Jenseits der Platte: die besten (?) DDR-Architekten

Bei DDR-Architektur denkt man spontan entweder an die stalinistischen Paläste an der Karl-Marx-Allee oder an die eintönigen Plattenbauten in Marzahn. Dass die DDR trotz aller staatlichen Bevormundung einige Stararchitekten hervorbrachte, die der Nachwelt echte Baukunstwerke hinterließen, ist vielen gar nicht bewusst. Deswegen möchte ich diesen Blogbeitrag dazu nutzen, drei bemerkenswerte Architekten aus der DDR vorzustellen.

Central Berlin - Nikolaiviertel
Nikolaiviertel. Bildquelle: picclicimg.com

Hermann Henselmann: Stalinallee, Leninplatz und Hochhäuser

Gleich als erstes der berühmteste unter den DDR-Architekten: Henselmann verdanken wir so gut wie alles, was die Karl-Marx-Allee und den Strausberger Platz so besonders macht – nicht zuletzt das Haus, in dem ich wohne. Seine Gebäude verkörpern die sozialistischen Ambitionen der 1950er Jahre – Henselmann suchte und fand ein deutsches Äquivalent für die stalinistische Moskauer Architektur: einen „Sozialistischen Klassizismus“, der zugleich pompös und verspielt ist. Nach der Fertigstellung der Karl-Marx-Allee (die damals Stalinallee hieß) bezog er selbst eine Wohnung im Haus des Kindes am Strausberger Platz.

Central Berlin - Strausberger Platz
Henselmann: Strausberger Platz. Bildquelle: Part-B Immobilien

Begonnen hatte Henselmanns architektonische Laufbahn unter ganz anderen Vorzeichen: Seine Entwürfe aus den 1930ern und 1940ern waren durch und durch modernistisch – schnörkellos und von einer geraden Linienführung geprägt. Vergeblich versuchte er die DDR-Führung beim Wiederaufbau der Hauptstadt von den Vorzügen dieses architektonischen Stils zu überzeugen – Moderne und Sozialismus waren einander spinnefeind, so das damalige Dogma.

Central Berlin - Leninplatz
Henselmann: Leninplatz. Bildquelle: AK Berlin

Dies änderte sich nach Stalins Tod im Jahre 1953. Nun war ein internationales und modernes Flair ausdrücklich erwünscht, und Henselmann durfte seiner Vorliebe für modernistische Architektur freien Raum lassen. Seine Bauwerke prägen das Stadtbild von Berlin und anderen ostdeutschen Städten bis heute. Zu den berühmtesten zählen das Haus des Lehrers (1961-1964) am Alexanderplatz, die Bebauung am Platz der Vereinten Nationen (damals Leninplatz; 1968-1970) sowie Hochhäuser in Leipzig (City-Hochhaus 1968) und Jena (Jentower 1969).

Central Berlin - City Hochhaus Leipzig
Henselmann: City-Hochhaus in Leipzig. Bildquelle: Wikimedia

Ulrich Müther: Modernistische Strandhütten und das Planetarium

Ulrich Müther ist zwar längst nicht so berühmt wie Henselmann, zählt aber dennoch zu meinen persönlichen Favoriten unter den DDR-Architekten. Weil er im Unterschied zu vielen anderen DDR-Architekten nicht der Berliner Gesellschaft angehörte, galt er als Einzelgänger und Eigenbrötler. Müther war gebürtiger Rügener, und sein Schaffenswerk konzentrierte sich auf die Insel und die umliegende Küstenregion. Im Gegensatz zu Henselmann blieb er dem modernistischen Stil über seine gesamte Laufbahn hinweg treu, und wenn man sich seine Gebäude heute anschaut, mag man kaum glauben, dass sie in dem „Plattenbau“-Land entstanden sein sollen, das die DDR nach landläufiger Meinung war.

Central Berlin - Sanctuary Binz
Müther: Rettungsstation in Binz. Bildquelle: xoio.de

Müthers muschelförmige Bauwerke mit ihren organischen Formen aus dünnem Beton sind spektakulär im schönsten Sinne: das Inselparadies in Baabe (1966), die Osteeperle in Glowe (1968) und der Teepott (1968) in Warnemünde. Neben zahlreichen Pavillons, Restaurants und Sportkomplexen zeichnete er auch für eine Pferderennbahn in Kuba und eine Moschee in Jordanien verantwortlich. Leider wurden viele seiner Bauwerke nach der Wende abgerissen. Sein schönstes Berliner Gebäude jedoch hat nicht nur die Wiedervereinigung überlebt, sondern wurde jüngst modernisiert und zum größten Wissenschaftstheater Europas umgebaut: das Zeiss-Großplanetarium (1987) in Prenzlauer Berg.

Central Berlin - Ostseeperle Glowe
Müther: Ostseeperle in Glowe. Bildquelle: ostseeperle-hotel.de

Central Berlin - Planetarium Berlin
Müther: Planetarium Berlin. Bildquelle: bz-berlin.de

Roland Korn: Marzahn, Alex und sozialistisches Disneyland

Wer über DDR-Architektur schreibt, kommt um die Plattenbauten natürlich nicht herum. Und die besten Plattenbauten in Berlin stehen in Marzahn. Als Chefarchitekt wurde Roland Korn Ende der 1970er Jahre mit der Aufgabe betraut, einen ganz neuen Bezirk mit Wohnraum für 250.000 Menschen aus dem märkischen Boden zu stampfen – die heutigen Stadtteile Marzahn und Hellersdorf.

Central Berlin - Marzahn
Korn: Marzahn. Bildquelle: welt.de

Damals konnten die Berliner es kaum abwarten, in die neuen Stadtteile zu ziehen: viel Grün, moderne Wohnungen (mit Zentralheizung und eigenem Bad!) und jede Menge Platz. Heutzutage genießt Marzahn – weitgehend unverdient – den wohl schlechtesten Ruf unter allen Berliner Kiezen. Unmittelbar vor der Wende hatte Marzahn rund 170.000 Einwohner, heute sind es nur noch um die 100.000.

Central Berlin - State Council GDR
Korn: Staatsratsgebäude der DDR. Bildquelle: berliner-zeitung.de

Korns Einfluss ist auch in der Innenstadt spürbar, freilich in einem vollkommen anderen Stil. Unter anderem zeichnete er für den Neubau des Staatsratsgebäudes der DDR verantwortlich und arbeitete an der Neugestaltung des Alexanderplatzes als neues Zentrum Ost-Berlins mit.

Central Berlin - Nikolaiviertel
Korn: Nikolaiviertel. Bildquelle: Wikimedia

Auf Korns Konto geht auch der Wiederaufbau des Nikolaiviertels, das als ältester Teil von Berlin gilt, weil dort die etwa 780 Jahre alten Überreste der ersten Siedlungen auf dem heutigen Stadtgebiet gefunden wurden. Hier befindet sich nicht nur die älteste Kirche in Berlin, sondern das kleine Viertel hat bis heute ein mittelalterliches Straßengefüge. Im Krieg wurde das Viertel fast vollständig zerstört, und erst Ende der 1970er Jahre entstanden Pläne für seinen Wiederaufbau. Dieser stand leider allzu sehr im Zeichen der typischen DDR-Bauweise, sodass die historischen Fachwerkhäuser mit zahlreichen Betonelementen versetzt wurden. Seinem Spitznamen „sozialistisches Disneyland“ wird das Nikolaiviertel durchaus gerecht.