Ein Jahrzehnt Zuhause

Der Strausberger Platz markiert den Anfang – als ein Architekturdenkmal und zu einem ganz persönlichen Lebensabschnitt.

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Quelle: HG Esch

Zehn Jahre ist es her: Im März 2005 habe ich meine Traumwohnung gefunden. Der Auslöser war eine Tour, die sich jeder Berlin-Besucher vom mir gefallen lassen muss: „Und jetzt geht es in die Karl-Marx-Allee“. Der Prachtboulevard der DDR Nomenklatur, die sich hier ein Denkmal setzen wollte, löste und löst bei Einheimischen wie Gästen ambivalente Reaktionen aus. Immer ist jedoch Faszination dabei. Der stalinistische Zuckerbäckerstil mit klassizistischen Anlehnungen (Schinkel lässt grüßen). Mit den groß angelegten Balkonen, auf denen die Diktatoren während des Kalten Krieges Paraden abnahmen. Die Kulisse der martialischen Muskelspiele hat verspielte schmiedeeiserne Gitter vor den bodentiefen Fenstern – bis heute ein Alleinstellungsmerkmal im aktuellen Architektureinheitsbrei. Eins haben sie geschafft, die Honeckers und Ulbrichts, die Potentaten der Deutschen Demokratischen Republik: Seit den 90ern stehen die 2,3 Kilometer unter Denkmalschutz und markiert das längste zusammenhängende Baudenkmal Deutschlands.

Der Eingang zur Allee, die mal nach Stalin benannt war, wird markiert von zwei Türmen. Ich lebe im Haus Berlin, dem rechten, und schaue während des Schreibens auf den Fernsehturm am Alex. Aktuell ist er ist gut gelaunt und erstrahlt in der Sonne. Unten rauscht der Verkehr Richtung Mitte. 50.000 Fahrzeuge. Jeden Tag. „Ich könnte hier nicht leben“, sagt die Maklerin, die nach einem zwei Jahre dauernden Besichtigungs-Parforceritt vom Frankfurter Tor bis eben an den Strausberger Platz endlich das Passende gefunden hat. Nach totrenovierten „Lamminatbutzen“ mit Plastiktüren hat die Wohnungssuche mit einer Unterschrift ein glückliches Ende genommen. Auf 120 Quadratmetern mit Fischgräten-Echtholzparkett, Milchglaskassetten-Flügeltüren und einem Entreé, das alleine 20 Quadratmeter beansprucht.

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Quelle: HG Esch

Frau Winnington, die Vormieterin, lächelte milde über den Einwurf der Maklerin. Mittlerweile über achtzig, zieht es sie nach Wandlitz, ihrem Altersitz vor den Toren Berlins. Wandlitz? Das war doch das Ghetto der DDR Führungsriege? Frau Winnigton lächelt auch diesen Einwurf einfach weg.

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Quelle: Koosinger / photocase.de

Der Strausberger Platz, 1951 in Angriff genommen, war ein Sozialexperiment mit historischer Relevanz. Aus dem Schutt des Zweiten Weltkriegs (weshalb durch die sehr dicken Wände kein nachbarschaftliches Störgeräusch dringt) haben viele Freiwillige den Platz auferstehen lassen. Die Freiwilligen haben sich mit jeder Sonderschicht eine bessere Platzierung bei der Verlosung der Wohnungen „ermauert“. Arbeiter, die einfach keine andere Wahl hatten, sind von hier aus am 17. Juni auf die Barrikaden gegangen. Nach der 24. gesteigerten Plansollerfüllungsquote entwickelte sich ein Aufstand, der beinah die DDR zu Fall brachte und der bis heute zu Recht Feiertag in der gesamten Republik ist. Frau Winnigton versus Arbeiteraufstand. Führungsriege gegen Arbeiter und Bauern. Der Strausberger Platz, die Karl Marx Allee, war das Epizentrum.

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Quelle: jock+scott / photocase.de

Bert Brecht hat hier Steine geklopft, Heiner Müller, der großartige Dramatiker, auch. Alle wollten einen Ort für alle schaffen. Zum Teil gelang es. Auf meinem Stockwerk wohnt zum Beispiel der Sohn der Vormieter, die wiederum von ihren Eltern die Traumwohnung übernommen hatten. Denn es gab hier nicht nur Winnigtons, selbst wenn sich das Gerücht, dass hier die Elite eine neue Heimat gefunden hat, hartnäckig hält.

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Quelle: drsg98 – Fotolia.com

Der Westen hat Einzug gehalten, der Osten wird nie vergessen. Selbst wenn es im Haus Berlin nur noch sechs Erst-Mieter gibt, der Platz ist Vergangenheit mit viel Zukunft. Und ich feiere mein zehnjähriges. Ohne eine Minute bereut zu haben. Obwohl….frisch eingezogen eben jener Blick Richtung Alexander Platz. An der Laterne vor dem Fenster prangt das Schild „Mitte“. Wenn ich es lesen kann, bin ich nicht drin. Also in Mitte. Das hat mich vor zehn Jahren gefuchst. Mittlerweile ist mir Friedrichshain als Adresse deutlich lieber. Kein Flax.