Berlin in eine Fahrrad Metropole verwandeln

Da ich Holländerin bin, ist es eigentlich ein kleines Wunder, dass ich bislang noch nicht über Fahrräder geschrieben habe – oder zumindest kaum. Da ich mir aber ein Leben ohne Fahrrad nicht vorstellen könnte und ich es für rund 98% meiner Fahrten innerhalb der Stadt nutze, ist es jetzt an der Zeit, dem Fahrradfahren in Berlin ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Dazu vorab: Die Geschichten sind wahr, die besagen, dass Berlin eine großartige Stadt zum Radeln ist. Allerdings gibt es hier und da noch Verbesserungspotenzial. Daher möchte ich Ihnen, als besorgte Holländerin, alles erklären, was man über eine „Fahrrad Metropole“ wissen sollte – und liebes Berlin, bitte verzeih mir, wenn ich ab und zu etwas frustriert bin, aber ich liebe dich noch immer.

Zunächst ein paar Fakten: Berlin vs. Holland. Im Jahr 2013 machten Fahrradfahrten in Berlin 18% des gesamten Verkehrsaufkommens aus. Im Jahr 2007 waren es in den Niederlanden bereits 33% (bei einer Entfernung von weniger als 7,5 km) und sogar 45% aller Fahrten unterhalb von 2,5 km. Berlin hat 0,71 Fahrräder pro Einwohner, Holland im Gegensatz 1,1 Fahrräder pro Einwohner. Es gibt 620 Kilometer Radwege in Berlin und 1800 Kilometer in der niederländischen Provinz Utrecht (das etwa die Größe von Berlin hat).

Je breiter, desto besser

Wenn man „Radweg“ googelt, ist einer der ersten Vorschläge „Radweg Niederlande“. Denn wir Holländer kennen die Bedeutung eines guten Radwegs. Laut dictionary.com heißt es: „Ein markierter oder abgetrennter Teil einer Straße zur Benutzung durch Radfahrer“. In Holland bedeutet „Teil einer Straße“ ziemlich oft eine ganze Straße nur für Fahrräder. Vier Personen könnten nebeneinander in die Pedale treten und es würde trotzdem noch genug Platz sein, um sich gegenseitig zu überholen. In Berlin habe ich manchmal Angst von der Fahrrad-Spur zu fallen, da sie schon für einen Radfahrer zu eng sind. Das heißt: wenn es überhaupt eine separate Spur gibt, denn bei vielen großen Straßen müssen sich Radfahrer die Spur mit Bussen und Taxis teilen (70 Kilometer von den insgesamt 620 Kilometern). Und die Bus- und Taxifahrer sind nicht immer die freundlichsten Typen… Hinzu kommt, dass die Fahrradwege in Berlin oft durch Bushaltestellen und geparkte Autos versperrt sind, Fußgänger kreuzen, Glassplitter herumliegen und und und.

„Die Straßen sind wahnsinnig breit“, schrieb ein Journalist des Guardian in einem Artikel über Radfahren in Berlin. „Gestern radelte ich vom Alexanderplatz zur Karl-Marx-Allee runter, dem architektonischen Beispiel für ostdeutschen Straßenbau. […] Der imposante Boulevard ist fast 90 Meter breit und auch die Gehwege sind breit genug, um zwei Panzer nebeneinander fahren zu lassen.“ Ich bin auch der Meinung, dass Radfahren auf der Karl-Marx-Allee eine tolle Kombination aus Sightseeing und Fortbewegung ist. Aber auch in meiner Straße sind die Radwege viel zu schmal. Es gibt eine etwa 1 Meter breite Fahrrad-Spur und einen 100 Meter breiten Gehweg daneben…naja, vielleicht übertreibe ich auch ein wenig.

Gutes Karma, schlechtes Karma

Ich bin nicht die Einzige, die manchmal vom Fahrradfahren in Berlin genervt ist. Die Organisatoren vom „Volksentscheid Fahrrad“ (Berlins Fahrrad Referendum) haben Unterschriften gesammelt, um die Politiker aufzuwecken und darauf aufmerksam zu machen, dass es hier noch einiges an Verbesserungspotenzial gibt. So steht auf der Webseite vom „Volksentscheid Fahrrad“: „Heutzutage bedeutet Radfahren in Berlin für die meisten Menschen: Unabhängigkeit, Lebendigkeit, gutes Karma; aber manchmal auch: Mut und Tapferkeit und leider auch zu oft: Wut, Mittelfinger und schlechtes Karma.“ Sie wollen mehr Fahrradwege, breitere Radwege, sichere Kreuzungen, „grüne Wellen“ und mehr Bewusstsein. Und sie sind nicht allein: in weniger als einem Monat haben mehr als 100.000 Menschen aus Berlin die Petition unterzeichnet.

