„Hier spricht Berlin“ – DDR-Radiosender und ihr Einfluss

„Liebe Gäste, dorogije gosti – soeben gelandet ist eine Maschine mit musikalischer Luftfracht!“ Diese wahrlich geflügelten Worte hatte eine echte Stewardess 1970 für den Einspieler der legendären Radiosendung Musikalische Luftfracht von Peter Niedziella gesprochen. Über 20 Jahre lang begrüßte der Jingle die große Hörerschaft des wöchentlich ausgestrahlten Programms. Niedziella bezeichnete sich selbst, im Bild bleibend, als Pilot. Seine Fracht war deshalb so wertvoll, weil sie westliche Popmusik enthielt. Damit stach das Format aus der ansonsten stark ideologisch geformten Radiolandschaft der Deutschen Demokratischen Republik heraus, in der die Sender im Spannungsfeld zwischen der Übermittlung sozialistischer Werte und dem Wunsch der Hörer nach Unterhaltung agieren mussten. Und das war alles andere als leicht.


Bildquelle: katz23 – fotolia

Die Anfänge des DDR-Radios

Schon am 13. Mai 1945, also fünf Tage nach der Kapitulation Deutschlands, begann im sowjetisch besetzten Teil der Hauptstadt der Rundfunkbetrieb mit der Sendung „Hier spricht Berlin“. Bald entwickelte sich unter Kontrolle der sowjetischen Militärregierung daraus der Berliner Rundfunk. Von Beginn an hatten die Ostsender den erzieherischen Auftrag, beim Volk für die „Herausbildung des sozialistischen Bewusstseins“ zu sorgen. Das schmeckte aber vielen Bürgern nicht, die sich nach guter Musik und Entertainment sehnten. Schon in den Fünfzigerjahren war der Westfunk folglich sehr viel beliebter als sein Ost-Pendant, weshalb die DDR-Führung beschloss, für weniger Propaganda und mehr Spaß in den eigenen Sendeanstalten zu sorgen. Eine ganze Armada von Störsendern war die andere Maßnahme, mit der Überzeugungsarbeit der unsanften Art geleistet wurde. Kampflieder und Stimmungsmache hörte der Zuhörer dennoch bis in die Siebzigerjahre hinein aus den Boxen dröhnen, und das Informationsprogramm blieb bis zum Schluss aufs engste mit dem Parteikurs der SED verknüpft.

Radiosender-Übersicht in der DDR

Die Sender innerhalb der DDR-Radiolandschaft waren dem Staatlichen Komitee für Rundfunk, kurz StKfR, unterstellt und hatten unterschiedliche Funktionen innerhalb des Systems. So sollte die „Stimme der DDR“, wie es der Name schon sagt, Hörern außerhalb der Republik das Leben in und die sozialistischen Werte aus Ostdeutschland näherbringen. „Radio DDR“ untergliederte sich in „Radio DDR I“, mit Fokus auf Nachrichten und Unterhaltung, und „Radio DDR II“, mit einem Schwerpunkt bei Kultur- und Bildungsprogrammen. Der „Berliner Rundfunk“ wurde bevorzugt behandelt und konzentrierte sich auf die Hauptstadt. Gedacht war er als Gegenpol und Konkurrent des Westberliner RIAS, des Rundfunks im Amerikanischen Sektor. „Radio Berlin International“ strahlte Sendungen in vielen verschiedenen Sprachen aus, darunter Portugiesisch, Dänisch, Arabisch, ja sogar Suaheli, und hatte sich, ähnlich wie die „Stimme der DDR“, zum Ziel gesetzt, der Welt „…den sozialistischen deutschen Staat näher zu bringen“. 1986, drei Jahre vor dem Mauerfall, kam schließlich „DT64“ als eigenständiger Jugendsender hinzu. Gerade diese Radiostation bewies: Immer dort, wo die Manschetten der Indoktrinierung nicht gar so fest angelegt waren, feierte das ostdeutsche Radio seine größten Erfolge.


Bildquelle: flügelwesen – photocase

Legendäre Sender und unvergessene Radioshows in der DDR

„DT64“ entwickelte sich aus einer 99-stündigen Sondersendung zum „Deutschlandtreffen der Jugend“ im Jahr 1964. Schon im selben Jahr bekam das Format einen täglichen Sendeplatz beim „Berliner Rundfunk“. Das steigerte sich weiter, bis im März 1986 schließlich ein eigener Sender landesweit zu empfangen war. Freiheiten in der Gestaltung sollten verhindern, dass junge Hörer Sendern des kapitalistischen Auslandes den Vorzug gaben. Und das Konzept ging auf. Christopher Diekmann, ehemaliger Radiomoderator der Station, beschreibt das Programm als eine Mischung aus flotten Berichten, Suchanzeigen und „jener spätkapitalistischen Kakophonie von Balzmusik, die damals noch Beat hieß“ (Zeit, 29.11.91). „DT 64“ im Nachhinein als subversiven Heldenfunk zu feiern, sei nicht angemessen, so Diekmann, jedoch habe man hier Themen wie Homosexualität und Fremdenfeindlichkeit angepackt und sich mit List gewisse Freiräume abgetrotzt. Selbst DDR-Punk und Garagenrock bekamen samstags kurz vor Mitternacht eine Bühne.

Die legendäre musikalische Luftfracht

Und was gab es sonst noch an Highlights? Erst seit den Siebzigerjahren nahmen Hörerwünsche tatsächlich Einfluss auf die Programmgestaltung. Welchen Erfolg das haben konnte, zeigt die eingangs erwähnte „Musikalische Luftfracht“ bei „DDR Radio“, die vielen Hörern wegen ihres 40-prozentigen Anteils von westlicher Popmusik unvergesslich geblieben ist. Ein Blogger erinnert sich, wie er in der Sendung Falcos „Jeanny“ ergatterte, kurz bevor es mit Sendeverbot belegt wurde. „Und ich erinnere immer wieder gern daran, dass „Voyage, Voyage“ von Desireless durch diese Sendung bereits ein knappes halbes Jahr vor der Bundesrepublik in der DDR ein Hit war“. Dabei half sicherlich die Tatsache, dass französische Songs weniger politischen Gegenwind bekamen als englische. Das Beispiel zeigt: Es galt also hier wie bei allen Radioformaten der DDR, Nischen zu finden und sich kleine Freiräume zu ertrotzen. Diekmann von „DT64“ bringt es wie folgt auf den Punkt: „Was nicht zu sagen war, kommentierte die Musik.“