Die Alltagsüberraschungen Berlins

Ein Mädchen, das ich kenne – so holländisch wie man nur sein kann – ist vor einigen Jahren nach China gezogen. Ihr Freund war Chinese und ich bin sicher, dass sie ihn ein paar Mal besucht hat, bevor sie tatsächlich für den Rest ihres Lebens gen Osten gezogen ist. Doch kann ich mir vorstellen, wie viele Herausforderungen sie meistern musste, während sie versuchte, sich ein Leben auf der anderen Seite der Welt aufzubauen. Verglichen damit sind Deutschland und die Niederlande so gut wie das gleiche Land – selbst die Sprache ist ziemlich ähnlich. Dennoch habe ich in den Monaten, in denen ich nun schon in Berlin lebe, bemerkt, dass der Teufel im Detail steckt, wenn es um kulturelle und alltägliche Unterschiede geht. Deshalb habe ich hier für alle Berliner, denen nicht bewusst ist, wie speziell sie sind und für alle Nicht-Berliner, die keine Ahnung haben wie es ist, in dieser Stadt zu leben, einen kurze Überblick über alle Überraschungen zusammengestellt, die ich hier bereits erlebt habe.

photocasegfacala755839961
Quelle: Anweber / photocase.de

Das Postboten-Geheimnis

In Holland habe ich in so einigen Apartment-Häusern gelebt und in jedem dieser Gebäude habe ich immer Post erhalten. Bis dahin besteht kein Unterschied zu meiner momentanen Situation in Berlin. Aber in Holland hat jedes Haus entweder einen einzigen großen Briefkasten (das trifft auf etwas kleinere Gebäude zu) und man nimmt nur seine eigene Post hinaus, oder die Briefkästen stehen außerhalb des Gebäudes. Ich habe eine Weile gebraucht, um zu kapieren, dass die Briefkästen in Berlin innerhalb des Gebäudes angebracht sind und trotzdem irgendjemand irgendwie die richtige Post in den richtigen Postkasten steckt. Wer war dieser jemand? – Wunderte ich mich. Gibt es da eine Art geheimen Boten, der all die Post erhält und dann in die richtigen Postkästen schiebt? Klingelt der Postman bei einem auserwählten Nachbarn, der dafür zuständig ist die Post zu sortieren? Das alles erschien doch recht unwahrscheinlich. Ich begann also, mich nach Hinweisen umzusehen, hatte aber Angst, dass ich dumm rüberkäme, wenn ich jemanden fragte. Dann entdeckte ich ein kleines Schlüsselloch neben der Eingangstür und an der Hintertür. Dies war schnell zu übersehen und dennoch so wichtig für dieses Mysterium. Offensichtlich haben deutsche Postboten einen speziellen Schlüssel, der in dieses Schlüsselloch passt. So eine Art Generalschlüssel, der alle Eingangstüren in Berlin öffnet. Oder zumindest haben einige von ihnen einen solchen Schlüssel. Das Geheimnis war gelöst, auch wenn ich immer noch ziemlich erstaunt darüber bin, wieviel Vertrauen die Postboten hier genießen. Offensichtlich verdienen sie es.

P1
Unsere Briefkästen, sicher und trocken im inneren des Hauses

P2
Mysterium gelöst: Das geheime Schlüsselloch

Ignoriere NIEMALS eine rote Ampel

Ich würde mich nicht als großen Rebellen bezeichnen und ich breche in der Regel auch nicht das Gesetz. Aber jetzt ernsthaft: Wenn man mitten in der Nacht eine Straße überqueren möchte, kein Auto in Sicht ist und dennoch die Ampel rot ist… Dann fühle ich mich einfach idiotisch, darauf zu warten, bis die Ampel grün wird. So ähnlich empfinde ich es auch am Tage, wenn kein Auto in Sicht ist oder auch wenn eines in weiter Ferne in Sicht ist, ich es aber eilig habe und ich sicher bin, dass ich es schaffen werde, die Straße rechtzeitig zu überqueren. Natürlich hätte mir schon während meiner Besuche in Berlin auffallen müssen, dass Deutsche nicht gerne rote Ampeln ignorieren. Aber erst, als ich eine eingeborene Berlinerin (aus Versehen) dazu brachte ‚illegal‘ die Straße zu überqueren, wurde mir bewusst, dass es den hier Menschen tatsächlich weh tut, die Ampel zu ignorieren. Dieses Mädchen und ich unterhielten uns angeregt und ich habe nicht einmal bemerkt, dass die Ampel rot war. Aber plötzlich stöhnte sie ein wenig auf und schloss ihre Augen – ihr ganzer Körper protestierte. Es war genau dieser Moment, in dem ich beschloss, dass ich aufhören musste, rote Ampeln zu ignorieren, falls ich jemals eine echte Berlinerin werden wollte. Und seitdem fällt mir immer wieder auf, dass es tatsächlich nur Touristen sind, die nicht darauf warten, dass die Ampel wieder grün wird. Mittlerweile finde ich es sogar dämlich, dass sie es so eilig haben die Straße zu überqueren. Warum sollte man nicht einfach ein paar Sekunden (manchmal auch Minuten) warten, um sich umzusehen und sich über die vielen unterschiedlichen Menschen zu freuen, die in Berlin vorbeiziehen.

