Erfindungen der DDR: ein Land voller Ideen

Optimieren, tüfteln, erfinden – die Deutsche Demokratische Republik kann ohne Übertreibung als ein Land der Erfinder bezeichnet werden. Durch Einfallsreichtum und Erfindergeist versuchten Bürger der DDR, nicht nur fehlende Konsumgüter selbst herzustellen, sondern den industriellen und technischen Rückstand zum westlichen Ausland wettzumachen. Unabhängigkeit vom Westen, wirtschaftlicher Aufschwung und ein höherer Komfort im Alltag: Das waren die wichtigsten Gründe für den beachtlichen Innovationswillen in der DDR. Dieser lässt sich auch in Zahlen ausdrücken. Im Jahr des Mauerfalls waren rund 130.000 Patente beim Amt für Erfindungs- und Patentwesen der DDR gemeldet. In der sehr viel größeren Bundesrepublik belief sich die Zahl auf lediglich 70.000.


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Erfolgreiche Erfinder jener Jahre finden wir sowohl in den Reihen professioneller Wissenschaftler und akademischer Forscher als auch unter Laien. Im Alltag waren die Bürger der DDR darauf angewiesen, aus der Not eine Tugend zu machen und durch Improvisation fehlende Gegenstände oder Lebensmittel zu ersetzen. Ob im Privatleben oder in der Industrie: Der praktische Nutzen stand bei allen Erfindungen an erster Stelle.


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Die Neuererbewegung: Der Befehl zum Tüfteln kam von ganz oben

Erfindungen waren in der DDR ein Politikum. Schon vor Gründung der DDR hatten die Funktionäre der sowjetischen Besatzungszone ein Interesse daran, die Produktivität im besetzten Gebiet zu erhöhen. Für diesen Zweck gab es zunächst eine offizielle Anordnung, das Erfinderwesen und Vorschlagswesen in den Betrieben zu fördern. Diese Förderung mündete schließlich 1951 in der sogenannten Neuererbewegung, mit der die sozialistische Partei den schöpferischen, kreativen Geist der DDR-Bevölkerung für sich nutzbar machen wollte. Als Neuerer galten Erfinder und Entdecker, die Vorschläge zur Verbesserung von Maschinen, Produktionsabläufen oder Materialien einreichten. Man wollte jeden Arbeiter, Bauern und Angestellten an der Optimierung ihres Betriebes teilhaben lassen. Als Belohnung winkten verführerische Prämien von bis zu 90.000 Mark. Sie waren sicherlich ein Grund für die hohe Beteiligung der Arbeiter am Neuererwesen. Auf zahlreichen Messen stellten die Erfinder ihre Prototypen zur Schau. Über die neuesten Erfindungen konnte sich ein jeder in der von 1952 bis 1990 erschienenen Monatszeitschrift Der Neuerer informieren.


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Auf einigen Forschungsgebieten hatte die DDR achtenswerte Erfolge zu vermelden. Zu Anerkennung über die Landesgrenzen hinweg gelangten rund 600 Erfindungen und Patente, unter anderem in der Funk- und Fernsehtechnik, Mikroskopie sowie Textil- und Medizintechnik. Einer der bekanntesten Wissenschaftler war wohl der Physiker Gustav Hertz der 1925 den Nobelpreis erhielt und als einziger Nobelpreisträger in der DDR tätig war.

Berühmte Erfinder der DDR: Mauersberger und Kretschmer

Einige Namen wichtiger Wissenschaftler sind mit der DDR bis heute eng verbunden. Die von ihnen entwickelten Produkte kannte damals wahrscheinlich jeder und waren ein fester Bestandteil des Alltagslebens der DDR-Bürger. Als Daniel Düsentrieb der Lebensmittelindustrie gilt bis heute der Lebensmitteltechnologe Peter Kretschmer. Er war für die Entwicklung innovativer Lebensmittel und ihrer industriellen Herstellung verantwortlich. Durch seine Erfindungen wie der Tempo-Erbse, Tempo-Bohne und KuKo (Kurzkochreis im Kochbeutel) sollten Zeit und Energie beim Kochen in den Privathaushalten erheblich eingespart werden. Gleichzeitig sparte auch der SED-Staat durch ihn eine Menge Geld, da ihm der teure Kauf von Patenten oder Waren aus dem Westen erspart blieb. Auch DDR-Kaugummi, -Cornflakes und -Erdnussflips stammen von Peter Kretschmer.

Küche DDR
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In einer ganz anderen wissenschaftlichen Disziplin war Heinrich Mauersberger tätig. Er war ein bedeutender Ingenieur und Erfinder im Bereich der Textilindustrie. In seiner Garage entwickelte er ganz im Sinne der Neuererbewegung das innovative Nähwirkverfahren Malimo, wodurch das althergebrachte Weben und Stricken in den Betrieben um das 20-fache beschleunig werden konnte. Das Malimoverfahren führte zu einer regelrechten Revolutionierung der Textilherstellung und die hergestellten Stoffe setzten sich DDR-weit durch: An fast jedem Fenster hing eine Malimo-Gardine. Darüber hinaus wurden die Malimo-Maschinen zum Exportschlager der DDR, europaweit und sogar bis in die USA verkauft. Heinrich Mauersberger jedoch, der einen Eintritt in die SED stets ablehnte, wurde an den Lizenzeinnahmen nicht beteiligt.


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Improvisieren statt klagen: DDR-Bürger machten es sich schön

Südfrüchte, frisches Brot, Kassettenrekorder, Werkzeug – viele Produkte gab es in der DDR gar nicht oder nur sehr selten zu kaufen. Doch statt sich zu beklagen, hatten viele DDR-Bürger die Mentalität des Improvisierens verinnerlicht, und so entstanden viele Produkte aus der Marke Eigenbau. Wer sich mit Technik auskannte, tüftelte an Empfangsgeräten und Antennen oder entwickelte praktisches Campingzubehör. Kinderwagen wurden zum Rasenmäher umgebaut, Waschmaschinen zum Betonmischer. Findige Hausfrauen übten sich zudem in neuen Rezepten, mit denen sie auf rare Zutaten verzichten konnten. Ein Beispiel hierfür ist die Nachspeise Kalter Hund, in der nicht teure Schokolade, sondern preiswertes Kokosfett und Kakaopulver verarbeitet wurde, oder das Fleischgericht Wurstgulasch.


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Stets im Fokus der DDR-Erfinder: Süßigkeiten

Auch in der professionellen Lebensmittelindustrie beschäftigten sich Wissenschaftler damit, Lebensmittel, die in der DDR Mangelware waren, preiswert nachzuahmen. Welche Zutaten damals genau für die Zubereitung von Schokolade, Kuchen und Brot verwendet wurden, oblag lange Zeit höchster Geheimhaltung, wurde jedoch nach und nach der Öffentlichkeit bekannt. So wurden Pralinen statt mit Marzipan mit süßlich schmeckenden Erbsen gefüllt. Aus Rüben extrahierte man einen Zusatzstoff, der nach Schokolade schmeckte, und aus grünen Tomaten Zitronat, das für die Herstellung des Dresdner Christstollen verwendet wurde. Die wachsende Nachfrage nach dem typisch ostdeutschen Weihnachtsgeschenk brachte die DDR-Wirtschaft nämlich Jahr für Jahr in die Bredouille. Ein kurzzeitig in Betracht gezogenes Stollenschenkverbot wurde jedoch nie realisiert.


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