Gelebte Geschichte

Der Berliner Senat unter der Schirmherrschaft des regierenden Bürgermeisters Michael Müller hat 2012 den Antrag zur Aufnahme der Karl Marx Allee – also auch des Strausberger Platz – als UNESCO-Weltkulturerbe gestellt. Mit Recht!

image

Quelle: Goulden / photocase.de

Die Mühlen mahlen langsam. Aber es geht um den ganz großen Wurf: Die Anerkennung der Karl-Marx-Allee als Weltkulturerbe. Nur etwas über eintausend Kultur- und Naturdenkmäler fand die UNESCO bis dato würdig, in die Liste aufzunehmen. Die Organisation geht übrigens auf den deutschen Forstwissenschaftler Bernd von Droste zu Hülshoff zurück, das aber nur am Rande.

image

Quelle: s.schabbach / photocase.de

Der Weg zum Titel führt über ein Komitee, 21 Mitglieder repräsentieren alle Kontinente und Kulturkreise. Ein kritischer Kreis, denn auch, wer es geschafft hat, wird immer wieder unter die Lupe genommen. – So wurde das Wildschutzgebiet der Arabischen Oryxantilope in Oman ausgelistet, da sich das Gebiet bis 2007 um 90 Prozent verkleinert hatte. Es ist also eine Verpflichtung zum Bewahren, der im Titel „Welterbe“ impliziert ist. Das gilt selbstredend auch für Architekturdenkmäler. Im Falle der Karl-Marx-Allee mit dem Strausberger Platz dürfte dank deutscher Gründlichkeit mit dem Titel endgültig der Bestand des Ensembles gesichert sein. Architekturdenkmal ist die Allee ja schon. Informationstafeln an der Allee verkünden, man befinde sich an „Europas längstem Baudenkmal“. Vom Strausberger Platz bis zur Proskauer Straße sind es 2,5 Kilometer in gerader Linie. Ein Novum, das bei der Bewerbung hilft.

Es hilft auch, dass es zwei architektonisch sehr besondere Situationen in Berlin gibt, die aus dem ideologischen Pingpong zwischen Ost und West entstanden sind. Die Bewerbung für den „Doppelpack“ trägt dem Rechnung. Im Westen ist das Hansaviertel, welches 1957 auch als städtebauliche Reaktion auf die Karl-Marx-Alle verstanden wurde, im Rahmen der Internationalen Bauausstellung entstanden. Das Hansaviertel zeigt mit Entwürfen von Architekten wie Alvar Aalto, Egon Eiermann, Walter Gropius, Arne Jacobsen und Oscar Niemeyer die Diversität der Moderne. Im Osten herrscht dekorativer, regionaler Historismus – errichtet unter der Führung von Herrmann Henselmann.

image

Quelle: Delpixel / fotolia.de

An keinem anderen Ort der Welt hat die politische Konfrontation zwischen Ost und West so deutliche Spuren in Architektur und Städtebau hinterlassen, wie in diesen beiden Arealen Berlins. Durch den Mauerfall wurde aus dem Gegeneinander eine Ergänzung. Politische Systeme, sichtbar gemacht durch Architektur, denn Macht hat sich von jeher Denkmäler gesetzt. Was neben der Nähe (es braucht gerade mal 30 Minuten Fahrtzeit vom Strausberger Platz bis zum Hansaviertel) besonders ist: Es sind Wohnsituationen, Lebensräume für Menschen, die aus den sehr unterschiedlichen Ansätzen ein Weltkulturerbe machen (sollten). Es gehört eine Portion Verständnis und Sensibilität dazu, das Besondere in den beiden architektonischen Polen zu erkennen.

image

Quelle: HG Esch

Dass es ein immer breiter werdendes Verständnis für die architektonischen Besonderheiten gibt, ist besonders in der Karl-Marx-Allee und am Strausberger Platz zu spüren. Hier verjüngen sich die Bewohner drastisch, es gibt Wartelisten für Wohnungen und die Adresse gilt mittlerweile als eine der „hippsten“ in Berlin. Den Titel UNESCO-Weltkulturerbe haben beide Plätze verdient – grade als gemischtes Doppel.

Liken Sie uns auf Facebook

Abonnieren Sie unseren Newsletter