Ein ganz besonderer Besucher auf der Karl-Marx-Allee

In meinem letzten Blog habe ich über meine vielen Freunde geschrieben, die mich seit meinem Umzug nach Berlin schon in meinem neuen Zuhause besucht haben. Vor 55 Jahren, am 4. Oktober 1960, besuchte die Karl-Marx-Allee ein ganz besonderer Gast, mit dem meine Freunde wohl leider nicht mithalten können. Sein Name? Paul Robeson. Offiziell eingeladen von der damaligen DDR Regierung.

Es gibt ein paar Dinge, die ihr unbedingt über diesen Paul Robeson wissen solltet:

  1. Er kam aus den USA.
  2. Er war Afroamerikaner.
  3. Er war ein Sänger.
  4. Er war politisch aktiv.

Jedes dieser Kriterien war für sich allein schon problematisch in der damaligen DDR. Paul Robeson wurde dennoch von den Politikern, wie auch von der Bevölkerung, mit offenen Armen willkommen geheißen. Hier aber zunächst eine kurze Biografie von ihm: Paul Robeson wurde am 9. April 1898 als Sohn eines entflohenen Sklaven geboren. Er war ziemlich intelligent und ein talentierter Sänger, Schauspieler und Athlet. Obwohl es zu jener Zeit keineswegs einfach für Afroamerikaner war, an eine Uni zu kommen, wurde Robeson am Rutgers College und der Columbia University aufgenommen. Während seines Jurastudiums zeichneten sich bereits seine Star-Qualitäten ab: Er spielte Othello auf verschiedenen Bühnen (1930) und trat im Musical Showboat und im gleichnamigen Film auf (1927 und 1932). Der Song „Old Man River“, im Original aus Showboat, wurde einer seiner größten Hits. Die Menschen beschrieben ihn als Perfektionisten aber auch als extrem charismatische, scharmante, würdevolle und freigiebige Person. Robeson war ein Star in den USA.

Die Liebe zum Kommunismus

Zur gleichen Zeit erwachte sein Interesse an Politik und an den Menschenrechten. Alles begann mit der Forderung nach gleichen Rechten für Menschen afrikanischer Herkunft und führte Robeson schließlich zur anti-imperialistischen und sozialistischen Bewegung. 1934 folgte er einer Einladung des russischen Filmproduzenten Sergei Eisenstein in die Sowjet Union, die bei Roberson tiefe Eindrücke hinterließ. Er bemerkte, dass die Hautfarbe in der USSR keine Rolle spielte. Während des zweiten Weltkriegs macht er keinen Hehl daraus, sowohl mit den USA als auch mit der USSR zu sympathisieren und beide Staaten zu unterstützen. Dies brachte ihm erhebliche Probleme beim FBI ein. Nach dem Krieg versuchten die USA Robeson zum Schweigen zu bringen, in dem sie ihn daran hinderten aufzutreten und ihm sogar seinen Pass wegnahmen. Er wurde Ziel einer riesigen Untersuchungsaktion der Regierung und geriet stark unter Druck. Dennoch äußerte er sich nicht zu seiner mutmaßlichen Mitgliedschaft in der Sozialistischen Partei Amerikas (SPA). Er machte deutlich, dass ihm die Liebe zur Afrikanisch-Amerikanischen Gemeinschaft wichtiger war, als seine Liebe für den internationalen Kommunismus.

Ein großer Held in der DDR

An diesem Punkt, wussten die Menschen in der DDR bereits alles über Paul Robeson. Über ihn wurden Artikel sowohl in der Tagespresse, als auch in Frauen- und Familienzeitschriften veröffentlicht. Es gab Fernseh- und Radiosendungen zu seinen Ehren und Kinder sangen seine Lieder. Seine Musik war auch auf Vinyl zu kaufen. In dieser besonderen Symbiose lernte Ost-Deutschland zu dieser Zeit viel von diesem außergewöhnlichen Mann aus den USA. Ganz offensichtlich mochte die DDR-Regierung Paul Robeson. Es gab sogar ein eigens eingerichtetes Regierungs-Komitee, welches alles daran setzte, ihn nach Berlin zu holen. Nach Jahren der Bemühungen hatten sie 1960 dann endlich den erhofften Erfolg. Der DDR-Regierung war bewusst, was für eine einmalige Gelegenheit und Chance das war. Und sie wollten keinen Zweifel daran lassen, wie sehr die DDR Paul Robeson liebte.

Seine Ankunft in Berlin

Seine DDR Tour (oder eher Berlin-Tour) begann am 4. Oktober 1960. Unmittelbar nach seiner Ankunft am Flughafen Schönefeld fuhr Robeson zur Humboldt Universität. Hier wurde ihm der Ehrendoktor in Philosophie verliehen. Die Professoren geleiteten Robeson auf dem Balkon, der zur Straße zeigt und unter dem sich bereits eine große Ansammlung von Menschen eingefunden hatte, die auf ihn wartete. Angefeuert von den Professoren und den Menschen, sang er seine größten Hits. Direkt danach hatte Robeson ein Mittagessen mit dem Deutschen Friedensrat – einem weiteren Regierungsorgan.

