Das Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm – von Bertold Brecht gegründet

Keine vier Kilometer vom Strausberger Platz entfernt, im Berliner Regierungsviertel, steht das Theater am Schiffbauerdamm. Es ist seit 1954 Stammhaus des Berliner Ensembles, kurz BE, das kein Geringerer als Bertold Brecht gründete. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich der berühmte Dramatiker und Lyriker auf die Suche nach einem neuen Betätigungsfeld für sich und seine Frau, Helene Weigel, begeben. Brechts Suche kam für die Politiker der sowjetischen Besatzungszone, die sich bemühten, in Ost-Berlin eine prestigeträchtige Kulturszene zu etablieren, gerade zur rechten Zeit. Er folgte ihrer Einladung und machte sich an die Arbeit. Bald eilte seinem Ensemble ein hervorragender Ruf voraus. Gastspiele im In- und Ausland waren an der Tagesordnung. Bis heute ist das BE vom epischem Theater geprägt und weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannt.

Gründung und Anfangszeit am Berliner Ensemble

Brecht gründete das Berliner Ensemble bereits 1949, das zunächst Gastrecht am Deutschen Theater genoss. Aus der Besetzung für die Erstaufführung, Brechts „Mutter Courage“, bildete sich bald das Kernteam heraus. Picassos Friedenstaube wurde zum Emblem gewählt. Am DT nur geduldet, setzten Brecht und Weigel alles daran, sich das Theater am Schiffbauerdamm als Stammhaus zu sichern, selbst wenn sie dafür das dort ansässige Ensemble unter Leitung Fritz Wistens verdrängen mussten. Denn mit diesem Theater verbanden sie einen großen Erfolg: Hier war 1928 die Dreigroschenoper uraufgeführt worden. 1954 wurde der Traum wahr, und bis heute ist das Theater die Spielstätte des BE geblieben. Weigel übernahm die Intendanz, ihr Ehemann wurde formal ihr Angestellter und kreativer Leiter.

Brecht brachte mit dem BE vor allem eigene Werke zur Aufführung und setzte von Anfang an auf Gasttourneen im Ausland, um die Bekanntheit des Ensembles zu steigern. Bald eilte dem Berliner Ensemble ein ausgezeichneter Ruf voraus. Die Gruppe trat in Frankreich, England, Österreich, Schweden und Italien auf. Während der Vorbereitungen für einen Gastauftritt in London starb Brecht 1956, nur zwei Jahre nach dem Einzug ins Theater am Schiffbauerdamm. Seine Witwe Helene Weigel führte daraufhin die Theaterarbeit fort und leitete das Ensemble bis zu ihrem eigenen Tod 1971. Brecht stand weiterhin fast jährlich auf dem Spielplan.

DDR-Einfluss am Berliner Ensemble

Den Kollektiven im Arbeiter- und Bauernstaat entsprechend, organisierte man ab 1959 die Theaterarbeit des Berliner Ensembles in Brigaden. Brecht selbst hatte diese Idee 1953 geäußert, sie jedoch vor seinem Tod nicht mehr realisiert. Es entstanden die „Brigade für Theatertheorie“, die „Brigade Studio“ und die „Brigade Arbeit mit dem Publikum“. Viel weiter waren Brechts Bemühungen um den SED-regierten Staat jedoch nie gegangen. Sein Theater hatte bewusst keine Helden, und Brecht konnte und wollte als Regisseur und Dramatiker auch keine sozialistischen Helden hervorbringen – eine Haltung, mit der er immer wieder aneckte. Der Aufforderung, sein Stück „Die Verurteilung des Lukullus“ umzuschreiben, kam er nur widerwillig nach, doch er kooperierte. Der endgültige innere Bruch mit dem System geschah aller Wahrscheinlichkeit nach in der Folge auf den Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953, als sein Brief zu den Ereignissen in der Zeitung Neues Deutschland nur in Teilen und ohne die kritischen Passagen veröffentlicht wurde. Aufgrund des Briefes rückte man im Westen von ihm ab, und Brecht ging eine Weile in die innere Emigration. In den letzten beiden Lebensjahren stürzte er sich dann in die Arbeit: Er selbst inszenierte zwei Stücke pro Jahr und arbeitete an fast allen Inszenierungen anderer Regisseure am BE mit. Außerdem arbeitete er weiter schriftstellerisch, bis er 1956 an Herzversagen starb.

Das Berliner Ensemble nach Brechts Tod

Auch nach Brechts Tod blieb das Berliner Ensemble enorm einflussreich und gilt bis heute als eine der führenden deutschsprachigen Bühnen. Helene Weigel leitete es noch 15 Jahre, bis sie selbst starb. Danach übernahm Ruth Berghaus, deren Ehemann Paul Dessau die Musik zu zahlreichen Brechtstücken geschrieben hatte, darunter „Mutter Courage und ihre Kinder“, „Der gute Mensch von Sezuan“ und „Der kaukasische Kreidekreis“. Berghaus stieß mit ihrer Vision, am BE experimentelles Theater zu machen, nicht nur im Publikum, sondern auch im Ensemble auf Widerstand und trat 1977 nach sechs Jahren Intendanz zurück. Ihr folgte der linientreue Manfred Wekwerth, der das Theater bis 1991 leitete. Ihm wird eine Zusammenarbeit mit der Stasi nachgesagt, die er zeitlebens bestritt. So soll er über ein Treffen mit Günter Grass im Jahr 1965 berichtet und geschrieben haben, dass sich dessen Stellung für die DDR negativ auswirke.

Zwischen 1991 und 1999 erlebte das BE turbulente Zeiten die künstlerische Leitung betreffend. Was als Gruppenintendanz mit fünf Mitgliedern begonnen hatte, wurde 1995 zum Solo für Heiner Müller, der allerdings noch im selben Jahr starb.

Das Berliner Ensemble seit 1999

1999 übernahm Claus Peymann, der vorher Direktor am Wiener Burgtheater war, die Intendanz. Als „Reißzahn im Regierungsviertel“, wie er sich selbst bezeichnete, war er satte 18 Jahre künstlerischer Leiter des Berliner Ensembles und prägte mit politischem Theater die Arbeit am BE, bis 2017 Oliver Reese übernahm. Noch bevor der neue Intendant sein Amt antrat, landete er einen Coup: Frank Castorf, langjähriger Intendant der Volksbühne und einer der Erfinder des sogenannten postdramatischen Theaters, wird zukünftig am BE inszenieren. Nachdem in der Volksbühne, ursprünglich als Arbeitertheater gegründet, nun vor allem Entertainment auf dem Spielplan stehen soll, wird die Geschichte des Berliner Ensembles spannend und lebendig weitergeschrieben.