Beliebt wie ein Trabi: Kultmöbel der Deutschen Werkstätten Hellerau

Jedem, der Architektur studiert hat, ist Hellerau ein Begriff. Von Karl Schmidt-Hellerau zum Werksstandort bestimmt, wurde der Stadtteil Dresdens 1909 als erste Gartenstadt Deutschlands gegründet und nach Plänen des Architekten Richard Riemerschmid gebaut. Doch noch vor dem Städte- kam der Möbelbau: Als Gründungsmitglied des Deutschen Werkbundes standen Schmidt-Helleraus 1898 gegründeten Werkstätten für hochwertige Produkte aus maschineller Fertigung und boten eine echte Alternative zum damaligen Industrieramsch, der nur allzu gerne historische Formen kopierte.


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Helleraumöbel seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts bis 1946

Um 1900 herum waren im Möbelbau der Deutschen Werkstätten Hellerau noch klare Jugendstileinflüsse und die Nähe zum englischen Arts-and-Crafts-Movement erkennbar. Doch schon 1903 entstanden die ersten sogenannten „Maschinenmöbel“ – funktionale Entwürfe, die industriell gefertigt, in Serie produziert und zerlegt in die Wohnung transportiert werden konnten. Sie entwickelten sich zu begehrten, weil erschwinglichen und dabei hochwertigen, Produkten und wurden bis in die Zwanzigerjahre hinein in verschiedenen Serien hergestellt.

Im Zweiten Weltkrieg begann ein dunkles Kapitel der Firmengeschichte. Durch den Krieg entstandene Lücken in der Belegschaft wurden mit französischen und sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern gefüllt, immer weniger Möbel und immer mehr Gewehrschäfte und Flugzeugteile für die Heinkel He 162 S, auch Volksjäger genannt, gingen vom Band. Deshalb wurde der Betrieb schon 1946 von der Sowjetischen Besatzungsbehörde unter staatliche Verwaltung gestellt und 1951 schließlich ganz enteignet.


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Die Deutschen Werkstätten Hellerau in der DDRAls „Volkseigener Betrieb Deutsche Werkstätten Hellerau“ ging die Geschichte in Dresden mit Möbeln weiter, die auf das Wesentliche reduziert waren: 1957 begann die Herstellung der berühmten „Anbaumöbel Typensatz 602“. Deren Schränke, Sideboards und Schreibtische in skandinavisch freundlichen Holztönen mit typischen Fünfzigerjahre-Elementen wie geschwungenen Schubladengriffen und spitz zulaufenden, schlanken Füßen begründeten den Ruhm der Werkstätten zu DDR-Zeiten und darüber hinaus. Für Eleganz sorgten allein gute Proportion und eine subtile Gliederung. Schöpfer der Möbel, die in der DDR ähnlich begehrt gewesen sein sollen wie ein neuer Trabi, war der Architekt, Designer und Bauhausschüler Franz Ehrlich, der als Kommunist ins KZ Buchenwald deportiert und nach dem Krieg zum Leiter des Referats für Wiederaufbau in Dresden ernannt worden war.

1967 ging dann das sogenannte „MDW-Programm“ des Entwurfskollektiv um Rudolf Horn in Produktion und wurde für satte 24 Jahre hergestellt, und das, obwohl Walter Ulbricht beim Anblick der Schaumöbel auf der Leipziger Messe den berühmten Satz gesagt haben soll, es handele sich dabei doch bloß um „Bretter“. Das „MDW-Programm“ war, den Vorlieben der Zeit entsprechend, viel massiver als Ehrlichs frei kombinierbare Einzelmöbel, im Rastersystem aufgebaut und wandfüllend, wie man es von der Schrankwand der Siebzigerjahre kennt.

Doch nicht nur für die stilvolle Verschönerung von Privatwohnungen zeichnete der VEB verantwortlich, ebenso nahm man hier in industrieller Großfertigung die Holzauskleidung und Innenausstattung ganzer Hotels, Hochschulen und Theater in die Hand – zum Beispiel an der Dresdner Semperoper oder dem Leipziger Gewandhaus.

1970 wurde aus den „Werkstätten“ das „VEB Möbelkombinat Hellerau“, mit 625 Mitarbeitern um 1990. 1992 reprivatisiert, zogen die „Deutschen Werkstätten Hellerau“ im Jahr 2000 in einen Neubau gegenüber dem alten Firmenstandort um. Heute stellen sie projektbezogen Inneneinrichtungen für Unternehmen, Schiffe oder Privatbauherren her, anknüpfend an die lange Tradition des Unternehmens und ganz im Sinne der Moderne.


…und mich hier.

Vintage-Möbel des VEB Deutsche Werkstätten Hellerau heute

Nach der Wende ereilte viele Helleraumöbel dasselbe Schicksal wie alles, was damals als alt und verstaubt galt: Sie landeten auf dem Sperrmüll. Doch längst haben sich vor allem Franz Ehrlichs Entwürfe zu begehrten Vintage-Objekten entwickelt, die heute als Beispiel für Fiftiesdesign in Höchstform gelten. Sie lassen sich an ausgewählten Fachadressen wie der Gallery Central Berlin am Straußberger Platz 16 bewundern.