Frohe Weihnachten (auch aus der DDR)

Die Deutschen lieben Weihnachten. Oder zumindest die Adventszeit, denn das richtige Weihnachtsfest habe ich hier ja noch nicht erlebt. Die meisten Niederländer wissen noch nicht einmal, was diese vorweihnachtliche Zeit bedeutet, aber hier in Berlin bedeutet Vorweihnachtszeit Kerzen, Adventskalender, verkaufsoffene Sonntage und jede Menge mehr. Noch nicht einmal die DDR war in der Lage, den Deutschen ihr Weihnachtsfest zu nehmen – und das will schon etwas heißen. Hier sind meine drei Schritte, die Sie zum Adventsexperten machen.

Schritt 1: Den Adventskalender kaufen (oder auch nicht)

Es gibt eine Sache, die auch wir in Holland zum Advent haben: den Adventskalender. Aber um ehrlich zu sein: die Schokolade in de Kalendern schmeckt so scheußlich, dass ich irgendwann aufgehört habe, die Türchen zu öffnen, weil ich die Schokolade nicht mehr essen wollte.
Ab September gibt es in Berlin bereits überall Adventkalender zu kaufen – das aber mit edler Schokolade, Bier, Kosmetik oder sogar Katzenzubehör.

Die Weihnachtsvorfreude konnte somit beginnen. Aber ich hatte mich dafür entschieden, mir noch keinen Kalender zu kaufen und damit zu warten, bis die Adventszeit angefangen hat, in der Hoffnung, sie dann zum halben Preis zu bekommen. Ja, ich bin Niederländerin und nein, der Plan hat nicht funktioniert. Wenn ich nur gewusst hätte, dass die Deutschen die Adventszeit sehr viel ernster nehmen als wir Holländer. Man kauft seinen Kalender nicht einen Tag später, sondern vor dem ersten Dezember. Als ich dann also am ersten Dezember einen Kalender kaufen wollte, gab es keine mehr. Ernsthaft, von einem Tag auf den anderen waren alle Adventskalender ausverkauft.

Der Adventskalender in der DDR

In der DDR gab es mit dem Adventskalender eher sprachliche Verständnisprobleme. Advent kommt von dem lateinischen „adventus“ was so viel bedeutet wie „Ankunft“ – um genau zu sein, die Geburt Jesu Christi. Da der Atheismus in der DDR die anerkannte „Religionsform“ war, versuchte die Regierung, trotz Religionsfreiheit die christlichen Bräuche zu unterdrücken. Weihnachten konnte gefeiert werden, so lange es nicht nach religiösen Aspekten geschah. Also kein Advent. Aus diesem Grund hießen die Adventskalender auch „Vorweihnachtlicher Kalender“. Christliche Bilder waren darauf nicht erlaubt, stattdessen waren sozialistische Bilder oder Weihnachtsmärkte mit Kindern, die im Schnee spielen, abgedruckt.
Es gab nur eine Ausnahme: Ein kleiner Verlag bekam im Jahr 1973 die Erlaubnis, Bilder vom Christkind und den Heiligen Drei Königen auf ihren Kalender zu drucken.

Schritt 2: Die deutsche Weihnachtsbäckerei

Wie ich herausfand, steht die Adventszeit auch dafür, Weihnachtsplätzchen zu backen. Die Zutaten für die Plätzchen fanden etwa zur selben Zeit wie die Adventskalender Einzug in die Supermarktregale. Auch viele Magazine fingen schon im September an, Rezepte für Weihnachtsplätzchen zu veröffentlichen. Bezogen auf meine sehr zuverlässigen Quellen, Wikipedia und meine deutschen Kollegen, ist Plätzchen backen etwas, was jede Familie in der Adventszeit macht. Das ließ mich etwas nostalgisch werden. Ich stellte mir vor, wie der Duft frischgebackener Plätzchen im Dezember das Haus erfüllt. Mit dem Haken, dass wir in Holland keine Plätzchen zu Weihnachten backen.

Aber Plätzchen alleine sind für einen richtigen Weihnachtsbäcker nicht genug. Wenn Sie ein paar gute Backkenntnisse haben, dann backen Sie einen Stollen. Der berühmteste und der Legende nach auch der alteste, kommt aus Dresden. Das erste Mal erwähnt wurde der Dresdner Stollen 1474 und er ist auch immer noch der beliebteste in Deutschland. Es gibt sogar ein jährliches Stollenfest in der ostdeutschen Stadt.
Der bekannte Fruchtkuchen ist gefüllt mit Rosinen und Marzipan und ist auch eine Tradition des holländischen Weihnachtsfestes (Wir haben also auch eine Weihnachtstradition!). Mit der Ausnahme, dass in den Niederlanden der Stollen das ganze Jahr im Supermarkt verkauft wird (Buuh) und niemand je auf die Idee kommen würde, einen Stollen selbst zu backen (doppeltes Buuh).