Also warum ist es so wichtig, dass Radwege breiter als 50 Zentimeter sind? Zunächst einmal, weil niemand zwischen einem Baum und einem geparkten Auto stecken bleiben will. Zweitens, weil meiner Meinung nach das Radfahren nicht eine einsame Form des Transportes ist – im Gegensatz zu dem, was ich in Berlin erlebt habe. In Holland wartet man nicht auf den Schulbus. In Holland wartet man auf seine Freunde, um gemeinsam mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren. Holländische Paare sind im Hand-in-Hand Radfahren spezialisiert und auch beim Ausgehen in der Nacht fährt man durch die Stadt mit dem Rad, einem Bier in der Hand und Freunde daneben. Werfen Sie doch einen Blick auf dieses etwas kitschiges Video um zu sehen, was ich meine. Daher ist es sicherlich nicht verwunderlich, dass Holländer nicht gerne hintereinander Radfahren, vor allem, wenn die Straßen so breit sind wie hier in Berlin.

Kenne deinen Platz

Es stimmt, dass wir Holländer Fahrradfahren direkt nach dem Laufen lernen beigebracht bekommt. Und somit lernen wir auch, wie man sich auf einem Fahrrad richtig verhält. Ich hatte sogar eine obligatorische „Verkehrsprüfung“ als ich etwa 10 Jahre alt war, in der ich beweisen musste, dass ich ein verantwortlicher Radfahrer bin, der die Regeln kennt. Die Holländer sind alles andere als perfekt, aber wir erkennen, dass wir nicht allein auf der Straße sind und dass wir das Leben anderer viel einfacher machen können, indem wir die Richtung anzeigen in die wir fahren (ein leichtes Anheben des linken oder rechten Arms genügt). Dies gilt umso mehr in einer vollen Stadt, in der man immer Leute um sich herum hat.

Und dazu muss ich ergänzen, dass wir uns nicht zu ernst nehmen und verstehen, dass wir nicht alleine sind, auch wenn wir gewisse Privilegien in Holland haben. Ich habe einmal gelesen, dass das Tragen eines Helmes tatsächlich die Chance erhöht, sich auf dem Fahrrad zu verletzen. Nur weil jemand das schnellste Fahrrad und den glänzendsten Helm hat, bedeutet es nicht, dass sie Superkräfte haben. Viele Unfälle passieren, weil Radfahrer übermütig werden – und solange Berlin keine Fahrrad-Metropole ist, sollten Radfahrer sich daher auch nicht überschätzen.

Fahrradweg in Haarlem, Holland
Fahrradweg in Haarlem, Holland. Quelle: Daphne Damiaans

Also behalten Sie den Verkehr immer im Auge und stellen Sie sicher, dass Sie auf der rechten Seite der Straße bleiben und den Gehweg für Fußgänger frei lassen. Wie einer der Fotostrasse-Blogger in seinem Artikel über Radfahren in Berlin schreibt (mit interessantem Video!): „[…] Eine der schlimmsten Dinge in Berlin ist, wenn man auf dem Bürgersteig geht, jemand auf dem Fahrrad vorbeikommt, seine Klingel läutet und dann erwartet, dass man sich bewegt. Ich frage mich oft, warum die Leute auf dem Bürgersteig fahren, wenn die Straße nur wenige Zentimeter entfernt ist. Zuerst bewegte ich mich vom Bürgersteig um Platz zu machen. Aber ich gab es auf, freundlich zu sein und wenn ich jetzt die Klingel höre, bewege ich mich nicht mehr. Fahrräder sollten auf den Straßen und auf den Fahrradwegen fahren, nicht auf Gehwegen.“

Fahrradweg in Haarlem, Holland.
Fahrradweg in Haarlem, Holland. Quelle: Daphne Damiaans

Und dennoch…liebe ich es

Manchmal bin ich frustriert, wenn ich versuche, durch Berlins Verkehr zu manövrieren. Aber ich kann mir nicht vorstellen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln ins Büro zu kommen. Als Holländerin habe ich im Grunde keine Wahl. Ich kann fühlen wie mein Fahrrad weint, sobald ich die U-Bahn nehme. Ich liebe es, morgens im eigenen Tempo der Stadt beim Erwachen zuzusehen, während ich vorbeifahre. Sonne auf meiner Haut, Vogelgezwitscher in den Bäumen, der Geruch von frischem Brot aus der türkischen Bäckerei und den Blick auf das glitzernde Wasser der Spree.

Fahrradweg in Haarlem
Mehr als genug Platz für Radfahrer im Zentrum von Haarlem. Quelle: Daphne Damiaans

Auch wenn es in Berlin noch keine Fahrrad-Etikette gibt, empfehle ich Freunden, die zu Besuch kommen, immer Fahrräder zu mieten. Das Wetter erlaubt es in der Regel (kein Wind und Regen!) und es ist eine gute Möglichkeit, so viel wie möglich von der Stadt zu sehen. Und ja, manchmal bin ich verärgert, weil die Deutschen eindeutig nicht ihre bekannte Gründlichkeit verwendet haben, um Radfahren zu so einem Vergnügen zu machen, wie es sein könnte. Aber die gute Nachricht ist: solange Berlin keine „Fahrrad-Metropole“ ist, wird es immer genug Platz geben, um meinen Fahrrad wo immer ich es auch will zu parken – versuchen Sie mal ihr Fahrrad in Amsterdam zu parken.

Hätten Sie Lust eine Fahrradtour durch Berlin zu nehmen? Mit Vergnügen hat einige großartige Tipps zusammengeschrieben: 11 wunderschöne Touren in und um Berlin