Das Hansaviertel: West-Berlins Antwort auf die Karl-Marx-Allee

Während Ost-Berlin die prestigeträchtige Karl-Marx-Allee baute, geschah etwas gleichermaßen Ehrgeiziges im Hansaviertel in West-Berlin. Beide Teile der stark zerstörten Stadt wollten nach dem Krieg ihre Stärke und Widerstandskraft demonstrieren. Beide Teile wollten ein Musterbeispiel für eine neue Architektur und Stadtplanung präsentieren. Das Ergebnis hätte jedoch unterschiedlicher nicht sein können: während die Karl-Marx-Allee ein typisches Beispiel der Monumentalarchitektur ist, ist das Hansaviertel ein Musterbeispiel der Moderne.

Mein Fokus ist für gewöhnlich fast ausschließlich auf den Osten Berlins gerichtet. Ich bin versucht zu behaupten, dass es der interessantere Teil der Stadt ist, zumal im ehemaligen Ost-Berlin noch immer so viele Spuren von jener faszinierenden, „verschwundenen“ DDR zu finden sind. In diesem Blogbeitrag möchte ich allerdings einmal eine Ausnahme machen und euch mit in den Westen Berlins nehmen. Dieser Teil der Stadt musste sich nach dem Zweiten Weltkrieg auch neu erfinden und wieder aufgebaut werden. Im Hansaviertel, das an die Parkanlage des Tiergartens grenzt, waren 300 der 343 Häuser so stark beschädigt, dass sie abgerissen werden mussten. Dadurch entstand ein Areal, das genug Raum bot, um den Willen Berlins zur Erneuerung zu zeigen.

Die einzigen Ausnahmen

In den Jahren nach dem Krieg wurde beschlossen, dass die ganze Stadt Berlin dezentralisiert und neu geplant werden musste. 500.000 Häuser waren in den Jahren vorher zerstört worden, so dass Platz für neue Ideen da war, wenn es um Stadtplanung und Architektur ging. Grünflächen und jede Menge Freiflächen waren dabei von zentraler Bedeutung. Aber aufgrund von Geldmangel und dem unmittelbaren Bedarf an Wohnungen stellte es sich bald heraus, dass keine Zeit für derart idealistische und radikale Pläne war. Häuser, die nicht allzu stark zerbombt waren, wurden schnell renoviert und in den Baulücken dazwischen einfache Gebäude errichtet. Es gab allerdings 2 Ausnahmen: das Hansaviertel in West-Berlin und die Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) in Ost-Berlin.

Nachdem man sich eingehend mit der sowjetischen Architektur befasst hatte, hatte die DDR bereits 1950 mit dem Bau der Stalinallee begonnen. Das ‘Hochhaus an der Weberwiese’ (ein hohes Haus auf der Straße hinter der Stalinallee) war das erste Gebäude, das fertig gestellt wurde und alles repräsentierte, was die neue Allee sein sollte: neoklassizistisch, beeindruckend und klar von der stalinistischen Bauweise inspiriert. West-Berlin und Westdeutschland konnten dabei nicht zurückstehen und organisierten 1957 die Internationale Bauausstellung ‘Interbau’. 53 Architekten aus 13 Ländern legten Pläne für eine moderne Neugestaltung des Hansaviertels vor.

Von Taut bis Gropius und von Niemeyer bis Aalto

Die Liste der Namen ist noch immer beeindruckend: Max Taut, Walter Gropius, Oscar Niemeyer, Arne Jacobsen, Egon Eiermann und Alvar Aalto gehörten zu diesen Architekten. Ihre ‘Stadt der Zukunft’ hielt sich an die Pläne, die ursprünglich für ganz Berlin gedacht gewesen waren: Die neue Bebauung musste in jedem Fall viele Freiflächen und viel Grün einbeziehen – also ganz anders als die dichte Bebauung, die typisch für Berlin bis zum Krieg war. Wie Le Corbusier in seiner Charta von Athen (1943) beschrieben hatte, mussten Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Verkehr streng voneinander getrennt sein. Bedeutende Gartenarchiteken wurden von Anfang an in das Hansaviertel-Projekt einbezogen und gaben der Nachbarschaft ein richtiges Park-Gefühl; man hat das Gefühl, als würde der angrenzende Tiergarten ins Hansaviertel fließen.

Die Architekten entwarfen insgesamt 35 Objekte, die aus Wohngebäuden mit 1.160 Wohnungen, einem Einkaufsbereich, einem Kino, einer Bibliothek, einem Kindergarten, einer Kirche und einer U-Bahn-Station bestanden. Die Wohngebäude können in drei Gruppen unterteilt werden. Die erste besteht aus niedrigen Einfamilienhäusern, die offene Innenhöfe umschließen, 4 davon wurden von dem Dänen Arne Jacobsen gebaut. Aufgrund ihrer verspielten Bauweise hat man das Gefühl, in einem kleinen Dorf statt im Herzen von Berlin spazieren zu gehen.

Die zweite Gruppe von Gebäuden sind die ‘Zeilenbauten’, rechteckige Gebäude mit jeweils 4 bis 10 Geschossen. Die Bauten des Finnen Alvar Aalto, des Brasilianers Oscar Niemeyer (auf V-förmigen Stützen und mit freistehendem Aufzugsturm) und des deutschen Architekten Walter Gropius sind die bekanntesten. Die dritte Gruppe von Gebäuden sind die ’Punkthäuser’. Sie sind quadratisch und über 10 Geschosse hoch; wegen ihrer Höhe sind sie der weithin sichtbarste Teil des Hansaviertels.

Schaut es euch selbst an

Auch wenn das Hansaviertel in den 1950ern revolutionär war, wird ihm heutzutage nicht annähernd soviel Beachtung geschenkt wie der Karl-Marx-Allee. Wer den Hintergrund und die Geschichte des Hansaviertels nicht kennt, wird es leicht einfach nur als eine weitere Zone mit vielen Fertighochhäusern sehen, die schnell aus dem Boden gestampft wurden. Im nächsten Jahr sind es genau 60 Jahre her, seit die Interbau-Ausstellung stattfand, und inzwischen wissen wir, dass bei der Gestaltung der Nachbarschaft aus der ‘Stadt von morgen’ nichts geworden ist.

Gleichzeitig ist das Hansaviertel nach wie vor ein hervorragendes Beispiel für die Stadtplanung nach dem Zweiten Weltkrieg und für moderne Architektur, die wir einigen der heute berühmtesten Architekten zu verdanken haben. Genau wie die Karl-Marx-Allee veranschaulicht das Hansaviertel die Ideen einer politischen und historischen Ära. Ohne den Kalten Krieg und den entsprechenden Wettbewerb zwischen Ost und West gäbe es beides nicht.

Tipp: Nehmt die S5/S7/S75 bis zur Station Bellevue und nutzt die (50 Jahre alte) Hinweistafel auf der Bartningallee, am äußeren Rand des Hansaviertels, als Orientierungshilfe. Folgt man dieser Straße, so führt der Weg bereits an einigen der charakteristischen Gebäude des Viertels vorbei. Aber eine Runde in der Händelallee oder ein Streifzug bis zur Altonaer Straße, um das Gebäude von Niemeyer zu sehen, ist ebenso lohnenswert. Von hier aus sind es nur ein paar Schritte bis zum Englischen Garten, der zum Tiergarten gehört, wo das reizende Café am Neuen See auf euch wartet – je nach Wetter, mit einer großartigen Terrasse oder einem warmen Kaminfeuer.