Berlins wilde Seite

Es war eine laue Sommernacht, als ich mit meinem Fahrrad von Unter den Linden in Richtung Alexanderplatz fuhr. Es waren kaum Autos unterwegs, sodass ich die Straße fast für mich allein hatte. So konnte ich die freie Sicht auf die beeindruckenden Gebäude links und rechts des wunderschönen Boulevards – neben der Karl-Marx-Straße natürlich – genießen. Und dann sah ich es, wie es direkt vor mir die Straße überquerte. Zuerst dachte ich, es sei eine Katze, was mich überraschte, da ich bis dato kaum Katzen in Berlin gesehen hatte. Sollte es ein Hund sein, der nachts allein durch die Straßen stromerte? Nein, ein Hund hatte keinen solchen großen, buschigen, roten Schwanz mit einer weißen Spitze. Das musste ein Fuchs sein!

Ich hatte vorher nie einen wilden Fuchs gesehen und zugegeben – Berlin-Mitte war einer der letzten Orte, an dem ich erwartet hätte, ein solches Tier zu sehen. Begeistert folgte ich dem Fuchs, als er in den Hof der Humboldt-Universität huschte und in der Mitte desselben sein Geschäft erledigte. Wohlwissend, dass ich wenig Zeit hatte, griff ich zu meinem Smartphone, um ein Foto zu machen – aber die Batterie war leer, so wie es immer ist, wenn man einmal im Jahr wirklich dringend ein Foto machen will. Ein Italiener, der nur ein paar Schritte entfernt stand hatte mehr Glück und filmte den Fuchs, während er begeistert flüsterte: „Incredible…Una volpe in mezzo Berlin“ („Unglaublich…Ein Fuchs mitten in Berlin).

Nicht nur Fuchs-Liebhaber kommen in Berlin auf ihre Kosten…

Für ein paar Tage war ich überzeugt, dass dies ein magischer Moment gewesen war – bis ich einen zweiten Fuchs unweit der Oberbaumbrücke entdeckte. Und daraufhin auch mein Freund und seine Kumpels einen weiteren in Kreuzberg. Also begann ich zu recherchieren und fand heraus, dass Füchse in Berlin nichts Besonderes sind. In der Tat gibt es geschätzte 2.000 Füchse in der Hauptstadt. Ja tatsächlich, es sollen rund 2.000 sein! Ich war sehr erstaunt über diese Zahl, bis ich meinen Laptop einschaltete und das Internet befragte.

Denn Berlin ist offensichtlich wilder, als ich bisher gedacht habe. Viel wilder. In Holland habe ich viele Tauben gesehen und ab und an eine Maus. Ehrlich gesagt bin ich froh, dass solche Begegnungen eher selten waren. Wenn ich heute aus dem Fenster meiner Wohnung nach draußen schaue, sehe ich Eichhörnchen und Kaninchen – und das nicht gerade selten, sondern beinahe jeden Morgen und Abend. Das ist aber anscheinend nur die Spitze des Eisbergs, denn Google gibt preis, das Berlin nicht nur die Bundes- sondern auch die Wildschweinhauptstadt von Deutschland (5.000! Exemplare) und darüber hinaus Lebensraum für 800 Waschbären ist.

Katzenfutter zum Lunch

Was hat es also mit all diesen Tieren in den Straßen von Berlin auf sich? Woher kommen sie und wie überleben sie im Großstadtdschungel? Wie ich herausfand, gibt es viele Geschichten über sie zu erzählen. Ich will mit den Füchsen und der Biologin Sophia Kimming vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung beginnen. Im Mai dieses Jahres rief sie ein großes Forschungsprojekt über Füchse in Berlin ins Leben. „Der Fuchs ist ein erfolgreiches, wenn nicht das erfolgreichste räuberische Säugetier überhaupt. Dies spiegelt sich in seiner Eroberung der Städte wieder. Was den Fuchs darin so erfolgreich macht, ist die zentrale Frage, die wir mit diesem Projekt beantworten wollen.“, erläuterte Kimmig im Radio Berlin Brandenburg. Alle Berliner waren dazu aufgerufen, eine Nachricht zu schicken, wenn sie einen Fuchs entdeckten – in kürzester Zeit meldeten sich über 1.000 Menschen. Kimmig untersucht aber auch verendete Tiere, um heraufzufinden, was sie gefressen haben und wo sie in und um Berlin unterwegs waren. Dabei stehen Katzenfutter, Mäuse und gelegentlich McDonald’s-Tüten auf dem Speisezettel.

Offenbar passen sich Füchse ziemlich gut an das Stadtleben an. Etwas mehr Hilfe brauchen da die Eichhörnchen. Ja, die kleinen pelzigen Nagetiere sind in Not. Warum? Weil sie zurzeit gerade eifrig Nüsse und Samen für ihre Wintervorräte sammeln und währenddessen nicht auf den Verkehr und die Autos achten. Doch es gibt Hilfe: letztes Jahr bauten zwei Berliner eine Eichhörnchen-Brücke über eine der meistbefahrenen Straßen Berlins. Darüber hinaus wurde die Eichhörnchen-Hilfe ins Leben gerufen, die verletzte Eichhörnchen versorgt. Sie füttern sie und leisten Erste Hilfe, bis sie wieder aus eigener Kraft vom Baum zu Baum springen können. Eine traurige Nachricht: In dieser Jahreszeit gibt es so viele Eichhörnchen, die Hilfe brauchen, dass sogar die Eichhörnchen-Hilfe ihnen nicht allen helfen kann. Aus diesem Grund wurde ein Erste-Hilfe-Video ins Internet gestellt.

Die Berliner-Mauer-Kaninchen

Schließlich gibt es da noch die Kaninchen, die auf dem Spielplatz und dem Parkplatz hinter meinem Haus herumturnen. Wie sich herausstellt, gibt es „nur noch“ 3.000 von ihnen in der Stadt. Als die Berliner Mauer fiel, wurde die Stadt überschwemmt von Kaninchen, die auf dem Todesstreifen zwischen der Mauer gelebt hatten. Sie hatten dort keine natürlichen Feinde und obendrein viel Gras zur Verfügung, so dass sie sich sprichwörtlich „wie die Karnickel“ vermehrten. Die Dokumentation „Kaninchen à la Berlin“ erzählt ihre Geschichte: Nach 28 Jahren ungehemmter Vermehrung, hatten die zehntausenden Kaninchen keine Ahnung von der echten Welt. Krankheiten haben die Populationen drastisch reduziert, ansonsten gäbe es heute wohl mehr Kaninchen als Menschen in der Stadt.

Was müssen Sie tun, um Berlin auch einmal von seiner wilden Seite zu erfahren? Machen Sie einen nächtlichen Spaziergang und halten Sie die Augen offen, denn die Füchse sind überall (das klingt jetzt gefährlich, ist es aber nicht). Im letzten Jahr gab es wohl einen Fuchs, der bevorzugt den Weihnachtsmarkt am Potsdamer Platz besucht hat. Kaninchen sind in der Dämmerung in den Grünanlagen hinter den Häusern rund um den Strausberger Platz und die Karl-Marx-Allee zu finden. Und Eichhörnchen fühlen sich überraschenderweise auf Friedhöfen ziemlich wohl. Ganz in der Nähe vom Strausberger Platz gibt es einen schönen Friedhof neben dem Volkspark Friedrichshain. Das letzte Mal, als ich dort war bewarf mich ein Eichhörnchen mit Ahornnasen – kein Scherz!