dachboden vergessen und wiederentdeckt, im Kleinen eine bestimmte Epoche konserviert darstellen. Genau das macht ihren Reiz aus.
Was die Puppenstuben im Kleinen sind, sind die Wohnungen in CENTRAL BERLIN im Großen: ein Stück einzigartige Zeitgeschichte der DDR, konserviert in den alten Gemäumern im Zuckerbäckerstil.