Das maßgeschneiderte Berlin ─ hier kommt jeder auf seine Kosten

Ich möchte gerne glauben, dass meine Freunde mich einfach nur unheimlich vermissen und deshalb alles tun, um mich zu sehen. Aber irgendetwas sagt mir, dass ich das Laken auf meiner Schlafcouch wahrscheinlich nicht ganz so oft wechseln müsste, wenn ich – sagen wir mal – nach Duisburg gezogen wäre. Man kann die Niederländer in zwei Gruppen von Menschen einteilen: Die einen, die Berlin einfach wahnsinnig lieben und die anderen, die noch nie hier waren, aber „schon immer mal hin wollten“. Beide Gruppen wissen, dass wir in unserer neuen Wohnung ein Gästezimmer in einem der zentralsten Orte der Stadt haben. Und von dem wollen sie Gebrauch machen.

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Fotos vom Fotoautomaten – immer eine gute Idee zur Erinnerung


Also was tut man, wenn man in seinen ersten 2,5 Monaten in Berlin mehr Besucher hat, als das Durchschnitts Bed & Breakfast in Wladiwostok? Man muss selbst zu einem Touribüro werden. Egal wie oft unsere Freunde schon in Berlin waren und welche Erwartungen sie an diesen Trip haben (mal abgesehen davon, uns natürlich zu sehen) ─ in Austausch gegen einen Kühlschrank-Magneten und einem Foto aus dem Fotoautomaten zeigen wir ihnen exakt das Berlin, das sie unbedingt sehen möchten. Die Kuppel des Reichtags? Kein Problem, ihr braucht nicht mal eine Audiotour buch und wir kaufen für euch die Tickets. Die beste Untergrund Bar? Wir finden sie für euch. Ein fantastisches Schnitzel? Kommt sofort. Und natürlich sorgen wir auch für frische Laken und saubere Handtücher im Bad.

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Unsere wachsende Sammlung an Kühlschrankmagneten

Wie unser Touribüro seine Anfänge fand

Natürlich startet jede Tour bei uns zu Hause, in unserem eigenen kleinen DDR-Museum ─ in einer der wunderschönsten Locations in Berlin. Wir begrüßen unsere Gäste mit einem Bier aus der Region und versuchen herauszufinden, was sie in Berlin sehen, erleben oder probieren wollen und inwiefern wir sie dabei begleiten sollen. Unsere ersten Gäste waren meine Eltern und meine Schwester, die uns dabei geholfen haben, unsere komplette Einrichtung von einem Land in ein anderes zu befördern. Das bedeutet, dass schon am Tag unserer Ankunft unser Touribüro den ersten Auftrag erhielt. Da wir noch so gestresst und fertig vom Umzug und unserer Abschiedsparty waren, hatten wir wenig Zeit, uns auf unsere ersten Gäste vorzubereiten. Aber ich wusste, wo sich der nächste Ikea befindet, also brachten wir sie dorthin – jedoch muss ich gestehen, dass dies sicher nicht das Witzigste war, was meine Familie jemals in Berlin unternommen hat. Ich hoffe, dass das original vegane Abendessen im Yellow Sunshine (Wiener Straße 19) und das authentische Deutsche Abendessen im Pavillon im Volkspark Friedrichshain dabei halfen, den Samstagmorgen an diesem Wochenende zu vergessen, an dem scheinbar ganz Berlin entschied, Möbel einzkaufen.

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Nicht schlecht für unser erstes Berliner Grillerchen

Wir tun alles um für Unterhaltung zu sorgen

Eineinhalb Wochen später kamen unsere nächsten Besucher. Ein nettes Paar und gleichzeitig einige meiner besten Freunde. Eine Berlin-Liebhaberin, die schon zwei Mal mit mir zuvor die Stadt besucht hat und ihre Freundin. Unser Touribüro hatte noch einige Anlaufschwierigkeiten, da wir noch kein Internet hatten und unser Homeoffice von Café zu Café zog . Glücklicherweise hatte der Sommer aber gerade begonnen und wir vergnügten uns mit Barbecue Partys im Park und großen Bieren in einem wundervollen Biergarten in Kreuzberg (Golgatha, Viktoriapark). Mit dieser Erfahrung im Gepäck und ganzen drei(!) gästefreien Wochen, hatten wir genug Zeit, um unsere „Sommer in Berlin“-Tour noch auszubauen. Als das nächste Pärchen zu Besuch kam, selbsternannte Berlin-Insider, hatten wir eine wundervolle Dachterrasse auf einer Einkaufspassage in Neukölln gefunden (Klunkerkranich, Karl-Marx-Straße 66) und dazu einen Stadtstrand mit toller Pizza, ganz in der Nähe von unserem zu Hause (Holzmarkt Strandbar Pampa, Holzmarktstraße 25).

