Fashion Week ante Portas

In der Modemetropole Berlin ist der Strausberger Platz ein Hot Spot für Shootings. Für die Bewohner gehört es fast zu einem normalen Anblick: top gestylte Models tänzeln grazil über den Rand des Brunnens, der mitten auf dem Platz zu finden ist. Von der Vogue über Harpers Bazaar bis hin zu Dazed & Confused – die Modemagazine geben sich den Wasserspeier in die Hand und Fotografen schwärmen über die Sichtachsen.

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Quelle: Emka74 – Shutterstock.com

Oliver Mark, einer der besten Fotografen Berlins (wenn nicht der ganzen Republik), hat die Karl-Marx-Allee von Anfang bis Ende fotografiert. Am Strausberger Platz besuchte er für die deutsche Ausgabe des Architectural Digest einige Wohnungen , darunter auch eine, die am Endpunkt der Allee zu finden ist – am Frankfurter Tor. Hier traf Mark auf die unfassbare Wohnung von Christoph Tophinke, der auf drei Stockwerken unter Glas wohnt. Marks Fotos spiegeln das Ambiente der Karl-Marx-Allee wunderbar wieder: elegante Inszenierungen eines Lebensraums mit Inhalt. Und Platz für Oberfläche. Desto schöner, desto lieber.

Da kommt die Fashion Week in Berlin grade recht – zumal einer, der für Oliver Mark die Tür öffnete, in der wunderbaren Welt der Mode fest verankert ist: Tophinke. Christoph Tophinke bringt mit den Chelseas Farmer Club britisches Understament an den Mann. Und dass ausgerechnet der Flaneur Friedrich Lichtenstein seine Marke bevorzugt, spricht für sich. Tophinke hat eine Lücke wohl besetzt und steht für das Modegefühl der Hauptstadt: Es darf gerne besonders sein. Nach dem Hype um den „Berlin Street Style“ Anfang der Zweitausender Jahre hat sich die Szene verbreitet, professionalisiert und zeigt sich jetzt zur Fashion Week von seiner schönsten Seite.

Ein Label, das in den letzten drei Jahren für Furore sorgte, ist Augustin Teboul. Annelie Augustin and Odély Teboul zeigten zur letzten Saison ihre Entwürfe nicht etwa wie gewöhnlich auf dem Laufsteg, sondern in einer Galerie. Vor Fotos von Ellen von Unwerth. Ihre Mode – zwischen Haute-Couture und Prêt-à-porter, ist besonders. Besonders gut verarbeitet, besonders gut geschnitten – für besondere Anlässe.

Es scheint einen Konsens in der Fashion Szene Berlins zu geben: Mainstream ist was für Big-Brands – an der Spreemetropole wird Mode jedoch für Individualisten gemacht, die von Fast-Fashion die Nase gestrichen voll habe. lala Berlin ist eines der Labels, die mit Charme und Witz ihre Kundinnen ausstatten. Dahinter steckt Leyla Piedayesh – eine fröhliche Selfmade-Frau, die in den 70ern in Theran geboren wurde. Um 2002 hat sie mit selbstgestrickten Pulswärmern Freunde erfreut, zwei Jahre später zeigte sie unter großem Beifall eine Strickkollektion und heute, heute ist Leyla (Spitzname Lala) in über 250 Boutiquen weltweit mit ihrer Kollektion vertreten, die vom Schal bis zum kompletten Outfit reicht.

Stricken. Noch so ein Thema in der Stadt. Die „Oberstrickliesel“ ist nach wie vor Claudia Skoda. Sie, fest verwurzelt in der Kunstszene, bestrickt die Stadt seit den 70er-Jahren mit ihren avantgardistischen Entwürfen. Iggy Pop und David Bowie kamen vorbei, wenn Skoda ihre Modenschauen inszenierte. Bis heute ist Claudia Skoda ganz vorne, wenn es um Wirkwaren geht.
Ganz vorne bei feinen Stöffchen sind die Damen von Kaviar Gauche. Und falls eine Hochzeit ansteht: Die Roben von Kaviar Gauche sind beinahe unschlagbar! Das Label steht für den großen Auftritt. Dafür stehen seit 2004 Alexandra Fischer-Roehler und Johanna Kühl. Ihre It-Bags und ihre femininen Prêt-à-porter Kollektionen sind Best-of-Berlin.
Best-of-Berlin sind auch Mongrels in Common. Wieder zwei Damen, die eine aus der Schweiz, die andere aus Peru – zusammen stehen sie für den Berlin-Style der Internationalität. Seit 2006 arbeiten Livia Ximénez-Carrillo und Christine Pluess an klassischer Mode. Sie mochten mal Jil Sander? Dann sollten sie einen Blick auf die Mongrels werfen!

Und was ist jetzt der Stil von Berlin? Angelika Taschen – von der Neuen Züricher Zeitung zur „Lifestylepäpstin“ gekürt – sagt: „Die Berlinerin macht einfach das, was ihr Spaß macht. Sie kreiert ihren eigenen Stil, Individualität zählt mehr als Modediktat. So trägt man hier einen Jutebeutel zum Abendkleid, was ich nie für möglich gehalten habe.“ Ihr Buch „Der Berliner Stil“ zeigt, warum die Stadt Mode so sehr liebt. Aber anders als die anderen. Das gilt auch für den Strausberger Platz. Einfach anders.
Dann hat es plötzlich wieder „Klick“ gemacht. Ein Team von New Yorker fotografiert grade am Brunnen. Ganz normal für einen der schönsten Plätze der Stadt.