Design muss sein

Nur ein paar Meter vom Strausberger Platz findet Berlins innovativstes Designfestival statt.

Wenn Sie vom Strausberger Platz die Lichtenberger Straße entlanglaufen und dann die die Spree über die Michaelbrücke überqueren, finden Sie auf der rechten Seite ein Kraftwerk. Das Kraftwerk ist im ehemaligen Westen gelegen und heute ein Veranstaltungsort. Hier finden von Techno Partys über Kunstmessen bis hin zu Events wie der internationale Kinostart der „Cinderella“-Neuauflage zahlreiche Veranstaltungen statt. Und vom 11. bis 14. Juni trifft sich dort die Avantgarde des Design. DMY, so der Name des Festivals. Es ist das einzige Festival in Berlin, das sich der internationalen Designszene widmet. Öffentlich. Und als Luxusbonus für die Bewohner vom Strausberger Platz fußläufig erreichbar. Ein junges Festival, so jung wie Berlin. Nicht so groß wie die bekannten Messen Salone del Mobile in Mailand, oder Maison et Objet in Paris, aber dafür mit einem Setting, das es dem Nachwuchs aus (fast) der ganzen Welt erlaubt, ein Forum zu finden. Und immerhin auf 130.000 qm.

Interessanterweise ist einer der Macher, Fabian Burns, gleichzeitig einer der Veranstalter des Designpreises der Bundesrepublik Deutschland. Der Designpreis wird seit 1969 verliehen. Und jetzt raten Sie mal, wer ihn 2014 erhalten hat: Prof. Karl Clauss Dietel. Der Designer aus dem Osten der Republik hätte es zu Weltruhm gebracht, hätte es die Mauer nicht gegeben. Er ist vergleichbar mit Dieter Rams, der schon in den Sechzigern in der Bundesrepublik mit Produkten für „Braun“ (Radios, Musikanlagen) vorwegnahm, was später zum Markenzeichen von Apple wurde. Reduziertes Design, zeitlos im Gewand, so das Markenzeichen von Dieter Rams – und Prof. Karl Clauss Dietel.

Dietel hat Alltagsprodukte im Osten nicht nur minimalistisch mit Liebe zum Detail gestaltet, der „Formgestalter“, wie Designer im Osten genannt wurden und sich Dietel sich bis heute nennt, ist einer der ersten „Ökos“ seiner Profession: „Jahrhunderte lang hatte der Mensch Produkte nach dem Grundsatz gestaltet, dass sie gut, schön und brauchbar sein und solange wie möglich halten sollten. Und all das wird jetzt in Frage gestellt.“, formuliert er seine Kritik an der Wegwerfgesellschaft, die bis heute allgemeingültig ist. Der Formgestalter aus Chemnitz hat unter anderem den Wartburg 353, die Motorräder von MZ und die Schreibmaschinen mit dem Namen „Erika“ zur Serienreife gebracht. Mit einem Bonus für den Käufer: Seine Produkte waren so durchdacht, dass kleine Macken selbst repariert werden konnten. Design, dessen Technik man verstehen kann. Versuchen sie das mal in einem Designhotel, in dem das Licht per Ipad gesteuert wird…. Dass der Preis an einen Designer ging, der in der DDR außergewöhnliches geleistet hat, ist durchaus als politisches Signal zu verstehen. Immerhin handelt es sich um die höchste Auszeichnung, die die Bundesrepublik Deutschland in diesem Bereich zu vergeben hat. Die Jury, zu der ich die Ehre hatte dazuzugehören, hat sich dann auch über Stunden damit auseinandergesetzt, ob eine individuelle Lebensleistung honoriert werden kann, die in einer Diktatur zustande kam – und das in einer Disziplin, die davon abhängig ist, das viele Gewerke zusammenspielen. Also einer Disziplin, die Unterstützung auch von staatlichen Stellen braucht.

2015 beim DMY ist ein anderer Takt angesagt. Fragen nach ökologischen Auswirkungen einer Produktschwemme sind virulent, Design- und Kunsthochschulen sowie Universitäten präsentieren ihre Arbeiten und neuesten Forschungsergebnisse in Berlin. Im DMY Lab zeigen junge Talente ihre Entwürfe und im Showroom sind etablierte Designer, progressive Design-Marken und internationale Organisationen vertreten.

Am 11. Juni werden Angelika Taschen und Piero Lissioni mit mir in einer Talkrunde über die Zukunft der schönen Dinge sprechen. Angelika Taschen ist eine der erfolgreichsten Verlegerinnen der Welt, hat über 500 Bücher zum Thema Design und Architektur mitherausgegeben und wechselt jetzt die Fronten – von der Theorie zu Praxis. Sie hat in „Der Seehof“ in Österreich Suiten gestaltet. Piero Lissoni ist unter anderem Art Director bei „Boffi“, hat für Brands Cassina und Molteni gearbeitet und Hotels in Amsterdam, Vendig und Istanbul gestaltet. Soviel zum Heute. Das nur im Kontext mit dem Gestern Sinn macht. Auf dem Weg zurück zum Strausberger Platz macht es mehr als Sinn, einen Blick in die Galerie Central Berlin zu werfen. Hier stehen sie, die Klassiker einer Wohnkultur, die beinah vergessen ist. Und vielleicht entdeckt der Besucher ja sogar „Erika“….