Alles nach Plan

In Berlin wurde eine Ausstellung über DDR-Design eröffnet, die noch bis März nächsten Jahres besucht werden kann. Dass der Osten trotz Planwirtschaft überraschend kreativ war, ist nur eine Erkenntnis des Besuchs.

Eine Ausstellung über Design in der DDR. Moment – Design? Mitnichten. Die DDR Führung hatte natürlich einen eigenen Namen dafür: „Formgestaltung“.
An dieser Stelle sei ein kleiner Exkurs in DDR-Sprech erlaubt: Statt „Fähnchen“ zu sagen (die kleinen Fahnen mit denen die Bürger während öffentlicher Großveranstaltungen zu winken hatten), sagte man „Winkelement“. Weihnachtsengel trugen den absurden Namen „Jahresendzeitfigur“ und last but not least: Erich Honecker musste in jeder Nachrichtensendung mit seinem gesamten Titel angekündigt werden: „Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzender des Staatsrats der Deutschen Demokratischen Republik“…da geht einem Nachrichtensprecher schon mal der Atem aus.
Aber zurück zum Thema.

Form im Sinne von Formalien waren ein Kitt, der den bröckelnden Staat bis zu seinem Ende zusammenhalten sollte. In den wenigen, (ansatzweise) freien Nischen entstand Schönes. Selbst von staatlicher Seite gefeierte Maler wie Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer oder Bernhard Heisig haben Werke geschaffen, die die Diktatur überdauerten und heute noch hoch gehandelt werden. Denn die Kunstwelt hat die Kreativität jenseits der Ideologie längst entdeckt und neu bewertet.

Design – das ist die arme Schwester der Kunst. Daher ist es nicht verwunderlich, dass nur sehr wenige Insider längst schätzen, was in den Ateliers der DDR-Designer entstanden ist. Vom Staubsauger bis hin zum Sitzmöbel – die Dinge, die den DDR-Bürger umgaben, sind durchaus eine näherer Betrachtung wert. Für fast alle Produkte aus dem Osten Deutschlands gilt: Es wurde zwar versucht, eine eigenständige Formensprache zu entwickeln, die Einflüsse der westlichen Kultur waren aber trotzdem spürbar. Verner Panton zum Beispiel – einer der ganz großen des Designs –hat Dimensionen in der Formensprache gesprengt, die den Formgestaltern im Osten nicht unverborgen geblieben sind. Und der Däne hat in der DDR Spuren hinterlassen. Die Designer im Osten sind dabei geschützt worden von einem System, dass sich einen Dreck um geistige Urheberschaft oder Copyright kümmerte. In minimalen Abwandlungen sind Entwürfe von Panton als DDR-Originale auf den Markt gekommen. Heute, in der Rückschau, sind es aber nicht nur Skurrilität, sondern Zeitdokumente – in Form und Inhalt zugleich. Dabei ist es nicht mal nötig, ein ausgefuchster Spezialist zu sein: Wandert man durch die Ausstellung in der Kulturbrauerei im Osten Berlins, dann findet man einige Plagiate, die gezeigt werden. Vieles ist natürlich auch original – geprägt von einem Stil, der den ästhetischen Vorgaben der Sowjetunion folgte.

Die DDR und die UDSSR sind auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet. Das RFT-Radio, Simson-Moped und Mitropa-Geschirr gehört hier jedoch keinesfalls hin. Ganz im Gegenteil. Es hat sich eine Sammlerszene entwickelt und die Stücke haben Kultstatus. Was nach der Wende auf dem sogenannten „Polenmarkt“ für ganz kleines Geld verscherbelt wurde, ist heute eine rentable Anlage.
Ach ja, der „Polenmarkt“: Das was das Areal, auf dem heute der Potsdamer Platz zu finden ist. Eine Brache, ein ehemaliger Grenzstreifen. Heute ist hier jedoch alles neu, Geschichte findet nur noch mit einen paar Mauerfragmenten statt, vor denen sich Besucher fotografieren. Die Vision – besonders im Bereich Design – von einer menschenfreundlichen, erschwinglichen, ehrlichen und dauerhaft verlässlichen Alltagskultur für alle ist gescheitert.
Die Dinge gibt es aber noch: Spielzeug von Manfred Schindler, Objekte für den Gesundheitsbereich von Peter Rossa, Dekorationsstoffe von Ursula Klepper, Bistro-Möbel von Dieter von Amende. Sie sind längst überholt, aber unerreicht – also genau das, was einen Klassiker ausmacht.

Und wenn Alvar Alto, Dieter Rams oder Eero Saarinen in den stilbewussten Wohnungen am Strausberger Platz zu finden sind, warum dann nicht einfach mal einen Ost-Klassiker kaufen? Das Design der Zeit in die Wohnungen hinter den imposanten Fassaden zu holen, ist nur konsequent. Und noch sind die Dinge im Vergleich zu den Klassikern aus dem Westen ein Schnäppchen. Noch. Was dem eigenen Geschmack entspricht, kann man sich vorab ja schon mal auf der Ausstellung anschauen. Eine Art museale shopping Inspiration.