Der Chefarchitekt

Hermann Henselmann zum 110ten Geburtstag. Der Chefarchitekt des Strausberger Platzes, der Karl-Marx-Allee und des Berliner Fernsehturms wäre zu einer anderen Zeit ein Star gewesen. Jetzt ist es an uns, sein Werk zu würdigen.
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Quelle: jock+scott / photocase.de und Ringo Paulusch

Zeit und Ort sind alles: Wäre Hermann Henselmann nicht in den 50ern in der „falschen“ Seite Berlins aktiv geworden, er würde heute in einem Atemzug mit Mies van der Rohe, mit Hans Sharoun genannt. Aber Ost-Berlin als Adresse, den Kommunisten Prachtbauten hinstellen – das war ein Unding. War. Bis zum Mauerfall war eigentlich niemandem im Westen, bis auf Insidern, der Name Hermann Henselmann geläufig. Und dann, als der Antifaschistische Schutzwall endlich porös wurde, entdeckten die Ersten eine Allee im Herzen der Stadt.
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Quelle: Ringo Paulusch

Die 16 Gebäudekomplexe der zweiten Bauphase von 1951 – 1958 bilden das Herzstück der Karl Marx Allee und des Strausberger Platzes. Architektur, die unvermittelte Reaktionen auslöst. „Zuckerbäckerstil“ „Bonzenpaläste“ – die Karl Marx Alle hatte und hat es nicht leicht. Hermann Henselmann, der als Leiter des Kombinats den Architekten vorstand, stand natürlich besonders im Fokus. Das sich in den letzten Jahren die Stimmung zu Gunsten der Allee geändert hat, bringt auch ihm endlich den nötigen Respekt. Seinen 110. Geburtstag hätte er dieses Jahr im Februar gefeiert. Der Deutsche mit jüdischen Ahnen, der unter den Nazis kein eigenes Büro führen durfte. Der Schreiner, der nach der ersten Ausbildung sein Studium abschloss. Eine durch und durch deutsche Biografie, eine die erschüttert wurde von einer widerlichen Diktatur und vom Zweiten Weltkrieg und die den Überlebenden nur eine Chance ließ: aufbauen.

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Quelle: jock+scott / photocase.de

Hermann Henselmann hat aus seiner Biografie geschöpft, hat sich voll und ganz auf die Seite gestellt, von der er meinte, dass nur so eine bessere Welt entstehen kann. Eine Welt mit Visionen, ein Arbeiter- und Bauernstaat für Gleiche unter Gleichen. Ein Experiment, das nach 45 Jahren DDR berechtigt scheiterte. Doch in seiner Architektur hat Henselmann der Vision ein Denkmal gesetzt. Vom Alexander Platz kommend, den Fernsehturm auf der linken Seite, steht rechts das Haus des Lehrers. Mit einer Mosaikbinde auf der Handwerker und Wissenschaftler zu sehen sind. Mit mittlerweile frisch renovierter Fassade, an deren Sockel weiße Fliesen bei Sonnenuntergang silbern das Licht reflektieren. Warum sollen Arbeiter und Bauern es nicht schön haben? mag sich Henselmann gefragt haben. Er, der Lebemann, der mit seiner Frau Irene acht Nachkommen zeugte, er, von dem mir seine Gattin noch kurz vor ihrem Ableben erzählte, das ihm die Nächte mit intensiven Gesprächen und gerne auch einem Gläschen Wein, nicht lang genug seien konnten.

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Quelle: Ringo Paulusch

Der Mensch Hermann Henselmann war streng, streng gegen sich selbst. Sein Ziel: Wohn- und Lebensraum für eine traumatisierte Bevölkerung. Sein Weg dahin: den Kontrast zur Moderne schaffen. Am Strausberger Platz sieht man es: Kacheln, Intarsien, Vorsprünge und Reliefs sind kein schlichter Deko-Schnickschnack, es macht eine großen, sehr großen Platz – pardon – gemütlich. Eine verpönte Angelegenheit seiner Kollegen im Westen. Nackt, pur, Architektur hatte funktional zu sein. Nicht, dass das Eine besser als das Andere wäre, es sind einfach zwei verschiedene Varianten, sich einer Aufgabe zu nähern.
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Quelle: jock+scott / photocase.de

Dass Henselmann mit seinem Ansatz nicht gewürdigt wurde, hat mit einer Überlagerung zu tun: Er stand – wie gesagt – auf der falschen Seite. Und wurde beziehungsweise wird, zu Teilen bis heute, nicht an seiner Arbeit gemessen, sondern als willfähriger Adlatus in einem Machtkampf gesehen. Sicher, man darf, kann und muss darüber nachdenken, in welchem Kontext Architektur entsteht. Wenn Zaha Hadid für Diktauren in Aserbaidschan baut, dann kann es das schönste Gebäude sein, das sie je geschaffen hat, ein „Geschmäckle“ bleibt. Hermann Henselmann hat – zu seiner Verteidigung – in einer Zeit, als die Gräben noch längst nicht so tief waren, eine Vision ernst genommen, die dann von einer korrupten Nomenklatur zu einem Unrechtsstaat wurde. Die fanden auch das Henselmann ein „dekadenter Bohemien mit ungeordnetem Privatleben“ sei. Der Bohemien erdreiste sich auch noch Diskussionen! „Mit der schlichten Formel ‚Die Architektur im Westen dient dem Kapitalismus, also ist sie schlecht‘ oder ‚Alles, was aus dem rechten Winkel gerät ist formalistisch‘ kommen wir nicht weiter.“, schrieb er. Mutig. Und suchte trotzdem nach Möglichkeiten, so etwas wie eine sozialistische Architektur zu definieren. Im Februar wäre er 110 geworden. Und seine Definition von sozialistischer Architektur erfährt endlich peu á peu die Wahrnehmung, die ihr gebührt.

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