Der Zuckerbäckerstil: Von Moskau in die ganze Welt

Die Bebauung rund um den Strausberger Platz in Berlin ist ein eindrucksvolles Beispiel der DDR-Baukunst aus den 1950er Jahren. Der sogenannte Zuckerbäckerstil ist ein Relikt aus vergangenen Zeiten und steht weltweit für sozialistisch geprägte Architektur. Auch wenn die Gebäude am Strausberger Platz in ihrer Form und Anordnung einzigartig sind – auf der ganzen Welt finden sich weitere Beispiele, die zeigen, dass die Ausbreitung des Baustils, der auch Sozialistischer Klassizismus genannt wurde, nicht an Ländergrenzen gebunden war.

Strausberger Platz in Berlin, Quelle: HG Esch

Architektur nach dem WK II: Prunkvolle Elemente gefragt

Ab 1932 breitete sich der sozialistische Realismus von der UdSSR ausgehend aus. Er sollte als Richtlinie für jede Art von Kunst, Literatur und Musik gelten und das Arbeitsleben und die Technik des sozialistischen Alltags in den Vordergrund stellen und verherrlichen. Der Sozialistische Klassizismus wird dieser Strömung zugeordnet. Was die Größe der Gebäude und die Gestaltung der Fassaden betraf, unterschied sich die Architektur des Sozialistischen Klassizismus ganz klar von ihren Vorgängern, dem Konstruktivismus und der Russischen Avantgarde. Letztere stellten schlichte geometrische Formen und Funktionalität in den Vordergrund. Nach Ende des zweiten Weltkriegs waren allerdings wieder prunkvolle Gebäude gefragt: Es wurden zahlreiche dekorative Elemente verwendet, die weniger der Statik oder Funktionalität, als der Optik dienten. Da sie nur „aufgesetzt“ wurden, wie Garnituren auf Gebäck und Torten, erhielt diese Architektur den Namen „Zuckerbäckerstil“.

Karl-Marx-Allee in Berlin, Quelle: Dnsob (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons
Der „Zuckerbäckerstil“ der 50er Jahren

In den 50er Jahren setzte sich der Zuckerbäckerstil durch, der auch als Sozialistischer Klassizismus bekannt ist. Die Gebäude waren deutlich repräsentativer und auffälliger als zum Beispiel die Objekte im Bauhausstil. Dem Zuckerbäckerstil, der im gesamten sowjetischen Einflussgebiet verbreitet war, lag eine kulturpolitische Idee zugrunde, nach der „nationale Elemente“ in die Architektur einfließen sollten. Das waren zum Beispiel klassizistische Verzierungen oder Barockelemente. Gleichzeitig sollte ein hoher Wohnkomfort sichergestellt werden. Bauwerke im Zuckerbäckerstil sind heute noch vielfach sowohl in Berlin als auch in osteuropäischen Ländern und sogar in China zu finden.

Strausberger Platz in Berlin, Quelle: HG Esch

Warschau bis Peking: Monumente des Sozialistischer Klassizismus

In der DDR prägte der Architekt Herrmann Henselmann Architektur und Städtebau in den 1950er und 1960er Jahren. So entwarf er neben dem Ensemble am Strausberger Platz unter anderem das Hochhaus an der Weberwiese (hierzu mehr weiter unten im Artikel) und das Haus des Lehrers am Alexanderplatz ganz im Sinne des Sozialistischen Klassizismus. Die Geburtsstadt dieses architektonischen Stils ist Moskau. Errichtet wurden hier unter anderem die Monumentalbauten der „Sieben Schwestern“. Von ursprünglich acht geplanten Gebäuden wurden sieben gebaut, darunter die Lomonossow-Universität, die Hotels Ukraina und Leningradskaja und das Außenministerium. Mit ihrem monumentalen Stil sollte die Rolle der Sowjetunion als Siegermacht nach dem zweiten Weltkrieg unterstrichen werden. Die Hochhäuser wurden schließlich zum Vorbild für Gebäude in anderen Ostblock-Staaten, unter anderem Polen. Hier entstand in Warschau ab 1952 der Kulturpalast, der sich an den „Sieben Schwestern“ orientierte. In Riga wurde zeitgleich ebenfalls ein Kulturpalast errichtet, der heute Sitz der Lettischen Akademie der Wissenschaften ist. Weitere Zeugnisse des Sozialistischen Klassizismus sind das Casa Presei in Bukarest auch „Haus der freien Presse“ genannt und das Crowne Plaza Hotel in Prag. Sogar bis nach China reichten die Auswirkungen der sozialistischen Architektur: die Große Halle des Volkes in Peking wurde im neoklassizistischen Stil errichtet und ist eines der symbolträchtigsten Bauwerke der Stadt.

Radu Bercan-fotolia
Casa Presei in Bukarest, Quelle: Radu Bercan / Fotolia

Das Haus an der Weberwiese – ein architektonischer Stil entsteht

Die 50er Jahre in Berlin sind vom Wiederaufbau geprägt und bietet den Architekten viel Spielraum in der Stadtgestaltung. Die DDR-Regierung war sich einig: An der Weberwiese sollte ein repräsentatives Wohnhochhaus entstehen. Jedoch ist die SED-Führung von den zunächst vorgelegten Entwürfen nicht begeistert denn das Architektenkollektiv um den renommierten Hermann Henselmann (der später die Gestalt des Fernsehturmes maßgeblich beeinflussen würde) hat einen Wohnturm im Zeichen der Moderne entworfen. Aus Moskau erreichen die deutschen Gestalter jedoch klare Anweisungen, sich von diesem dekadenten und bourgeoisen Stil abzuwenden und die Vorbilder aus der Vergangenheit zu studieren. Acht Tage bleiben dem Kollektiv, dann soll der neue Entwurf fertig sein.

Central Berlin - Weberwiese im Bau

Bei der Präsentation der überarbeiteten Pläne betont Henselmann die Referenzen zu Karl Friedrich Schinkels klassizistischer Architektur im Berlin des 19. Jahrhunderts. Tatsächlich hat der Entwurf auch starke Bezüge zu Hochhäusern der Zwanzigerjahre, wie sie aus Chicago und New York bekannt sind. Die Herleitung gefällt der Führungsriege, leitet sich doch der gerade entstehende Sowjet-Klassizismus ebenso von der Epoche des Russischen Klassizismus ab. Bald ist es beschlossene Sache – das Hochhaus an der Weberwiese wird nach klassischem Vorbild errichtet.

Mit Tempo realisiert

Die Maurerbrigaden rücken an. Nach nur 141 Bautagen und -nächten wird am 19. Januar 1952 Richtfest gefeiert, und Erich Honecker, damals Vorsitzender der FDJ, vermauert den letzten Ziegelstein. Am 1. Mai 1952 können 33 Drei-Zimmer-Wohnungen von je 96 Quadratmetern Größe von Arbeiterfamilien bezogen werden. Fertig ist der 35 Meter hohe, neungeschossige Bau mit modernstem Standard.
Der sogenannte Zuckerbäckerstil ist geboren. Ganz im Sinne eines Leuchtturmprojektes setzt das Hochhaus den ästhetischen Maßstab für die Gestaltung der Stalinallee – später Karl-Marx-Allee und der vielen anderen Projekte weltweit.