Nach einer schnellen Dusche in seinem Hotelzimmer wartete bereits ein Taxi auf ihn, was ihn zur Deutschen Sporthalle in der Stalinallee bringen sollte (heute ist das die Karl-Marx-Allee). Neun Jahre früher war dies das erste fertiggestellte Gebäude in der Allee. Es war ein weiteres perfektes Beispiel für die Stalinistische Architektur und aufgrund seiner schlechten Konstruktion wurde es nur 20 Jahre später bereits niedergerissen. An diesem Tag im Jahr 1960 war die Sporthalle jedenfalls noch brandneu und Robeson war Zeuge vieler weiterer Bauarbeiten, die zu der Zeit an der Stalinallee stattfanden. In der Sporthalle wartete eine weitere Zuschauermenge auf ihn, die sich aus 5.000 FDJ Mitgliedern und Jungen Pionieren, der offiziellen Jugendbewegung der DDR, zusammensetzte. Der Regierungschef der DDR, Walter Ulbricht, kam zu Robeson auf die Bühne und überreichte ihm den großen Stern der Völkerfreundschaft. Robeson sprach, sang und tanzte vor all den Zuschauern.

Medaillen über Medaillen

Am nächsten Morgen wurde Robeson in die Akademie der Künste eingeladen, wo er einen Preis für seine Ehrenmitgliedschaft erhielt. Nach diesen festlichen Anlässen wohnte er einer Veranstaltung im Kraftwerk Berlin-Treptow bei, die für die Arbeiter der Arbeiterpartei bestimmt war. Am Abend hatte Robeson frei, doch schon am nächsten Morgen wurde ihm eine weitere Medaille übergeben – dieses Mal vom Komitee der Widerstandskämpfer – ebenfalls einer Regierungsorganisation. An dem Nachmittag trat er auf dem Marx-Engels-Platz (jetziger Schlossplatz) auf, um den elften Geburtstag der DDR zu feiern. Sein Besuch schloss mit einem offiziellen festlichen Empfang im Palast der Republik, der von der Regierung arrangiert wurde, ab. Drei Jahre später besuchte Robeson die DDR erneut. Er war krank und gab daher keine öffentlichen Auftritte, aber er machte sich dennoch auf den Weg zur Karl-Marx-Allee. Damals wurde er Zeuge vom Bau des Café Moskau, des internationalen Kinos und des Hotel Berolina.

Die Kommunisten sind auf Spotify

Lange nach seinem Tod 1976 war Paul Robeson noch immer ein Held in der DDR. In Berlin wurde nach ihm eine Straße benannt und in Leipzig eine Schule – zwei Jahre früher wurde in Berlin bereits eine Schule zur Paul-Robeson-Schule ernannt. 1983 wurde von der DDR eine Briefmarke mit seinem Portrait zu seinem Gedenken herausgebracht. Er mochte in seinem Heimatland (teilweise bewusst) in Vergessenheit geraten sein, aber die Menschen in der DDR erinnerten sich noch an ihn. Kein Wunder. Er war ein warmherziger Mensch mit einer wundervollen Stimme, der sich seinen Weg nach oben hart erkämpfte und auch sein ganzes Leben lang mit dem Kämpfen nicht aufhörte – nicht für sich selbst, sondern für die Menschen, die ihn brauchten. Ihn als Kommunisten im Sinne der Auslegung des FBI zu bezeichnen, wäre sicherlich falsch. Dennoch ist es durchaus so, dass das Entgegengekommen der USSR sein Leben verändert. Viele Jahre später war Robesons Ansehen in den USA zumindest teilweise wieder hergestellt. Man kann ihn heutzutage sogar auf Spotify finden.

Als die DDR aufhörte zu existieren, schwand auch Robesons Berühmtheit in Ost-Deutschland. Die Menschen in West-Deutschland haben größtenteils nie etwas von seiner Musik oder seinem Kampf für Gleichheit gehört. Dennoch geriet er nicht ganz in Vergessenheit. Wenn Sie jemals an der S-Bahn Station Schönhauser Allee im Prenzlauer Berg sind (zum Beispiel um den Sonntagsflohmarkt im Mauerpark zu besuchen), gehen Sie einfach fünf Minuten Richtung Norden. Dann biegen Sie links ab, in eine Straße, die Ihnen normalerweise vermutlich gar nicht auffallen würde. Ob Sie’s glauben oder nicht: Sie sind in der Paul-Robeson-Straße, einer der letzten noch bestehenden Wertschätzungen, die in Berlin für diesen Mann übriggeblieben sind.