Kleine Fluchten

Die Mocca-Milchbar, heute Café Alberts, war zu Zeiten der DDR eine kleine Flucht aus dem Einheitsgrau. Was bis heute geblieben ist: ein besonderer Ort.

Selbst die Andeutung von Frühling füllt die Plätze auf der Terrasse des Café Alberts. Die wenigsten Gäste wissen, an was für einem historischen Ort sie sich befinden. Es war einer der Treffpunkte des aufsässigen Ost-Berlin, der einzige, an dem es angeblich Haschisch gab. Aber das ist nur ein Gerücht. Verbrieft ist, es dass in dem Pavillon zwischen Strausberger und Alexander Platz 167 Plätze auf zwei Ebene gab, in einem Ambiente, das – nun ja – sozialistisch kühl war. Plastikstühle schurrten hässlich auf den Steinen, die Kellnerinnen und Barkeeper waren maulfaul.

Und trotzdem: mangels Alternativen trafen sich hier die kritischen Geister. Natürlich unter ständiger Beobachtung der Staatssicherheit, kurz Stasi. Ein Mitarbeiter berichtete 1967: „In diesem Jahr haben sich in der „Milch-Mocca-Eisbar“ fünf Gruppen gebildet. (….) Die Jugendlichen der Hauptgruppe, die etwa 30 Personen umfasst, tragen überwiegend lange Haare. Sie sind fast alle mit „Parkern“ (Kapuzenmäntel, Kutten) bekleidet. (…) Es kann eingeschätzt werden, dass die meisten dieser Jugendlichen eine schlechte Lernbereitschaft oder eine schlechte Arbeitsmoral zeigen.“ Im weiteren Bericht fielen Vokabeln wie „Arbeitsbummelanten“, und der Spion zwischen den Milchshakes meinte zu wissen dass „… fast alle Jugendlichen eine negative Einstellung zu den gesellschaftlichen Verhältnissen in der DDR haben.“

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Quelle: mem-film.de / photocase.de

Wie dumm, dass viele der diffamierten Jugendlichen Sprösslinge aus Familien bekannter Künstler, Schauspieler und Wissenschaftler waren. Teilweise war sich die Stasi nicht zu schade, die Kinder bei ihrem Eltern anzuschwärzen, und das Feedback war nicht immer im Sinne der Staatsmacht: Es gab Eltern, die ja von einigermaßen großer Wichtigkeit für die DDR waren, die gegen die Einmischung prostierten. An höherer Stelle. Der Effekt: Die Mocca Bar wurde zwar weiter beobachtet, die Akten wurden dicker, aber es entstand eine Art Vakuum ohne Aktivitäten der Organe, dass muntere Treiben zu unterbinden. Während in Paris und Berlin Studenten den Aufstand probten, waren die 60er in Ost-Berlin in der Mocca Bar nur eine kleine Flucht aus einem starren Alltag. Die Stasi zählte mit: Partys Sommer 67: neun. Aber wie im Westen war die Grenze zwischen politischem Prostet und individuellem Aufbegehren fließend. Die, die sich in der „Mokke“ trafen, nahmen lange Schlangen in Kauf, um einen Hauch von Individualismus mit wenigstens ein paar Seelen, die gleich tickten, zu erfahren. Und um von angereisten Gästen aus Halle und Suhl bestaunt zu werden. Stammgäste wählten immer gut sichtbare Plätze, die Tür im Blick. Zwecklos, in der ersten Etage nach Bekannten Ausschau zu halten: nie hätte sich Dauergast dort versteckt. Auch nicht hinten rechts unter der Treppe. Diese Ecke war dauerhaft mit einer Kordel versperrt: „Reserviert“. Aber das lag mehr an einem allgemein grassierend Problem der sozialistische Gastronomie: nie gebe es genug Personal.

In der Provinz der DDR galten Hauptstädter als eingebildet und überversorgt. Beim Eis waren dann aber alle gleich: Nirgends war es so gut wie hier, nirgends so billig. Drei Kugeln gab es für 95 Pfennig, ein Himbeer-Sahne-Shake kostete 1,05 Mark. Unerreicht war der Eisbecher „Türkisch“ mit viel Krokant über den Kaffee- und Schokokugeln, Preis: 1,55 Mark. Die Eisbar ging mit der DDR unter. Jahrelang war sie geschlossen, später brannte sie sogar zweimal. 2015 steht der Frühling in der Startlöchern. Im Café Alberts sonnen sich die Ersten auf der Terrasse. Das Leben ist schön. Barbesucher parken ihre schicken Autos direkt vor der Tür oder auf dem Mittelstreifen. Alles unter den Blicken der Gäste, bestens einsehbar durch die großen Glasscheiben. Wann immer ich an der Mocca Bar vorbei gehe, erinnere ich mich an deren erste Jahre und bin froh, erst nach der Wende die Allee erleben zu dürfen. Mit dem Wissen, wie es mal war.