Die Platte ist Trend

Das Denkmal beginnt am Strausberger Platz. Kilometerlang erstrecken sich die klassizistisch inspirierten Gebäude die Karl-Marx-Allee bis zum Endpunkt Frankfurter Tor. Die Strecke vom Alexanderplatz, dem Zentrum Berlins, bis zum Strausberger Platz wird markiert von Plattenbauten. Rechts und links neben der Karl-Marx-Allee finden sich viele dieser Gebäude. Der Plattenbau, die arme Schwester der grandiosen Bauten der Karl-Marx-Allee. Aber ist die Schwester wirklich so arm?

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Karl-Marx-Allee und Strausberger Platz umzingelt von der „kleinen Schwester“.
Quelle: drsg98 – Fotolia.com

Die DDR hat mit den Plattenbauten das Wohnungsproblem versucht in den Griff zu bekommen und hat eine sehr innovative Lösung gefunden. In so genannten Tafeln wurden Betonfertigteile von der Decke bis zur Wand direkt auf der Baustelle montiert. Der allererste Vorläufer geht zurück auf das Jahr 1910 und steht erstaunlicherweise in New York. Es dauerte bis 1926, als in Berlin-Lichtenberg die Platte in Deutschland ihre Heimat fand. Dann, in den 70er Jahren der DDR, schossen Trabantenstädte in Berlin, Frankfurt an der Oder und Cottbus wie Pilze aus dem Boden. Im Ost-Jargon sprachen die Bewohner von „Arbeiterschließfächern“ und „Fernsehhöhlen“. Architekturkritisch betrachtet handelt es sich beim Plattenbau um die klassische Moderne, der Vorreiter Le Corbusier hat den Stil maßgeblich geprägt und gilt bis heute als Ikone.

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Plattenbauten in Berlin.
Quelle: tilla eulenspiegel – photocase.de

Durch die Fertigbauweise wurde auf jeglichen Schmuck verzichtet und bis heute sind an den Fassaden die einzelnen Platten deutlich zu erkennen. In der Mitte das Fenster, darum geflieste Flächen und als Begrenzung graue Streifen, die das Ende eines Fertigteils markieren. Auf der Strecke zwischen Alex und Strausberger Platz sind rechter Hand fünf dieser Blöcke zu sehen. Der einzige Schmuck: Balkone, die auf die Fassade gesetzt wurden. Auf einem der Gebäude schwebt noch ein Werbeträger aus DDR Zeiten, mittlerweile steht er unter Denkmalschutz. „Balkancarpodem“ verkündet der Schriftzug. Auf dem gegenüberliegenden Plattenbau schwebt ebenfalls eine Werbung für ein Produkt, das ist längst nicht mehr gibt: LKWs Made in Balkan.

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Balkancarpodem, Karl-Marx-Allee in Berlin.
Quelle: thornet – flickr.com

Was es gibt und was neu entstanden ist, ist eine sehr lebendige Kultur in den Häusern. Nicht nur, dass man fußläufig 2-5 Minuten vom Berliner Zentrum entfernt ist und aus den oberen Stockwerken ein sensationeller Blick über die Stadt genossen werden kann – die genormten Wohnungen werden individuell aufgepeppt. Es hat sich ein diverses Miteinander der Hausbewohner entwickelt. Zum einen findet man hier die „Rest-Ossis“. Jeden Morgen begegne ich zum Beispiel einem Brötchen holenden Mann, der anscheinend den Kleiderschrank des letzten Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker geerbt hat. Beigefarbene Hosen, beigefarbene Windjacke und je nach Witterung ein keckes Hütchen. Alles in unverrottbarem Plastikstoff. Ein weiteres Indiz für seine Vergangenheit: der Stoffbeutel, der im Osten ein unverzichtbares Accessoire für ewiges Schlange stehen war. Man wusste nie, was es wann wo gibt und hatte aus reiner Vorsicht schon mal seinen Stoffbeutel dabei. Heute würde jeder Beutelträger eine Medaille für ökologisches Bewusstsein kriegen. So ändern sich die Zeiten…

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Plattenbau Made in Berlin.
Quelle: kallejipp – Photocase.de

Nach der Wende hat die Begehrlichkeit, in einer der Plattenbauten eine neue Heimat zu finden, deutlich abgenommen. Doch nur für wenige Jahre. Gerade im Zentrum der Hauptstadt sind die Plattenbauten ein Hotspot für Hipster, Grafikdesigner und Kreative aus der ganzen Welt geworden. Die Mieten sind im Verhältnis zu allen anderen europäischen Metropolen durchaus bezahlbar, aber das ist nur ein Grund. Die ästhetischen Parameter für „schönes Wohnen“ haben sich im Laufe der letzten 20 Jahre geändert. War es bis in die 90er Jahre noch das Nonplusultra in einem Altbau mit Stuckdecke und Parkettboden zu wohnen, so sind die Bauten der 50er und 60er Jahre heute Ausdruck des Zeitgeists. Viele der neuen Bewohner leben in einer Mischung aus nackten Betonwänden versus farbigen Flächen, mit Vitra und Eames Möbeln. Großzügige Wohnungsbaugesellschaften, die als Vermieter fungieren, erlauben sogar das Entfernen von Trennwänden zwischen Flur und Küche. Das bedeutet: aus den ehemaligen Arbeiterschließfächern sind stylische Behausungen geworden. Und aus der armen Schwester der grandiosen Karl-Marx-Allee ein echter Hot-Spot. Zwischen den Riegeln aus Betonteilen und den denkmalgeschützten, grandiosen Bauten herrscht Konsens unter den Bewohnern: Es ist besonders hier zu wohnen. Ganz besonders.

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Ostberlin
Quelle: tiefpics – Photocase.de