Hinter den Kulissen

Kunst und Kunsthandwerk bildeten in der DDR einen Teil des Versuchs, ein kollektives Bewusstsein zu entwickeln. Auch wenn´s am Ende schön wird – Vater Staat schrieb vor, wie schön es werden durfte. Nach und nach verschwindet die Alltagskunst der 70er des Ostens. Rund um den Strausberger Platz gibt es aber noch Kunst im öffentlichen Raum zu entdecken. Noch…

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Quelle: Andreas Tölke

Zu den Weltjugendfestspielen, die insgesamt 18 Mal stattfanden, davon zwei Mal in Ost Berlin, gab es natürlich Fan-Artikel. Ganz oben auf der Hitliste: ein Tuch, ein Schal. Stil: DDR goes Merchandising. Mit einer Zeichensprache, die heute klar als „ostig“ identifiziert werden würde – es ist dieses merkwürdige Orange, dieses Blau, das es wegen der heftigen Metallzusätze in der Farbe nur im Osten gab. Die Tücher, geschwenkt am Alexanderplatz, waren „Design to go“ und sind heute rare Sammlerstücke.

Design, das bleibt, ist das Fries am Haus des Lehrers –mit rund 125 Metern Länge und sieben Metern Breite das Größte seiner Art in Berlin. Mauer weg, Wende da, Fries egal. Erst 2004 wurde die Bauchbinde restauriert und zum Glück sind viele der abgefallenen Mosaiksteine von Nutzern des Hauses eingesammelt worden. Das Meiste, das heute am Hochhaus erstrahlt, ist also original. Wie auch das Mosaik am Café Moskau. Kein Tourist an der Karl Marx Allee, der nicht davor posiert.

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Quelle: Andreas Tölke

Vor dem Ahornblatt an der Fischerinsel geht das nicht mehr. 1973 zunächst als Gaststätte für die Weltjugendfestspiele genutzt, wurde die Schalenkonstruktion vom Architekten Ulrich Müther und vom VEB (Volkseigenen Betrieb) Spezialbetonbau zur Jahrtausendwende abgerissen. Trotz Denkmalschutz. An gleicher Stelle steht heute ein stinklangweiliger Funktionsbau, der eines dieser Dutzendhotels beherbergt. Der Palast der Republik – weg. Dafür das Disneyland Schloss, der misslungene Hybrid aus Gähn-Modern und nachgemachtem Barock. Man ahnt: Bis das letzte Stück Mauer verschwindet, kann es nicht mehr lange dauern. Der Fernsehturm, der Strausberger Platz und die Karl Marx Allee sind wahrscheinlich sehr bald die letzten relevanten architektonischen Zeugen der DDR-Geschichte in Berlin.

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Quelle: Andreas Tölke

In deren Umfeld lohnt sich eine Spurensuche. Hinter dem Cafe Moskau zum Beispiel, in der Schillingstraße. Eine Trennwand zwischen Grünfläche und Straße, einzelne Elemente aus Beton, in unterschiedlichen Größen und in den Elementen Schlemmer. Schlemmer, Oskar, das war ein Stuttgarter in Dessau, am Bauhaus. Der Künstler, Maler, Bildhauer und Bühnenbildner hat in den 20ern mit dem „Triadischen Balett“ Geschichte geschrieben. Seine raumplastischen Kostüme en miniatur sind in den Fenstern der Skulptur an der Schillingstraße zu sehen. Von wem die Skulpturen sind? Fehlanzeige. Bei den Behörden sind die Infos nicht zu kriegen. Es ist in aller Offenheit ärgerlich, dass vor die fast sechs Meter große Installation ein Imbiss aus Fertigteilen geknallt wurde und es ist traurig, dass die Figuren langsam verrotten. Gegenüber, an einem der Plattenbauhochhäuser allerdings ist ein gut erhaltenes Mosaik in grau-weiß zu sehen. Strenge Geometrie an einer Seitenwand. Eines dieser kleinen Kunststücke für Entdecker.

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Quelle: Andreas Tölke

Unweit im Karree an der Singerstrasse ein Flachdachgebäude, ehemals Kindertagesstätte, heute das Buddhistische Zentrum. An der Fassade Grimmsche Märchenszenen, einzelne Platten als Relief, erkennbarer Osten der späten 60er. Und auf der anderen Seite der Karl Marx Allee in der Grünanlage der Weydemeyerstrasse steht am Spielplatz eine Skulptur. Unvermittelt. Zack, in den öffentlichen Raum: Sieben Meter Beton in Facetten und Kassetten auf 1,50 Metern Höhe. Schräge 70er made im Osten – ebenfalls von einem namenlosen Künstler. Und flaniert man auf der Allee Richtung Frankfurter Tor, ist eine weitere Preziose an der Seitenwand vom Computerspielmuseum zu finden. Ein Mosaik mal wieder. Ein Streifzug durch die Portale der Blöcke an der Allee, in die Grünanlagen rund um die Weberwiese – es ist eine Schatzsuche. Ein, die sich hoffentlich noch lange, noch ganz lange lohnt!