Berlin in 26 Wochen – Meine Geschichte

183 Tage, 28 Besucher, 130 Gläser Bier, 23 vegetarische Hamburger, 41 Spaziergänge im Volkspark Friedrichshain, 1.040 km mit dem Fahrrad unterwegs und 44°C Temperaturunterschied. Ich bin jetzt seit einem halben Jahr in Berlin und so langsam schleicht sich die unausweichliche Frage „Bleibe ich nach dem halben Jahr in Berlin?“ immer wieder in meinen Kopf. Auch meine Freunde fragen mich und wenn ich antworte, dass sich sehr wahrscheinlich bleiben werde, ist die nächste Frage wie es denn sei, in Berlin zu leben. Als Antwort reicht ein einfaches „Toll!“ jedoch meistens nicht aus.

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Ausblick vom Groß Bunkerberg im Volkspark Friedrichshain
Quelle: Daphne Damiaans

Das brachte mich dazu, ein wenig darüber nachzudenken. Was ist es, das Berlin so anziehend macht, was ist das Alleinstellungsmerkmal, die Magie, von der immer alle sprechen? Die touristischen Sehenswürdigkeiten wie das Brandenburger Tor oder der Fernsehturm sind es nicht. Vielleicht sind es die vielen unterschiedlichen Viertel mit ihren ganz eigenen Stilen und den verschiedensten Atmosphären – aber andererseits haben Amsterdam, Paris oder London auch eine sehr große Lebensvielfalt. Vielleicht sind es aber auch ganz einfach die Berliner mit ihrem kreativen Lebensstil und der entspannten Einstellung. Vielleicht…aber trifft das nicht auf die Einwohner in so ziemlich jeder Metropole zu? Könnten es auch die Veranstaltungen sein? Die vielen Partys und kulturellen Highlights? Möglicherweise, aber das macht sie auch nicht aus, die Berliner Einzigartigkeit.

Stadt der Gegensätze – von dunklem Winter zu heißem Sommer

Ich glaube, ich muss weiter denken. Ich muss etwas finden, was euch verstehen lässt, welches Gefühl mir Berlin gibt. Etwas das beschreibt, warum ich diese Stadt bereits nach einer Woche Holland vermisst habe. Und das obwohl ich alle meine holländischen Freunde um mich hatte. Ich muss nach meiner persönlichen Einstellung gegenüber Berlin suchen. Und auch wenn ich sie manchmal selbst nicht kenne, versuche ich es meinen Besuchern immer zu vermitteln, dieses eine Gefühl, welches Berlin so liebenswert macht. Selbst dann, wenn die Sonne schon um 16 Uhr untergeht oder wenn im Sommer die 40°C-Marke geknackt wird. Ich glaube, Berlin ist ein Platz an dem du, du selbst sein kannst. Und es kommt nicht darauf an, wer du bist, wo du herkommst und was dein Lebensplan ist. Das ist jetzt vielleicht etwas allgemein formuliert, aber ich werde jetzt versuchen, dass zu verdeutlichen.

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Marzahner Windmühle – und doch genießt der Bezirk keinen guten Ruf
Quelle: Daphne Damiaans

Ein erster wichtiger Aspekt besteht darin, dass Berlin genug Platz für alle bietet. Natürlich gibt es hier sehr viele Menschen, immerhin fast 3,5 Millionen auf 891 km², was in etwa 3.900 Einwohner auf einen Quadratkilometer bringt. Das klingt im ersten Moment nach ziemlich vielen Menschen, auf ziemlich wenig Raum verteilt. Aber verglichen mit anderen Weltmetropolen wie London mit 5.206 Einwohnern/km², New York mit 10.518 Einwohnern/km² oder Paris mit 20.700 Einwohnern/km² haben wir hier doch noch recht viel Platz. Und wie in jeder anderen Stadt auch, gibt es in Berlin Bezirke, die total angesagt sind, aber wiederum auch einige, die es nicht sind. Aber ich würde sagen, dass nahezu jeder Bezirk irgendeine Besonderheit hat. In diesem Sommer war ich sogar einmal in Marzahn, vermutlich der Stadtteil mit dem schlechtesten Ruf in ganz Berlin. Ich habe mich zwar kaum aus dem Auto getraut, aber dann sah ich eine Windmühle und eine Ziege, die ihr auch auf dem Foto sehen könnt. Außerdem habe ich die Aussicht von Berlins höchstem Berg genossen und eine Wohnung besucht, in der die DDR immer noch weiterzuleben scheint. Und trotz all dieser Unternehmungen hatte ich noch nicht mal Zeit, die Brauerei zu besuchen.

