Die DDR lebt weiter – zumindest im Supermarkt

Für Leute, die aus dem Westen kamen, muss das Einkaufen in DDR-Geschäften ganz schön abenteuerlich gewesen sein. Coca-Cola, Nutella, Mars, Nivea? Gab‘s alles nicht in der ehemaligen DDR, jedenfalls nicht offiziell. Statt dessen schuf das Land eigene Marken bzw. setzte die Produktion in Unternehmen fort, die ihren Standort auf DDR-Gebiet hatten. Von den insgesamt ca. 700 Marken waren einige mehr oder weniger originalgetreue Kopien bekannter Westmarken, daneben gab es aber auch authentische DDR-Produkte. Etwa 100 davon haben die Wiedervereinigung überlebt, so das Ergebnis einer 2012 veröffentlichten Studie – und eine Handvoll glücklicher Favoriten sind heute noch in den Supermärkten erhältlich.

Nudossi: Wie Nutella, aber mindestens dreimal so gut

Der Spitzname „Ost-Nutella“ wird Nudossi eigentlich nicht gerecht – denn die Schokocreme kam zwar erst vier Jahre später auf den Markt, aber sie ist keineswegs bloß ein billiges Imitat. Zu DDR-Zeiten war der Brotaufstrich Mangelware, zumal das Verkaufspersonal die teuren Dosen gerne für den eigenen Verzehr bzw. für Familie und Freunde hortete. In einem Land, in dem wegen des chronischen Versorgungsmangels Kreativität angesagt war, gab es wenige Produkte, die das Leben so schön versüßten wie Nudossi. Trotzdem sah es eine Zeitlang so aus, als ob der Lieblingsaufstrich des Arbeiter- und Bauernstaats nach dem Mauerfall sang- und klanglos aus den Regalen verschwinden würde, nachdem die Fabrik 1991 ihre Tore schließen musste.

Dass es letztlich doch anders kam und Nudossi seit 1999 in alter Frische wieder in jedem anständigen Supermarkt zu haben ist, ist nicht zuletzt dem Einsatz des Mitteldeutschen Rundfunks zu verdanken, der die erloschene Marke im Sommer 1996 beim Deutschen Patent- und Markenamt erneut anmeldete. Bis heute wird der Nutella-Konkurrent in Radebeul hergestellt. Mindestens einen beeindruckenden Sieg über den Goliath aus dem Westen konnte der David aus dem Osten bereits verzeichnen: 2009 kürte Öko-Test Nudossi weit vor dem Original zum Testsieger.

Ein Blick aufs Etikett verrät, warum: Mit 36 % ist der Haselnussanteil von Nudossi fast dreimal so hoch wie bei Nutella (13 %). Was die Ost-Creme heute zur begehrten Luxusware macht, war zu DDR-Zeiten eine Notlösung: Nüsse (die aus der Sowjetunion, genauer gesagt: aus Georgien, importiert wurden) waren schlicht und ergreifend billiger als künstliche Aromen. Und warum sollte man an dem erprobten Erfolgsrezept etwas ändern?

Florena: Nivea des Ostens

Auf die Frage nach einer Kosmetikmarke fällt jedem zehnten Einwohner der ehemaligen DDR als erstes Florena ein. In der DDR war Florena gleichbedeutend mit Kosmetikwaren – und zwar erst recht, als das Unternehmen in den 1950er Jahren eine Feuchtigkeitscreme in blau-weißen Dosen herzustellen begann. Kein Wunder, dass die sogenannte „Universalcreme“ auch unter dem Spitznamen „Nivea des Ostens“ bekannt war!

Doch der Schein trügt: Florena gab es schon lange vor der DDR. Der Markenname wurde bereits 1920 beim Reichspatentamt eingetragen, die Herstellerfirma bereits 1852 unter dem Namen Waldheimer Parfümerie- und Toilettenseifenfabrik gegründet. Bei Nivea bzw. dem Mutterunternehmen Beiersdorf war man von dem kleinen Bruder aus dem Osten nicht unbedingt begeistert. Alle Versuche, Florena per Gerichtsbeschluss zur Änderung der Optik seiner „Universalcreme“ zu zwingen, waren jedoch vergeblich.

Wie heißt es doch so schön? „If you can’t beat them, join them“ – wenn man die Konkurrenz nicht schlagen kann, schlägt man sich am besten auf ihre Seite. So lief im September 1989 im sächsischen Waldheim die Gestattungsproduktion für Nivea an. Der Mauerfall und die anschließende Wiedervereinigung setzten dieser Geschäftspartnerschaft ein Ende, und Nivea beschloss, den kleinen Bruder statt dessen lieber zu adoptieren (um es freundlich auszudrücken).

Heute ist Florena 100-prozentiges Eigentum von Beiersdorf. Produziert wird weiterhin im Osten – 300 der 9.239 Einwohner von Waldheim sind bei Florena beschäftigt. Auch die „Universalcreme“ gibt es noch, wenngleich sie sich optisch inzwischen ein wenig vom Nivea-Pendant unterscheidet. Daneben stellt Florena aber auch eine Q10-Handcreme, eine mit Shea-Butter angereicherte Feuchtigkeitscreme sowie eine Reinigungsmilch mit Wasserlilie her.

Rotkäppchen: überschäumender Erfolg

Wer bei Google „Rotkäppchen“ eingibt, findet ganz oben unter den Suchergebnissen – noch vor zahlreichen Verweisen auf das bekannte Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm – die Internetpräsenz der Rotkäppchen Sektkellerei. Rotkäppchen ist das wohl beste Beispiel einer Ostmarke, die so erfolgreich war, dass sie 2002 sogar den West-Konkurrenten Mumm übernahm.

Insgesamt liegt der Marktanteil der Sektmarken mittlerweile bei 54,9 %, Rotkäppchen alleine kommt auf stolze 38,3 % (2015; statista.de). Neben den für den Normalverbraucher erschwinglichen Sorten, die es in jedem Supermarkt gibt, stellt das Unternehmen auch exklusivere Flaschen sowie mehrere Weinsorten her.

Central Berlin Rotkäppchen
Ein starkes Erbe. Quelle: Daphne Damiaans

Dabei sah es für Rotkäppchen jahrelang überhaupt nicht gut aus. Als die DDR 1990 von den Landkarten verschwand, konnte die Marke sich noch als Marktführer behaupten. Schon wenige Jahre später war unklar, ob sie die Wiedervereinigung überstehen würde – viele tranken lieber West-Sekt. Nach der 1993 erfolgten Privatisierung des ehemaligen Volksbetrieb konnten die neuen Besitzer sich erfolgreich am gesamtdeutschen Markt etablieren. 2014 erzielte das Unternehmen mit 115 Millionen Flaschen Sekt einen Verkaufsrekord.

Reine (N)ostalgie oder doch mehr?

Mit Ostalgie hat dieser Erfolg nichts zu tun – behaupten zumindest die Geschäftsführung und Sprecher des Unternehmens. Ganz im Gegenteil: Man habe den Schampus bewusst nie als „Ostprodukt“ vermarktet, sondern an eine stolze Tradition angeknüpft, die bereits 1894 begann, lange bevor es eine DDR gab. Wie dem auch sei, Liebhaber von DDR-Produkten – ob aus (N)ostalgie oder historischem Interesse – können nur hoffen, dass anderen Ostmarken ähnlich rosige Zukunftsaussichten beschert sind. Lang lebe Nudossi!