Die Weihnachtsbäckerei in der DDR

Jede deutsche Familie, die sich auf Weihnachten freut, backt einen Stollen – so auch in der DDR. Aus diesem Grund wurde bereits zum Herbstanfang begonnen, die nötigen Zutaten zusammenzukaufen. Mehl, Butter und Zucker gab es in DDR, aber zu einem guten Stollen gehören auch Rosinen, Mandeln, Zitronat und Orangeat –Dinge, die in der DDR nur schwer zu bekommen waren. Aber die Ostdeutschen waren sehr erfinderisch. So wurden statt des Orangeats kandierte Karotten und anstatt des Zitronats kandierte, grüne Tomaten verwendet. Über Jahre hinweg versuchten Familienmitglieder aus dem Westen, die nötigen Zutaten für den perfekten Stollen in die DDR zu schicken.

Schritt 3: O Tannenbaum

Und was bildet das Zentrum des Hauses zu Weihnachten? Der Weihnachtsbaum. Jeder Deutsche würde sagen, dass der Weihnachtsbaum eine ursprüngliche deutsche Tradition ist. Und warum sollte man das auch anzweifeln? Es gibt aber eine wichtige, wenn auch etwas veraltete Regel in Deutschland: Der Baum gehört zum Weihnachtsfest und nicht in den Advent. Deshalb ist es nicht üblich, einen Weihnachtsbaum vor Weihnachten im Haus zu haben. Es ist Tradition, dass die ganze Familie zusammenkommt, um an Heiligabend den Baum zu schmücken. Bis zu diesem Tag überbrückt der Adventskranz die Zeit, bis zum lang erwarteten (O) Tannenbaum.

Mark und ich konnten nicht so lange warten. Und viele andere Deutsche (oder waren das alles Zugezogene) auch nicht. Deswegen haben wir, und auch so mancher Berliner, schon am ersten Dezemberwochenende unseren gerade gekauften Weihnachtsbaum nach Hause getragen. Das zeigt, dass die alte Regel nicht mehr Teil eines jeden deutschen Weihnachtsfestes ist. In den letzten Wochen haben außerdem an jeder Straßenecke kleine Stände aufgemacht, an denen man die schönen Nordmanntannen kaufen kann. Und wenn Sie wollen, können Sie Ihren Baum auch selbst schlagen. In einigen Wäldern um Berlin kann man das gegen einen fairen Preis tun.

Der Weihnachtsbaum in der DDR

Aber was, wenn es im ganzen Land keine ordentlichen Weihnachtsbäume zu kaufen gibt? Das ist nicht nur ein Problem für Menschen, die in der südlichen Hemisphäre leben. Zum Teil war es auch eins der Bewohner der DDR. Man gehörte zu den Glücklichen, wenn man wirklich einen „Baum“ bekam. Meistens waren es nämlich nur große Äste. Andererseits waren diese dann auch sehr günstig, weswegen die Menschen zwei „Bäume“ kauften und diese dann mit Kleber zu einem großen Baum zusammenklebten. Wer richtigen Christbaumschmuck hatte, nutzte natürlich diesen, alle anderen schmückten ihren Baum nur mit Lametta – obwohl auch das recht selten war. Deshalb wurde das Lametta nach Weihnachten wieder sauber abgenommen und gebügelt, sodass man es am nächsten Weihnachtsfest wiederverwenden konnte. Heutzutage sind wir glücklich, wenn unsere Katze noch ein bisschen Weihnachtsschmuck am Baum gelassen hat und kaufen dann für 10,00 € einfach einen neuen.

Und die Moral von der Geschicht’?

Wie also waren meine vorweihnachtlichen Adventswochen?
Am Ende haben wir tatsächlich noch einen vergessenen Adventkalender in einem Kaufhaus gefunden. Ich habe mit meinen Kollegen Plätzchen gebacken und habe ebenfalls jedem einen schönen ersten, zweiten, dritten und vierten Advent gewünscht, bevor ich überhaupt wusste, was damit gemeint war. Ich habe sämtliche Weihnachtmärkte besucht. Begonnen mit dem Markt nahe dem Alexanderplatz, auf dem Achterbahnen und ein Free-Fall-Tower zu finden sind, weiter zu dem traditionell gehaltenen in der Spandauer Altstadt, bis hin zu dem minimalistischen Markt am „Klunkerkranich“ und dem sehr festlichen am Gendarmenmarkt. Aber als Mark und ich die lange Warteschlange vor dem „Veganen Weihnachtmarkt“ sahen, haben wir uns doch für das Bier in irgendeiner Bar entschieden… Ich denke wir müssen noch ziemlich viele Weihnachten in Berlin erleben, bevor wie DIESES Adventsgefühl auch spüren.

Frohe Weihnachten!