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Warum nicht einen Samstagnachmittag in einem verlassenen Schwimmbad verbringen?
Quelle: Daphne Damiaans

Aufgrund der ungeheuren Vielfalt, die Berlin ausmacht, finden sich auch für jedes Hobby oder Interesse verschiedene Möglichkeiten, um diesen nachzugehen. Wenn du ein Kunstliebhaber bist, dann kannst du deine Wochenenden am besten damit füllen, die gefühlten hunderten von Galerien und dutzenden von Museen zu besuchen. Außerdem gibt es für die Naturliebhaber über 2.500 Grünflächen und Parks in der Stadt. Und ganz Brandenburg, also das direkte Berliner Umland, besteht quasi nur aus grüner Natur. Und sollten deine Hobbies etwas weniger alltäglich sein, in Berlin wirst du auch dafür einen Platz finden. Es gibt Nachtclubs in denen Dinge passieren, die du dir in deinen kühnsten Träumen nicht hättest ausmalen können, Partys und Filmabende in besetzten Häusern (Kopi 137), Bunkertouren (Berliner Unterwelten), Urban Gardening, das Erkunden von verlassenen Botschaften und Schwimmbädern oder Flohmärkte, bei denen die verrücktesten Sachen zum Verkauf stehen. Und jetzt greife ich also doch noch auf ein altes Klischee zurück: In Berlin ist alles möglich! Oder zumindest eine Menge mehr als in anderen Städten.

Hipster gehen auch auf Weihnachtsmärkte

Was mich wirklich überrascht hat, ist wie sich in Berlin viele Menschen mit gänzlich unterschiedlichen Hintergründen vermischen. Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass Berlin die perfekt gemischte, Multikulti-Gesellschaft ist, aber in Berlin vermischen sich die vielen verschiedenen Altersgruppen und die unterschiedlichen ethnischen Gruppen und Subkulturen besser als in den Niederlanden. Wenn in Amsterdam zum Beispiel ein tolles, neues Restaurant eröffnet, dann wird es zunächst von den Hipstern eingenommen, die an diesem neuen „Hotspot“ gesehen werden wollen. Familien oder gar alte Leute sind dann dort nicht erwünscht. In Berlin ist das anders. Die Strandbar und derzeit der Weihnachtsmarkt Klunkerkranich, der auf dem Dach eines Einkaufszentrums in Neukölln zu finden ist, sind sehr gutes Beispiel dafür. Hipster, alte Leute und Familien mischen sich hier zusammen um einfach eine schöne Zeit zu verbringen. Genauso geht es auch in der Strandbar Yaam zu. Touristen, Punks und Studenten mischen sich mit Jamaikanern und anderen Rastafaris. Diese über-relaxte Atmosphäre ist dort allerdings auch der Tatsache geschuldet, dass jeder in Rauch eingehüllt ist, egal ob aktiv oder passiv.

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Berlin ist immer noch auf der Suche nach sich selbst – also warum bauen wir nicht einfach alles so auf wie es einmal war? Das Berliner Stadtschloss wurde 1442 erbaut und 1950 zerstört. Mittlerweile befindet es sich im Wiederaufbau.
Quelle: Daphne Damiaans

