Es ist der Mensch, der zählt: Wer lebt ihr eigentlich am Strausberger Platz?

Besondere Architektur lockt besondere Menschen an. Das ist am Strausberger Platz in Berlin nicht anders als im French Quarter von Shanghai oder in New Yorks Meatpacking District. Autoren, Filmemacher, Architekten – aber auch ganz normale „Wohnsinnige“ bevölkern die Hot-Spots.

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Quelle: kallejipp / photocase.de

Vor über zehn Jahren zog es mich an den Strausberger Platz. Alternativen in Berlin? Keine. Die Reaktionen aus dem Umfeld: Der Verkehr! Da ist doch nichts im Umfeld! Und heute? Kaum nenne ich meine Adresse, verdrehen meine Gegenüber ihre Augen – vor Begeisterung. Und jeder, wirklich jeder will sich dringend die Wohnung anschauen. Von der Pfui- zur Hui-Adresse in nur einer Dekade. Vor dem Mauerfall war das kaum anders. Aus dem Schutt des Zweiten Weltkriegs wurde die Straße gebaut, in Sonderschichten hat die werktätige Bevölkerung sich über ein Bonussystem ein Los für eine der Wohnungen ermauert. Gerüchte, dass nur die „Bonzen“ sich am Strausberger Platz niederlassen durften, sind definitiv falsch.

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Quelle: jock+scott / photocase.de

Frau Weißbrot, die vor einigen Jahren leider verstarb, war eine der Erstbewohnerinnen und räumte im Gespräch freimütig ein: „Mein Mann und ich dachten, die rund zweihundert Mark Miete für einhundertzehn Quadratmeter, die können wir uns doch gar nicht leisten.“ Über fünfzig Jahre lang hat sie dann dort gelebt, die Verkäuferin, ist mehrfach innerhalb des Gebäudes umgezogen. Es gab und gibt sie: Friseure, Beamten, die sogenannten kleinen Leute. Es gab und gibt aber auch die anderen mit ihrem Leben: Prof. Walter Heynowksy zum Beispiel. Er, einer der hochdekorierten Filmemacher der DDR, der mit aufsehenerregenden Dokumentation (u.a. „Der lachende Mann – Bekenntnisse eines Mörders“  über einen Söldner im Kongo der 60er Jahre) auch im Westen für Furore gesorgt hat. Oder Lutz Rathenow. Hinter dem Eisernen Vorhang durfte der Dichter grade mal Kinderbücher schreiben, alles andere war tabu. Heute laufen Dokumentationen über sein Leben – er war treibender Teil der Bewegung, die zum Sturz des Systems führte – als Bürgerrechtler und (illegaler) Schriftsteller. Sein Hauptberuf seit dem Mauerfall: Er ist Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Der Behörde, die sich mit der Aufarbeitung der Diktatur beschäftigt.

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Quelle: doesnotcare / photocase.de

Die Verkäuferin und die Intellektuellen teilen sich den Korridor – ein gesunder, normaler Mix, an dem sich wenig geändert hat. Heute ist es der Kolumnist des Spiegel Magazins, der den Flur mit der Stylistin teilt, oder der Architekt, der neben dem Psychologiestudenten wohnt, der die Wohnung seiner Eltern übernommen hat. Oder gar Andreas Bartsch, der mit mehr als achtzig Schauspiel- und Opern-Inszenierungen an über 20 Staats- und Stadttheatern einer der aktivsten der Szene ist. Ganz „nebenbei“ schreibt er Bücher und ist als Dozent tätig. Bartsch ist Best-Buddy mit dem Dandy, der mal den roten Salon der Bar in der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz betrieben hat. Die beiden haben regelmäßig gemeinsam Lesungen im Haus veranstaltet und eine illustre Runde um sich versammelt. Andreas Bartsch führt seinen Salon heute im Solo. Und beweist: Es gibt eine Salon-Tradition am Strausberger Platz, die sich immer wieder neu formiert.

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Quelle: HG Esch

So wie der Salon von Ingrid Roosen-Trinks. Sie ist in der Kunstwelt eine feste Größe, als Vorstandsmitglied der Mont-Blanc Kulturstiftung und aktuell als Direktorin und Kuratorin der Hambuger Art Week. In Berlin ist Ingrid eine der nobelsten Gastgeberin und ihre Wohnung hat zu Einladungen die Qualität einer Ausstellung für zeitgenössische Kunst – selbstredend der Spitzenklasse. Sie ist nicht die einzige, die für die Revitalisierung der Bohème am Platz steht. Dabei ist über die Zeit eine Salon-Kultur entstanden, die eines gemeinsam hat: Diskretion. In keinem der bunten Blätter wird sich je ein Artikel finden, der darüber berichtet. Ist das nicht herrlich? Der Strausberger Platz ist einer der augenfälligsten Plätze Berlins und was hinter der Fassade passiert, ist Eingeweihten vorbehalten. Die Einladungen sind begehrt und nicht einer der Gäste verlässt den Ort des Geschehens ohne wirklich tief beeindruckt zu sein. Am Strausberger Platz ist Glamour ausnahmsweise mal nicht oberflächlich.

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