Bahn frei, hier kommt der Barkas!

Ich erinnere mich genau an meine erste Begegnung mit ihm: Es war in Leipzig, hinter einem Restaurant, das auch ein DDR-Flugzeug zu seinem Inventar zählte. Das Flugzeug wird heute als Veranstaltungslocation genutzt, aber irgendwo im Niemandsland hinter den Gebäuden, halb im kniehohen Gras versunken, stand ein vergessenes Stück DDR-Geschichte: ein Barkas, das ostdeutsche Gegenstück des VW-Transporters. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick, aber leider stellte sich ziemlich schnell heraus, dass dieser Bus nicht mehr fahrtüchtig war. Seitdem träume ich davon, einen Barkas-Bus zu besitzen – denn er übertrifft womöglich sogar den Trabant an kultigem Charme.

Krankenwagen, Feuerwehr- und Militärfahrzeug, Transporter, Lieferwagen, Kleinlaster: der Barkas B1000 war ein echtes Allroundtalent. Selbst die Stasi benutzte ihn zum Gefangenentransport – und kaschierte dies, indem die Wagen Beschriftungen wie „Frischer Fisch“ oder „Obst und Gemüse“ trugen. Sowohl in der Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen als auch im Stasi-Museum in Lichtenberg gibt es einen umfunktionierten Barkas zu besichtigen, in dessen Innerem Gefangene in schall- und lichtdicht versiegelten Einzelzellen transportiert wurden.

Central Berlin - Stasi Barkas
Stasi-Barkas. Bildquelle: By Rob H (Own work) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Mindestens so gut wie der VW-Transporter

Insgesamt wurden in dem VEB Barkas-Werke Karl-Marx-Stadt, der mehr als 2.000 Mitarbeiter beschäftigte, über 175.000 Busse hergestellt. Der erste B1000 lief 1961 vom Band. Mit 42 PS, einer Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h und einem Gewicht von 1.200 kg konnte der Barkas es durchaus mit den damaligen VW-Transportern und Ford Transits aufnehmen. Der 4,50 Meter lange und 1,80 Meter breite Bus wurde der Öffentlichkeit erstmals auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1962 vorgestellt.

Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wurden einige kleinere Änderungen vorgenommen: Ab 1975 war der Fahrersitz mit einem Sicherheitsgurt ausgestattet, ab 1978 auch der Beifahrersitz. 1987 wurde im hinteren Wagenteil eine Schiebetür eingebaut. Ab 1987 arbeitete die Forschungsabteilung der Barkas-Werke an einem verbesserten Nachfolgermodell, dem Barkas B1100. Vier Jahre später ordnete die Regierung jedoch die Zerstörung sämtlicher Dokumente an, die mit dem neuen Prototyp zusammenhingen. Für die nächste Generation des Barkas fehlte das Geld.

Barkas-Busse waren aus dem Straßenbild der DDR nicht wegzudenken

Es dauerte nicht lange, bis der Barkas von den westlichen Äquivalenten abgehängt wurde. Er hatte zwar mittlerweile einen etwas stärkeren Motor, der jedoch erstens einen Höllenlärm machte und zweitens zwischen dem Fahrer- und Beifahrersitz eingebaut war. Mit anderen Worten: Ein Autoradio wäre reine Geldverschwendung gewesen … Trotzdem waren die Barkas-Busse aus dem Straßenbild der DDR nicht mehr wegzudenken, und das obwohl die meisten Normalverbraucher nur davon träumen konnten, einen zu besitzen. Denn es gab keine Alternativen, der Barkas B1000 war der einzige Transporter in der DDR.

Im Herbst 1989, pünktlich zum Mauerfall, war der Nachfolger des B1000 endlich fertiggestellt. Ein Viertakt-Volkswagenmotor sollte den Barkas zukunftsfähig machen. 1.961 Wagen des Modells B1000-1 wurden gebaut, bevor die Barkas-Werke am 10. April 1991 endgültig dichtmachten. Zum Preis von ca. vier Millionen Euro wurden die Maschinen ordnungsgemäß gewartet und verpackt, die Fertigungsprozesse dokumentiert und sämtliche Unterlagen ins Russische übersetzt. Von nun an sollte die Produktion nämlich in Russland fortgesetzt werden.

Produktionsverlagerung nach Russland scheiterte an zu hohen Kosten

Die insgesamt vierzig Container waren transportbereit, doch wie sich bald herausstellte, war keiner der Interessenten in der Lage, für die Transportkosten aufzukommen. Inzwischen hatten 2.300 ehemalige Barkas-Angestellte bereits ihre Arbeitsplätze verloren. Am 10. Januar 1994 fiel die Entscheidung, das Projekt aufzugeben und sämtliches Inventar umgehend zu verschrotten.

Auch wenn seitdem keine neuen Barkas-Busse mehr gebaut wurden, ist die Geschichte des DDR-Transporters damit noch nicht zu Ende. Von den Tausenden Wagen, die damals noch auf ostdeutschen Straßen herumfuhren, sind zwar viele mittlerweile ausrangiert und rosten im kniehohen Gras hinter einem Restaurant vor sich hin. Zugleich wächst jedoch auch das Interesse an diesen Wagen, die allemal genauso viel Charme haben wie ein alter VW-Bus. Derzeit ist ein Feuerwehrwagen Baujahr 1979 noch für knapp unter 5.000 Euro zu haben – obwohl einige Verkäufer auf eBay 20.000 für ihren Barkas haben wollen. Eins steht fest: Wer noch einen Barkas zum Schnäppchenpreis haben will, sollte sich beeilen, denn es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis dieses charismatische Kerlchen zum heiß begehrten Kultobjekt wird!