P3
Kein Grund zur Eile

Ein Wegbier (oder vier) am Tag…

Eines Tages sah ich eine hübsche junge Frau, die einen Kinderwagen schob, während sie ein Bier trank. In Holland würden die Leute sie anstarren und über sie urteilen, als wäre sie irgendeine Betrunkene. In Berlin gucken die Leute nur, weil eine hübsche junge Frau mit einem süßen Baby ihren Sonntagsspaziergang genießt. Leute, die in Berlin auf der Brücke sitzen und Bier trinken, sind in Holland Landstreicher, aber in Berlin sind es einfach normale Menschen, die von der Arbeit kommen, ein Feierabendbier mit Freunden trinken und den Sonnenuntergang genießen. Es gibt einen eindeutigen (und traurigen) Grund dafür: In Holland dürfen wir in den Öffentlichkeit nicht trinken, abgesehen von Cafés oder Restaurants. Im Sommer ist die Polizei da etwas nachsichtiger und bemüht, die trinkende Leute im Park zu ignorieren, aber offiziell ist es verboten. Wenn mich Freunde zum ersten Mal hier in Berlin besuchen, sind sie immer etwas verhalten, wenn es darum geht, sich ein Bier am Späti zu kaufen und es während des Gehens zu trinken. Wenn sie die anderen dann sehen, die alle das Gleiche tun – sogar am Nachmittag – wird ihnen klar: Das Wegbier ist genauso ein Teil des wahren Berlins, wie Currywurst, Sonntags-Märkte und Clubs. Das fühlt sich herrlich an.

Sonntag = Ruhetag

Wo wir schon von Sonntags-Märkten und Nacht-Clubs reden: Sonntage sind ebenfalls anders in Berlin. Ich bin nicht sicher, ob ich mich je daran gewöhnen kann, dass viele Supermärkte 16 Stunden am Tag geöffnet haben, außer sonntags – da öffnen sie nämlich überhaupt nicht. Ich gebe zu, auch in Holland ist es noch nicht lange her, dass zaghaft die ersten Supermärkte auch sonntags gehöffnet hatten. Aber in den letzten Jahren hat sich das stark gewandelt und nun haben die meisten Supermärkte im Stadtzentrum offen – und ja, ich habe mich daran gewöhnt. Die meisten Leute in Berlin planen wohl im Voraus. Ich jedenfalls war bisher schon dreimal dazu gezwungen, zum Supermarkt im Ostbahnhof zu gehen, einer der wenigen die sonntags geöffnet haben. Glaubt mir: An einem Sonntag will man diesen Supermarkt nicht mal betreten, wenn man am Verhungern ist. Also gibt es zwei Optionen: Entweder verhält man sich wie ein Erwachsener und kauft am Samstag brav all das ein, was man Sonntag auch noch essen möchte ODER man macht es auf die Berliner Art. Das heißt: Man feiert bis Sonntagnachmittag, schläft den restlichen Tag und bestellt sich Pizza wenn man aufwacht. Oder man feiert etwas weniger lang, schläft ein wenig kürzer, hat einen ausgedehnten Brunch in der Stadt und besucht einen der Sonntags-Märkte. Hier kann man entweder etwas zu essen kaufen, oder so lange da rumhängen, bis es Zeit für das Abendessen in einem der umliegenden Restaurants wird. Ich persönlich bevorzuge die Berliner-Art.

P4
Frühstück gibt es sonntags bis spät in den Nachmittag hinein… also auch hier: kein Grund zur Eile

P5
So sollte jedes Abendessen aussehen!

Das ist eine recht beeindruckende Liste, nicht wahr? Dabei habe ich nicht mal erwähnt, dass man an jeder Straßenecke Tischtennis spielen kann. Oder dass die meisten Häuser ihre eigenen Müll-Container haben (Mülltrennung war nie so einfach!). Oder, dass Bargeld in Berlin etwas Heiliges ist – während man in Holland überall mit der Karte zahlen kann, auch in kleinen Bars. Die Dinge ändern sich, wenn man Grenzen überschreitet und ich denke, dass Berlin sogar im Vergleich zum Rest von Deutschland einige kulturelle Unterschiede hat. Aber genau das macht es so fantastisch für einige Zeit in einer (wenn auch nur wenig) anderen Kultur zu leben: Man bekommt die Chance, Dinge zum ersten Mal zu erfahren. Ich habe immerhin noch zehn Monate um alle Eigenheiten dieses neuen Landes und dieser Stadt herauszufinden – und ich hoffe, das Staunen nimmt kein Ende.