Interflug und Klappfix: Urlaub in der DDR

Es gibt doch nichts Schöneres, als die Welt zu bereisen, fremde Kulturen kennen zu lernen und in der Sonne zu entspannen…

Für die Einwohner der DDR sah die Urlaubsplanung jedoch ein wenig anders aus; man verbrachte ihn zumeist im eigenen Land oder in einem der sozialistischen Nachbarstaaten. Dabei hatte die DDR sogar eine eigene Fluggesellschaft, die bis nach Kuba, China und Mosambik flog.

Das Haus des Reisens steht noch. Mit seinen 18 Stockwerken und 67 Metern Höhe ist es nach dem Park Inn das höchste Gebäude am Alexanderplatz. Hier hatte das staatliche Reisebüro der DDR seinen Sitz, wo alle Bahn- und Flugreisen innerhalb und außerhalb der DDR gebucht wurden.


Strandkorb. Bildquelle: antjeschade / photocase.de

Tupolews und Antonows

Die staatliche Fluggesellschaft Interflug (1963-1990) flog von der Geschäftszentrale in Schönefeld aus vor allem RGW-Staaten wie Bulgarien, die Tschechoslowakei, China, die Sowjetunion und Jugoslawien an. Die Maschinen stammten fast ausschließlich aus sowjetischer Produktion: zunächst die Iljuschin Il-18 mit Turbopropantrieb, später dann unzählige Tupolews und Antonows. Erst 1988 hob der Koordinationsausschuss für Ost-West-Handel die Sanktionen gegen den Export von Zivilflugzeugen auf und ermöglichte der Interflug damit den Erwerb von drei Airbus A310. Da die Maschinen erst am 26. Juni 1989, knapp zwei Monate vor dem Mauerfall, geliefert wurden, kamen sie kaum mehr zum Einsatz.

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Reisewerbung in der DDR. Bildquelle: Wirtschaftswundermuseum.de

Da die Interflug nicht Mitglied der IATA war und somit keinen internationalen Preisbindungen unterlag, konnte sie ihre Flüge zu Billigpreisen anbieten, die sie auch für Reisende aus der Bundesrepublik und insbesondere aus West-Berlin interessant machten. Deswegen nahm die Interflug Charterflüge zu Reisezielen am Mittelmeer und Schwarzen Meer ins Programm auf, die sich gezielt an ein westdeutsches Publikum richteten. Shuttlebusse beförderten die Fluggäste über einen eigens eingerichteten Grenzübergang vom West-Berliner Busbahnhof zum Flughafen Schönefeld.

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Flughafen Schönefeld. Bildquelle: By calflier001 [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Urlaub im eigenen Land  

DDR-Bürger durften erst ab 1968 in die Sowjetunion und ab 1973 auch nach Kuba reisen – allerdings waren die Flüge so teuer, dass sie sich sowieso nur Mitglieder der politischen Führungselite leisten konnten. Reisen in die benachbarten sozialistischen Bruderstaaten Tschechoslowakien, Polen (jeweils bis 1972) und Ungarn unterlagen einem Visumszwang. Da blieben viele lieber gleich im eigenen Land, zumal die DDR-Regierung den inländischen Tourismus stark förderte. Die Inseln Rügen und Usedom sowie die Naturparadiese Thüringer Wald und Sächsische Schweiz zählten zu den beliebtesten Reisezielen.

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Reisewerbung in der DDR. Bildquelle: n-tv.de

Egal ob man auf dem Campingplatz oder im Hotel übernachtete, Urlaub in der DDR war in jedem Fall Staatsangelegenheit. Über 50 Prozent aller Übernachtungen waren entweder in Ferienheimen im Besitz des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds (FDGB), dessen Marktanteil mit über 2 Millionen Reisen pro Jahr 19 Prozent des gesamten Übernachtungsvolumens betrug, oder in betrieblichen Erholungseinrichtungen (34 Prozent).

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Grüße aus dem FDGB-Ferienheim in Binz. Bildquelle: Post- und Ansichtkartenmuseum Rügen

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Das Haus des Reisens, 1971. Bildquelle: Hubert Link / Bundesarchiv

Diese Unterkünfte waren für alle DDR-Bürger erschwinglich. Allerdings musste man Glück haben, da nie ausreichend Kontingente verfügbar waren. Betten in Einrichtungen des FDGB-Feriendienstes mussten monatelang im Voraus beantragt werden, und um eins zugewiesen zu bekommen, musste man entweder Glückspilz oder guter Sozialist sein. In den 1980ern standen insgesamt 680 Einrichtungen mit 130.000 Betten zur Verfügung; rein statistisch gesehen hatte jeder DDR-Bürger alle fünf Jahre einen Anspruch auf ein Bett in einem FDGB-Ferienheim.

Die Standorte waren immer erstklassig, die Einrichtungen selbst zumeist eher spartanisch – Gemeinschaftsbäder eher die Regel als die Ausnahme. Dagegen war das FDGB-Ferienheim in Klink (Mecklenburg-Vorpommern) eine regelrechte Luxusherberge: Direkt am See gelegen, verfügte es über ein Hallenbad, Restaurants, Bar und eigenen Strand und bot seinen Gästen Vollpension.

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Die zum Restaurant umgebaute Interflug-Maschine in Leipzig. Bildquelle: Michael Nocka 

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Interflug-Passagiere, 1982. Bildquelle: dresden-airport.de

Zelten für alle 

Viele schliefen lieber im eigenen Zelt. Staatliche Campingplätze machten 26 Prozent aller Übernachtungen im eigenen Land aus, die Intercampingplätze, auf denen auch Westtouristen übernachten durften, weitere 4 Prozent. Insgesamt gab es in der DDR über 500 Campingplätze mit teilweise bis zu 5.000 Stellplätzen. Besonders luxuriös waren sie auch nicht gerade, dafür aber fast immer am Meer oder einem See gelegen. Die Faltanhänger der Marken Klappfix und Campifix waren fast genauso berühmt wie der Trabant.

Ein Zeltplatz war etwas leichter zu ergattern als ein Hotelbett – solange man nicht ausgerechnet in den Sommerferien Urlaub machen wollte. Selbst wer den Antrag Monate im Voraus bei der zentralen Vergabestelle einreichte, lief Gefahr, enttäuscht zu werden. Dann blieb nur noch eins: Urlaub in der Datsche.


Campingurlaub in der DDR anno 1982. Bildquelle: Wolfgang Thieme / Bundesarchiv

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Klappfix – wie toll ist das denn? Bildquelle: mein-ddr-leben.de

Auf den Spuren des DDR-Flairs 

Wer heute noch einen authentischen DDR-Urlaub erleben möchte, muss ein bisschen findig sein. Ein guter Ausgangspunkt ist der Flughafen Schönefeld, der sich sein DDR-Flair bis heute bewahrt hat – zumindest bis zur Eröffnung des Großflughafens Berlin-Brandenburg. Sehr empfehlenswert ist auch die Besichtigung der noch verbliebenen Maschinen der Interflug-Flotte. Ich bin zufällig in Leipzig auf zwei Maschinen gestoßen; eine davon beherbergt ein Restaurant, das aber leider geschlossen war. Die meisten Campingplätze sind inzwischen längst modernisiert worden – ich hatte Glück und fand einen in Thüringen, auf dem einige der Hütten noch als kleine Zeitmaschinen im Originalzustand erhalten sind. Viele FDBG-Ferienheime haben noch keinen neuen Besitzer gefunden und stehen seit Jahrzehnten leer.


„Unser“ Campingplatz in Thüringen. Bildquelle: Daphne Damiaans