Alexanderplatz – hätten Sie‘s gewusst?

Der Alexanderplatz ist womöglich der seltsamste Platz in ganz Europa. Er ist weltberühmt und ein Muss für jeden Berlin-Besucher. Warum? Gute Frage. Schließlich ist der „Alex“ weder architektonisch interessant noch sonderlich malerisch, sondern bloß eine riesige freie Fläche mit nicht besonders tollen Gebäuden, in denen sich Allerweltsgeschäfte befinden. Ach ja, und dann ragt da noch dieser Betonturm in den Himmel. Vielleicht ist er auch einfach nur der enttäuschendste Platz in ganz Europa. Aber in der Valentinswoche möchte ich ihm trotz allem ein bisschen Liebe schenken und ein paar weniger bekannte Fakten in den Vordergrund rücken.

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Alexanderplatz heute. Bildquelle: john_coffee/ photocase.de

Von Anfang an

Beginnen wir mit dem Geschichtlichen – immerhin zählt der Alexanderplatz schon seit Jahrhunderten zu den bedeutendsten Orten in Berlin: erst als Viehmarkt außerhalb der Stadtmauern, später dann als Herzstück der DDR-Hauptstadt Ost-Berlin. Nach einem Besuch des russischen Zaren Alexander I. wurde der ehemalige Königs Thor Platz 1805 umbenannt. Mit der Eröffnung eines Bahnhofs, einer Markthalle und eines Kaufhauses gewann er im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert stetig an Bedeutung.

In den wilden Zwanzigern pulsierte auf dem Alex sowie dem Potsdamer Platz das Nachtleben der Hauptstadt. Hier spielte auch der gleichnamige Roman von Alfred Döblin. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren vom historischen Alex außer den Ruinen des Bahnhofs nur zwei bedeutende Gebäude übrig geblieben: das Alexanderhaus und das Berolinahaus, die beide 1932 fertig gestellt wurden.

Immer was los

Hier noch ein paar Zahlen: 2014 lockte der Alex 360.000 Besucher am Tag an und steht damit dem New Yorker Times Square an Beliebtheit nicht nach. Mit 250.000 Fahrgästen am Tag zählte der Bahnhof Alexanderplatz zu den meistbesuchten der Stadt. Pro Stunde besuchen 10.230 Menschen die Geschäfte rund um den Alex – doppelt so viele wie 2000. Damit gehört der Alex zu den meistbesuchten Plätzen in Europa und zu den wichtigsten Einkaufszonen in Deutschland. Gut, dass er mit einer Gesamtfläche von 80.000 m2 viermal so groß ist wie sein Amsterdamer Gegenstück, der Dam!

Central Berlin - Alexanderplatz von oben
Blick auf den Alex von der Galeria Kaufhof. Bildquelle: Daphne Damiaans

Immer noch auf Sendung

Ich brauche keine genauen Zahlen, um zu behaupten, dass der Fernsehturm das meistfotografierte Motiv in Berlin ist. Deswegen rate ich meinen Besuchern immer davon ab, dort hochzufahren und die Aussicht zu genießen – die Urlaubsfotos geraten nämlich viel besser, wenn der Fernsehturm darauf zu sehen ist. Der Turm dominiert die Berliner Skyline seit seiner Fertigstellung im Jahr 1969 und zählt mit 12 Millionen Besuchern im Jahr zu Berlins beliebtesten Sehenswürdigkeiten. Darüber vergisst man leicht, dass er mit 150 Radio- und Fernsehantennen und einer Reichweite von 20.000 Quadratkilometern bis heute seinen ursprünglichen Zweck als Fernsehturm erfüllt.

Central Berlin - Alexanderplatz bei Nacht
Alexanderplatz bei Nacht. Bildquelle: Daphne Damiaans

Deutschlands höchstes Hotel

Als höchstes Gebäude in Deutschland stellt der Fernsehturm den anderen Turm am Alex buchstäblich in den Schatten: das Park Inn Hotel, mit einer Höhe von 125 Metern das zweithöchste Gebäude in Berlin. Das damalige „Interhotel Stadt Berlin“ wurde ebenfalls in den späten 1960er Jahren im Zuge einer umfassenden Modernisierung des Platzes erbaut und zur Feier des 21. Geburtstags der DDR mit 1.982 Betten in 1.006 Zimmern eröffnet. Um die 1.000 Mitarbeiter kümmerten sich im Hotel und den dazugehörigen Bars, Restaurants, Läden, dem Friseursalon und der Autowaschanlage um die Gäste, zumeist wichtige politische Würdenträger aus dem befreundeten Ausland. Kurz nach der Jahrtausendwende wurde das Park Inn komplett renoviert und ist bis heute nicht nur das höchste, sondern auch das zweitgrößte Hotel in Deutschland.

Endlich: Snacks am Alex!

Direkt nebenan entstand in den frühen 1970er Jahren das HO-Centrum-Warenhaus, mit 15.000 m2 Verkaufsfläche das größte Kaufhaus der DDR. Damit war der Alex für die Zukunft gerüstet – mit einer Ausnahme.
Dank seiner futuristischen Bebauung wurde der Platz schnell zum Touristenmagneten. Und die zahlreichen Besucher wollten verköstigt werden. Die wenigen vorhandenen Restaurants platzten längst aus allen Nähten. Also beauftragte die DDR-Regierung einen Sonderausschuss, der auch tatsächlich eine Lösung erarbeitete: Fastfood musste her! Natürlich keine dekadente Westkost aus den USA, sondern eine authentisch ostdeutsche Variante. Und so eroberten ab 1979 Ketwurst und Grilletta die Herzen und Mägen der Besucher.