Die DDR zum Leben „erbacken“

Am 9. November war es genau 26 Jahre her, dass die Berliner Mauer im Jahr 1989 fiel. Seitdem überfluten Coca Cola, McDonalds und Mars die ehemalige DDR, oder etwas positiver ausgedrückt: Die Ostdeutschen kamen endlich auf den westdeutschen Geschmack.  Aber egal wie gut (?) ein Hamburger auch schmeckt – jeder, der in der DDR aufwuchs, wünscht sich von Zeit zu Zeit den Geschmack vergangener Tage zurück.

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Quelle: Daphne Damiaans

Es wird zwar immer schwerer sie zu finden, doch es gibt sie noch: Bäckereien, die ihre Backwaren so anbieten, wie es sie einst in der DDR gab. Noch besser ist es natürlich, ein Kochbuch mit den alten Rezepten zu finden und den DDR-Geschmack selbst nachzubacken. Genau das habe ich getan.

Ein Besuch im Kochbuch-Paradies

Der erste wichtige Schritt: Finden Sie ein altes DDR-Kochbuch! Ich besaß zwar schon einmal ein sogenanntes Backbuch aus der DDR, doch das wurde 2014 in einem sehr westdeutschen Dorf in der Nähe von Stuttgart veröffentlicht. Auch liefert es zwar interessante Hintergrundinformationen zum Backen in der DDR (wo Backen noch mit Liebe und Hingabe praktiziert wurde), aber es ist alles andere als authentisch. Deshalb ging ich zur Bibliotheca Culinaria, einem Kochbuchantiquariat in Berlin. Ja, es gibt wirklich alles in Berlin!

In diesem kleinen Antiquariat gibt es Kochbücher aus jedem Land der Welt, die teilweise bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Und natürlich auch eine ganze Wand voller Kochbücher aus der DDR. Ich wählte ein Exemplar namens „Unser Kochbuch“, veröffentlicht im Jahr 1952. Es war DAS Kochbuch, das nahezu jeder in Ost-Deutschland besaß. Der Eigentümer des Antiquariats schenkte mir außerdem „Das Backbuch“ aus dem Jahr 1983 mit der Anmerkung, dass viele ehemalige DDR-Bürger die Rezepte noch immer benutzen, weil sie einfach gut schmeckten. Deshalb werde das Buch auch heute noch verlegt. Grinsend wie ein Honigkuchenpferd ging ich nach Hause, um mein erstes DDR-Rezept zu backen.

Viel mehr als nur ein Kochbuch

Ein passendes Rezept zu finden, war dennoch eine Herausforderung. „Unser Kochbuch“ beginnt mit zwei Einführungen. Eine von Prof. Dr. phil, Dr. med. vet. h.c., Dr. agr. h.c (das ist kein Witz) Scheunert, der uns erzählt, dass ein gutes Kochbuch nicht nur ein Ratgeber in der Küche sei. Vielmehr sei es auch ein Werkzeug, um unsere körperlichen Bedürfnisse durch die richtige Zubereitung von Essen zu befriedigen. Nicht zuletzt deswegen wünsche er dem Leser, dass das Buch zu dessen Gesundheit beitrage. „Alles klar!“, dachte ich – aber eigentlich wollte ich nur einen Kuchen backen.

Neben hunderten von Rezepten – von Gulasch bis zur richtigen Zubereitung von Kaffee – erklärte das Buch den DDR-Hausfrauen von damals auch, wie man den Tisch korrekt zu decken hatte und wie man Lebensmittel richtig aufbewahrte. Denn obwohl es in der DDR immer genug zu essen gab, waren einige Produkte schwer zu bekommen. Immerhin:  Da 1,5 Millionen Ostdeutsche einen eigenen Kleingarten besaßen, konnten sie ihr eigenes Gemüse und Obst anbauen. Durch das Einlagern ihrer Ernten stellten die DDR-Bürger sicher, dass sie einen Vorrat für das ganze Jahr hatten – und damit immer wieder ihren Lieblingskuchen backen konnten. Wenn andere wichtige Zutaten fehlten, improvisierten sie etwas (schauen Sie sich das folgende Rezept an, um zu verstehen, was ich damit meine)

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Quelle: Daphne Damiaans

Da ist sie, die DDR-Ironie

Ich wählte letztlich ein Rezept, dass ich in all meinen DDR-Kochbüchern gleichermaßen fand: Pflaumenkuchen. Es ist ein typisches Herbstrezept. Und hier kommt die Ironie des Ganzen: Ich habe in den letzten Monaten in jedem Supermarkt Pflaumen gesehen, aber genau jetzt, als ich sie brauchte, konnte ich keine mehr finden. Da war sie also, meine ganz persönliche DDR-Herausforderung! Nun musste ich improvisieren. Ich entschied mich schließlich von Pflaumen auf Birnen umzusteigen, ohne jedoch zu wissen, wie das den Geschmack des Kuchens beeinflussen würde.

