Design Made in Germany

In beiden deutschen Staaten entwickelten sich fast unabhängig Designsprachen. Während der Westen Stars wie Dieter Rams an den Start brachte, waren es im Osten der Republik namenlose Kollektive, die Eigenes und Abgekupfertes entwarfen und produzierten. Auch wem heute Dieter Rams nichts sagt: Er war der Designer, der das, was man heute bei Appel-Design faszinierend findet, vorgedacht hat. Braun, so die Marke mit Haushaltselektronik, war Kult und ist vom Radar verschwunden. Die Designer der DDR sind gar nicht erst auf dem Radar aufgetaucht. Nichtsdestotrotz haben sie Spuren hinterlassen.

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Quelle: Ringo Paulusch

Die, wie könnte es anders sein, auch am Strausberger Platz sichtbar sind. Ob von einfachen Gullideckeln, auf denen heute noch VEB – Volkseigener Betrieb – prangt, bis hin zu den Wohnungen am Strausberger Platz. Irene Henselmann, die Frau des leitenden Architekten des Ensembles am Strausberger Platz, hat vom Türgriff bis zur Küchenschrankwand alles designt, was möglich und nötig war.

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Quelle: Ringo Paulusch

Heute sind nur noch wenige Wohnungen am Strausberger Platz im Originalzustand der DDR erhalten. Denn nach der Wende musste einiges getan werden, um – aus dem zum Teil maroden Gebäuden – den heutigen denkmalgeschützen Platz und dessen Prachtallee werden zu lassen. Und nicht nur die Außenansichten mussten aufpoliert werden, sondern auch die Innenräume. Wer sich heute am Strausberger Platz niederlässt, der tut dies in der Regel nicht nur aufgrund der besonderen Ästhetik und Einmaligkeit der Gebäude, sondern vor allem auch wegen der besonderen Geschichte. Wer auf der Suche nach noch vorhandenem DDR-Design ist, für den ist der Strausberger Platz und die Karl-Marx-Allee der Trüffel unter den Pilzen.

Eine Schatztruhe ist die DDR Limited Galerie. Kronleuchter von Peter Rockel aus dem ehemaligen Bauministerium der DDR und Teile der Metalldecke der Nachtbar des Café Moskau sind echte Preziosen und können hier gefunden werden. Von wem die Schätze stammen? In der Regel von volkseigenen Betrieben, mit vollmundigen Namen wie zum Beispiel Kombinat NARVA „Rosa Luxemburg“.

Die Designer und die Kreativen zu recherchieren, war bis vor kurzem noch ein Ding der Unmöglichkeit. Jetzt, da die Massenprodukte für die werktätige Bevölkerung zu Kultobjekten avanciert sind, gibt es Foren für Sammler und Enthusiasten. Eines davon ist die Seite www.industrieform-ddr.de. Was die Damen und Herren hier an Infos zusammengetragen haben, ist sensationell. Weitere Informationen sind auf der Seite www.stiftung-industrie-alltagskultur.de zu finden. – Das als Beweis, dass es im Osten eine eigene und noch dazu profunde Designsprache gegeben hat.

Hier finden sich zum Beispiel Marken wie Hedwig Bollhagen. Die Grande Dame (1907 – 2001) der Keramik hat die Wende noch miterlebt und es zu DDR-Zeiten geschafft, eines der wenigen, privat geführten Unternehmen zu leiten. Ihre Entwürfe, bestenfalls in einer der Wohnungen am Strausberger Platz zu finden, sind echte Hingucker. Was Paul Smith mit Streifen auf Textilien veranstaltet, dass schaffte die Dame Bollhagen auf Tellern, Teekannen und Tassen. Ihr Markenzeichten: Weiß-Blau. Schon 1937 ist sie für ihre Entwürfe auf der Pariser Weltausstellung mit einer Goldmedaille prämiert worden. Heute ist HB, so das Singet auf den Keramiken, ein moderner Klassiker.

Bis dahin wird es der Trabant wohl nicht mehr schaffen. Der Kastenwagen aus Plaste (DDR Deutsch für den Plastik ähnlichen Rohstoff) hatte Wartezeiten von bis zu 15 Jahren und im Osten wurde gescherzt, dass es sinnvoll sei, schon bei der Geburt einen Trabbi zu bestellen. Durch Berlin und – wie könnte es anderes sein – auch durch die Karl-Marx Allee, knattern bis heute die Trabbi Safaries (www.trabisafari.de). Ein skurriler Anblick ist das, wenn die kleinen Kisten (zum selber fahren) im Korso den Strausberger Platz umkreisen. Gerade für die Bewohner, die die DDR noch selber erlebt haben…

Ein „Traumauto“ – und eine Nummer größer – war der Wartburg, entworfen von Prof. Karl Clauss Dietel. Er erhielt 2015 den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland, die höchste Auszeichnung, die Deutschland in diesem Bereich zu vergeben hat. Damit wurde Dietel als einer der führenden Formgestalter der DDR anerkannt und gewürdigt. Sein Manifest über den sinnvollen Umgang mit Ressourcen hat bis heute Gültigkeit. Dass er mit dem Aufruf zu Umweltbewusstsein und sinnvollen Produktionswegen bei der Führung der DDR in Ungnade fiel, spricht nur für den Visionär. Das „Offene Prinzip“ sollte Entwürfe realisieren, die Zugang für Pflege, Reparatur und technische Neuerungen so einfach umsetzbar machten, dass der Endverbraucher es ohne Fachmann schaffte.

Heute träumen wir davon, ein zersplittertes Handy-Display im Alleingang reparieren zu können. Für Dietel war das A und O von zeitgemäßem Design, auch bei „Schwierigem“ selbst Hand anlegen zu können. Ein Beispiel: Der Mokick SR4-2 Star. Noch so ein Kultobjekt aus dem Design des Ostens. Aber es gibt noch so viel mehr zu entdecken…. Und vieles davon hat das Zeug zum Designklassiker. Nicht nur für Nostalgiker.