Also, wo kommt sie denn nun her, diese besondere Art der Berliner? Ich glaube, für diese Erklärung gibt es einige Möglichkeiten. Wo auch immer man hinschaut, prägen sich die meisten Städte durch ihr altes Zentrum oder durch Unternehmen, die in den Städten ansässig sind. Berlin jedoch musste sich in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder neu definieren. Hier ein kleiner geschichtlicher Überblick: In den 20er Jahren war Berlin das Zentrum Europas wohingegen es in den 30er und 40er Jahren alles verlor. Anschließend gehörte ein Teil Berlins zu West-Deutschland, während der andere Teil die Hauptstadt der damaligen DDR war. Bis heute ist Berlin anscheinend auf der Suche nach einer eigenen Identität, aber wen kümmert das? Berlin befindet sich in einem ständigen Wandel und braucht kein klares Stadtzentrum. Berlins Stärke liegt darin, vielfältig zu sein. Und das ist es, mit den vielen verschiedenen Bezirken, von denen jeder seine eigene Identität hat.

Es gab eine Zeit, da wollte niemand nach Kreuzberg

Ein Teil der Identität wird natürlich auch von den Bewohnern geprägt. Historisch gesehen war Berlin immer schon ein Magnet für einen sehr besonderen Menschentyp. Anfang des letzten Jahrhunderts war die Stadt eine Anlaufstelle für Menschen aus ganz Europa, die ein Teil des aufstrebenden Berlins werden wollten. Nach dem zweiten Weltkrieg, entwickelte sich Berlin auf noch nie da gewesene Art und Weise, denn es entstanden zwei separate Städte. Bevor es dann 1989 wiedervereint wurde und so in die 90er Jahre startete. Bis dahin war Ost-Berlin gegenüber West-Berlin eine Art Festung, währenddessen war West-Berlin wie ein Hafen für die Menschen, die nach Deutschland kamen. Besonders türkische Migranten zog es dann in einen Bezirk in dem niemand sonst gerne wohnen wollte: das mittlerweile sehr beliebte Kreuzberg. Aber auch junge und rebellische West-Deutsche, die nicht zur Bundeswehr gehen und vor der Einberufung flüchten wollten, strandeten in West-Berlin, das offiziell kein Teil der Bundesrepublik Deutschland war.

Die Menschen, die damals West-Berlin als ihren Zufluchtsort gewählt haben, sind teilweise heute immer noch hier. Berlin gilt heutzutage als kreativ, wild und künstlerisch, was der Grund dafür ist, dass bis heute der Strom an Menschen aus aller Welt, die hier herziehen, nicht abreißt. Denn alle wollen einmal Teil des pulsierenden Lebens in Berlin sein. Manche bleiben für immer und bauen sich hier ihr Leben auf, für viele ist Berlin aber eine Art Zwischenstopp, teilweise auch zur Selbstfindung. Sie denken darüber nach, was sie vom Leben und auch von sich selbst erwarten. Und dann bist du neu in einer riesigen Stadt, du brauchst neue Freunde und vielleicht auch einen neuen Job, um den Neuanfang finanzieren zu können. Also warum sollte man die Chance dann nicht nutzen und sich selbst auch neu erfinden? Wen kümmert es denn, ob dein Leben in der Heimat das pure Chaos war? Niemand in Berlin muss es wissen. Und solltest auch hier scheitern, kannst du ja jederzeit die Stadt wieder verlassen. Oder zumindest den Bezirk.

Also, wenn man mich fragt ob ich nach dem Juni 2016 bleiben werde, ist meine Antwort „Ja, natürlich!“. Ich will noch einen weiteren Sommer, Herbst, Winter und Frühling in Berlin erleben. Ich möchte noch viele, viele Biersorten und Burger probieren (oder Hotdogs, was auf jeden Fall als nächstes auf der Speisekarte steht). Ich möchte den großen Bunkerberg im Volkspark Friedrichshain mindestens noch 100 Mal erklimmen und ich möchte alle Bezirke kennenlernen, die ich bis jetzt noch nicht erleben durfte. Ich will, dass Menschen mich anmotzen, weil ich mit meinem Fahrrad auf der falschen Seite fahre und ich will von der eigentlich viel zu hübschen Kellnerin in den viel zu coolen Bars ignoriert werden. Berlin, ick liebe dir! Und ich habe nicht vor, mich von dir zu trennen, noch nicht jedenfalls.