Ich erspare Ihnen an dieser Stelle die Backdetails. Ich muss mir selbst eingestehen, dass ich bei weitem nicht die Fähigkeiten einer DDR-Hausfrau habe (die noch dazu fast alle einen Vollzeitjob neben der Hausarbeit hatten). Also, wie hat mein Birnenkuchen geschmeckt? Nun ja, er wäre mit Pflaumen wohl besser gewesen. Ich habe viel Zucker und eine sehr knusprige Kruste herausgeschmeckt. Aber war das auch so vom Rezept vorgesehen?

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Quelle: Daphne Damiaans

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Quelle: Daphne Damiaans

 

Wie die DDR wirklich schmeckt

Ich entschloss mich, der Feinbäckerei Wenzel in der Frankfurter Allee 47 einen Besuch abzustatten. Dort bäckt man noch nach alten Rezepten – täten sie das nicht, würden sie wohl viele ihrer Kunden verlieren. Ich fand viele DDR-Süßgebäcke, von Schillerlocken bis Pfannkuchen, von Zupfkuchen bis Windbeutel. Viele Kunden erzählten mir während meines Besuchs von ihren liebsten DDR-Leckerbissen. Auf Empfehlung der Verkäuferin entschied ich mich jedoch für Pflaumenkuchen und Frankfurter Kranz.

Um ganz ehrlich zu sein (Sorry, liebe Verkäuferin!): ich würde den Kranz niemandem empfehlen, der kein Fan von dicken Butterschichten ist. Der Pflaumenkuchen war allerdings köstlich: sehr frisch und, dank der Säure der Pflaumen, nicht so süß wie meine improvisierte Birnen-Variante. Die Kruste schmeckte ein bisschen wie Brot und weniger nach Gebäck – was einem das Gefühl gibt, etwas zu essen, von dem man nicht sofort zwei Kilo zunimmt. Ob es den echten ostdeutschen Geschmack hatte? Wer weiß das schon. Doch näher werde ich dem Geschmack der DDR wohl nie kommen.

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Quelle: Daphne Damiaans

 

Neugierig geworden? Hier ist das Rezept:

Pflaumenkuchen, aus: „Das Backbuch“

Zutaten für den Knetteig:

  • 500g Mehl
  • 1 Päckchen Backpulver
  • 175g Margarine
  • 125g Zucker
  • Eine Brise Salz
  • Limonen-Schalen oder Vanillezucker oder drei bittere Mandeln (die drei Möglichkeiten sind wohl das Resultat der DDR-Engpässe)
  • 2 Eier
  • 2-3 Esslöffel Milch

Zubereitung des Teigs:

Mischen Sie das Mehl und das Backpulver und fügen Sie langsam die anderen Zutaten hinzu. Rühren Sie diese langsam um, bis sie einen Teigball haben. Legen Sie diesen auf einer eingefettet Backform aus.

Zutaten für die Füllung:

  • 1,5kg Pflaumen
  • 100g Zucker
  • 200g Mehl
  • 100g Margarine
  • eine Brise Salz
  • ein kleines Stück Butter

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Quelle: Daphne Damiaans

Zubereitung der Füllung:

Schneiden Sie die Pflaumen länglich auf und entfernen Sie die Kerne. Halbieren sie die Hälften nochmals und legen sie die Stücke flach und in Schuppenform auf den Teig. Verteilen Sie etwas Zucker darüber und mischen Sie das Mehl, die Margarine, den Zucker und das Salz, bis Sie kleine Krümel erhalten. Verteilen Sie diese auf den Pflaumen. Backen Sie den Kuchen bei mittlerer Wärme (180-200 Grad) für 40 Minuten im Ofen. Nehmen Sie anschließend den Kuchen aus dem Ofen heraus und geben Sie geschmolzene Butter noch einmal Zucker darüber.