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Pflaumen pflücken bei den Ahrensfelder Berge. Und das Beste: Könnt ihr andere Touristen hier sehen?

Wir kennen Berlin bald wie unsere Westentasche…

Unsere Gäste waren zufrieden und wir hatten einige unserer Lieblingsorte nun einige Male besucht – aber da sie ja unsere Favoriten waren, beklagten wir uns nicht. Nach einer Pause von einer(!) Nacht, stand auch schon das nächste Paar vor unserer Tür. Beide absolute Berlin-Neulinge, also wollten sie die Highlights sehen. Wir stellten für sie ein Programm zusammen, das  natürlich einen Besuch zum Brandenburger Tor und – als ungewöhnliches Highlight – dem verlassenen Freizeitpark „Spreepark“ (Kiehnwerderallee 1-3) enthielt. Kulinarisches Muss: Scharfe Currywurst und ein knackiger Salat. Außerdem entführten wir unsere Gäste unter die Erde mit einer Tour der Berliner Unterwelten und hinter die Kulissen während einer Tour beim Tempelhofer Flughafen. Ich muss zugeben: Die volle Länge der Eastside Galerie hoch und runter zu laufen, war nicht gerade das Spannendste, was ich je getan habe, aber das Bier am City Beach entschädigte alles (Schillingbrücke 3). Es war ein ziemlich straffer Zeitplan und wir liefen so um die fünf bis sechs Stunden am Tag – kein Scherz – und in dem Moment, in dem wir ihnen zum Abschied winkten, kam auch schon meine Schwester an….

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Nicht nur die Pizza am Holzmarkt Strandbar Pampa ist super

Wie passend: Ein Surf-Festival in Berlin

Meine Schwester war eine kleine Herausforderung, da sie Berlin ja schon viele Male besucht hatte und ihr letzter Trip hierher nur einige Wochen her war. Ich musste sie also überraschen – und mich auch. Unsere Aktivitäten für nur einen Tag: Eine Apotheke, die kürzlich zu einer Bar umgestaltet wurde, aber noch immer noch mit den originalen Elementen bestückt ist(Ora, Oranienplatz 14), Berlins östlichster Stadtteil Marzahn, ein Apartment-Museum, was seit der DDR unverändert geblieben ist (Hellersdorfer Straße 179), einer der höchsten Berge Berlins (Ahrensfelder Berge), wo wir frische Pflaumen pflückten und – um das noch zu toppen – eine Märchen-Bar (Am Friedrichshain 24). Der nächste zufriedene Gast. Mit unserem bisher letzten Gast wurde das Programm ein wenig persönlicher. Das war wieder mit einer meiner Freundinnen, die Berlin schon viele, viele Male besucht hatte, auch wenn sie eigentlich am liebsten surft und es in Berlin nicht gerade viele Wellen gibt. Aber halt: Irgendjemand entschied sich dazu, ein Surf-Festival am Badeschiff, dem Schwimmbad in der Spree (Eichenstraße 4) zu organisieren! Ich lud meine Freundin also für das Wochenende ein und fügte noch ein wenig Longboarden auf dem Tempelhofer Feld hinzu. Sie hatte so viel Spaß, dass sie sich entschied, ihren Rückflug zu verpassen. Vielleicht tat sie es aber auch gar nicht mit Absicht…

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Warum auch nicht: Ein Surf-Festival mitten in Berlin. Quelle: Cristoph Leib, Straend Festival

Sag es niemanden, aber wir steh’n darauf

Nun sind wir wieder allein und planen bereits für unsere nächsten Besucher. Als erstes kommen zwei Berlin-Erfahrene, mit denen ich den Thai Food Markt auf der „Thai-Wiese“ (Preußenpark) und irgendeinen aufstrebender Stadtteil (vielleicht Wedding?) besuchen werde. Danach kommen wieder ein Paar Berlin-Ersties. Ich frage mich, was wir tun werden, wenn all das vorbei ist und ich aufhören kann, die Dinge aufzuschreiben, die ich mit dem Freund machen werde oder für das Familienmitglied geplant habe. Vielleicht fangen wir dann an, die Stadt für uns selbst zu erforschen und finden Orte die WIR wirklich mögen. Oder vielleicht eröffnen wir auch ein richtiges Touribüro, denn die Wahrheit ist: Es macht Spaß, Menschen ihre maßgeschneiderte Version von Berlin zu zeigen. Sind irgendwelche chinesischen Touristen an einer persönlichen Tour interessiert? Amerikaner oder Italiener vielleicht? Wir fangen gleich mit der Planung an. 🙂