Berlinweh: Warum ich Berlin vermisse, sobald ich die Stadt verlasse

Berlin und ich haben uns in den letzten Wochen nicht sehr viel gesehen. Innerhalb von etwas mehr als einem Monat war ich in London, in den Niederlanden und in Hamburg. In der Zeit, in der ich weg war, habe ich Berlin vermisst. Reisen macht Spaß, aber ich liebe mein Leben und mein Zuhause. Und es ist mehr als das: Ich habe es richtig vermisst, einfach in Berlin zu sein. Nicht nur, auf meiner Couch zu sitzen, in den schönen benachbarten Vierteln spazieren zu gehen und auf guten Partys zu tanzen, sondern auch die Menschen, die Gebäude, die Berliner Atmosphäre. Ich möchte versuchen, zu beschreiben, was ich an Berlin vermisse, wenn ich weg bin.

Central Berlin Strausberger Platz
Wie kann man sich in so etwas nicht verlieben? Quelle: Daphne Damiaans

Die (mies gelaunten) Berliner

Um ehrlich zu sein: Es hat einige Zeit gedauert, bis ich in Berlin angekommen bin. Und vielleicht bin ich immer noch nicht ganz angekommen – oder werde es auch nie. Ich habe ein paar tolle Freunde und Kollegen in Berlin, und mindestens einmal am Tag begegne ich jemandem im Supermarkt, in einem Restaurant oder irgendeinem Geschäft, der sehr freundlich oder witzig ist. Aber die miese Laune der Berliner ist auch eine Realität. iheartberlin.de, einer meiner Lieblings-City-Blogs, beschrieb die vielen mies gelaunten Berliner als „Menschen, die dir direkt ihre Meinung sagen, sich nicht mit unnötigem Rumgeplauder aufhalten”. Und auch ich begegne ihnen jeden Tag.

Ihre Direktheit kann verwirrend und manchmal auch sehr schwer zu verstehen sein, insbesondere wenn sie in der Regel mit der sogenannten ‘Berliner Schnauze’, dem Berliner Dialekt, wenn man so will, zusammen kommt. Aber ich bin inzwischen hineingewachsen und beginne, diese echten Berliner zu verstehen. Alles an ihnen ist authentisch, und hinter ihren bissigen Bemerkungen steckt sehr oft eine Menge Humor. Und ich weiß auch: Sobald man sich länger mit ihnen unterhält, erweisen sie sich immer als sehr freundlich.

Letztes Wochenende war ich in Hamburg, und ich sah und hörte Worte aus dem lokalen Dialekt: ‘Hus’ (Haus), ‘Buddel’ (Flasche) und ‘Deern’ (Mädchen). Das hört sich einfach etwas komisch an. Ein Mann fing in der Metro an, sich mit mir zu unterhalten, und ich war verwirrt von all den neuen Worten, die er gebrauchte. Sagt demgegenüber jemand ‘jut’ (gut), ick (ich) oder ‘koofen’ (kaufen), bin ich überhaupt nicht mehr überrascht. Das ‘Berlinerisch’ und die Berliner haben mein Herz gewonnen. Und an diesem Punkt liebe ich es sogar, mich hie und da über jeden von ihnen immer einmal wieder zu ärgern.

Das verrückte Stadtbild

Ich verirre mich immer wieder. Egal, wo ich bin und wie lange ich schon dort lebe. Ich schaffe es immer, mich immer wieder zu verirren. Ich gehe nach links, ich gehe nach rechts, ich bin in einer neuen Straße und voilà: Ich habe total die Orientierung verloren. Ich werde nie eine Karte von Berlin im Kopf haben, aber je länger ich hier bleibe, desto mehr Viertel lerne ich kennen und desto leichter wird es, die Punkte miteinander zu verbinden. Aber das braucht SEHR VIEL Zeit. Glücklicherweise gibt es immer einen guten und treuen Freund, der mir weiterhilft, wann immer ich kurz davor bin, wahnsinnig zu werden, weil ich wieder einmal keine Ahnung habe, wo ich eigentlich bin: und das ist der Fernsehturm.

Egal, wo ich bin, wenn ich nach Hause gehen möchte, brauche ich nur eine große Straße zu suchen und nach dem Fernsehturm Ausschau zu halten, der über die Gebäude hinausragt. Der Fernsehturm erwartet dich, wenn du nach Berlin zurück fliegst, und ist bereits klar und deutlich zu sehen, wenn der Rest der Stadt noch eine große undefinierte Masse von Häusern und Parks ist. Die Skyline von Berlin besteht aus einem Punkt: diesem speziellen Fernsehturm. Gleichzeitig wird das gesamte Stadtbild durch eine seltsame Mischung von Gebäuden geprägt.

Viele Wohnblöcke aus DDR-zeiten (perfekt für Tetris: https://vimeo.com/6736261), einige beeindruckende klassische Museen auf der Museumsinsel, rechts in der Stadtmitte eine ganze Straße mit stalinistischer Architektur – die ehemalige Stalinallee (meine Straße, die Karl-Marx-Allee), dann ein riesiger Hauptbahnhof mitten im Nirgendwo, einige Relikte der NS-Architektur und sowohl imposante als auch hässliche moderne Gebäude über die ganze Stadt verstreut.

Die meisten Städte haben bestimmte Viertel oder Gebäude, die definieren, wer sie sind. In Berlin ist das nicht so. Sie sagen, Berlin sei die Hauptstadt der modernen europäischen Geschichte, und das Ergebnis ist eine Stadt, die nie vorhersehbar ist; in jeder Straße gibt es irgendetwas Überraschendes. Vielleicht könnte der Fernsehturm dem Wesen von Berlin am nächsten kommen: In den Zeiten des Kalten Krieges gebaut, schön in seiner Hässlichkeit, brutal und freundlich zugleich. Gleichzeitig verbindet er die Stadt, weil er das Einzige ist, was immer da ist, egal, wo man in Berlin ist.

Das unerklärliche Berlin-Gefühl

Von hier ist es nur ein kleiner Schritt zum Berlin-Gefühl, jenem besonderen Etwas, das unentwegt Menschen in die Stadt zieht. Einige Touristen mögen glauben, es seien die Kunstmuseen, andere mögen sagen, es seien die Techno-Clubs. Es ist aber mehr als das, und es ist etwas, das man nur erlebt, wenn man sich mehr Zeit für die Stadt nimmt.

Es ist das fehlende Stadtzentrum, das viele Erstbesucher nach einem schönen zentralen Platz voller Bars und Restaurants Ausschau halten lässt. Es ist die fehlende klassische Schönheit in vielen Teilen der Stadt, und es sind die wenigen typischen Sehenswürdigkeiten für Touristen. Mit anderen Worten: Es ist die Abwesenheit von allem, was viele andere europäische Städte so attraktiv macht. Berlin könnte eine Enttäuschung sein, wenn man eine Stadt voller Highlights und Boulevards erwartet, die man entlang schlendern kann, wie in Paris oder Budapest.

Central Berlin - Karl-Marx-Allee
Der Strausberger Platz und die Karl-Marx-Allee, Berlins einzigartig Straße mit stalinistischer Architektur. Quelle: Daphne Damiaans

Das Berlin-Gefühl, das Wesen von Berlin, liegt in seiner Ausdehnung, in seinen vielen Vierteln, die alle ihre ureigene Atmosphäre und ihr ureigenes Erscheinungsbild haben. Die Menschen treffen sich hier nicht an einem Ort oder auf einem Platz, sondern bewegen sich durch die ganze Stadt. Es gibt nicht das mitschwingende Großstadtgefühl, das ich in London erlebt habe, und man muss nach Plätzen suchen, die wirklich voll oder überfüllt sind. Jedes Viertel ist wie ein eigenes Dorf oder eine Kleinstadt, wenn man so will.

Central Berlin - Berlin Hangout
Ein Sommerabend auf der Admiralbrücke. Quelle: Daphne Damiaans

Die Kreativität und der Unternehmergeist, ein weiterer Punkt, der typisch für Berlin ist, sind klar und deutlich in allen diesen verschiedenen „Städten“ zu sehen, aber in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen. Genau wie noch etwas anderes, das im Unterschied dazu in vielen anderen Großstädten schwer zu finden ist: Es gibt jede Menge Platz und Freiflächen, wo immer man hinschaut, und es gibt immer Raum zum Atmen und wo man einfach man selbst sein kann. Berliner haben Lebensfreude, und wenn sie sich langweilen, gehen sie einfach ins nächste Viertel – sei es für eine Party, wegen der Läden, den Restaurants oder für ihr ganzes Leben.