Kunst am Kunststück

Der Strausberger Platz für sich ist ein Kunststück im urbanen Raum. Das sich dort eine vitale Galerieszene etabliert ist nur logisch.

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Quelle: jock+scott / photocase.de

„Wissen sie wie der Brunnen am Strausberger Platz zu Zeiten der DDR genannt wurde?“ Ohne eine Antwort abzuwarten sagt der Taxifahrer: „Bonzendusche!“ Berliner Schnauze. Erst wenn ein Platz, ein Gebäude, einen Spitznamen erhält ist es wirklich wichtig: „Waschmaschine“ für das Kanzleramt, „Schwangere Auster“ für die Kongresshalle, „Tele-Spargel“ für den Fernsehturm. Der Strausberger Platz ist in bester Gesellschaft. Was der Taxler unterschlägt ist die Tatsache, dass der Brunnen ein Kunststück ist.

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Quelle: HG Esch

Und damit auch im übertragenen Sinne des Wortes mitten im Geschehen.
Rund um die Schmiedearbeit von Franz Kühn siedeln sich Galerien an. Mehr als 400 gibt es davon in Berlin und sie haben die Hauptstadt nach der Wende in eine der wichtigsten Spielstätten für zeitgenössische Kunst verwandelt. Der Strausberger Platz als Location für Contemporary Art ist in all dem Besonderen ganz Besonders. Nirgends sonst in der Metropole werden zur Vernissage Tische unter mächtigen Bäumen aufgestellt, nirgendwo sonst haben Besucher so viel Raum auch vor den Spielstätten und nirgendwo sonst sind solche Einblicke schon von außen möglich. Dabei fing alles ganz bescheiden an. Ulrike Miebach bespielte 1996 die Concierge Box mit drei Einzelausstellungen auf grade mal 30 qm. Die Bewohnerin des Turms, der in Vorzeiten als „Haus des Kindes“ bekannt war und heute „Henselmann Tower“ (nach dem Architekten) heißt, zeigte Fotoarbeiten von Dr. Motte, dem Macher der Love-Parade, Stephan Köhler, einem kunstvollen Architekturfotografen und als Erste Andreas Mühe. Mühe, Sohn des Oscar Preisträgers Ulrich Mühe („Das Leben der Andern“) ist mittlerweile gefeierter Star der Szene. Seine Fotos touren um die Welt und aktuell sorgte er mit einem Porträt von Helmut Kohl zum Jubiläum des Mauerfalls für Furore.

 

Dame Miebach war der Lockstoff nicht nur für junge Talente, mehr und mehr Galeristen erkannten die Ausnahmesituation Strausberger Platz. Nadine Barth zum Beispiel. Im Rondell mit Blick auf den Brunnen initiierte die Kuratorin, Journalistin, und Philosophin „Contributed“. Über drei Jahre waren die Heroen der Modefotografie in wechselnden Ausstellungen zu sehen. Rankin (mache lernten ihn über seine Shootings für Heidi Klums „Germanys next Topmodel kennen – aber der Mann kann auch anders, ganz anders), Miles Aldridge, Mary McCarntey – Nadine Barth holte die internationalen Stars, und damit hunderte von Bewunderern, an den Strausberger Platz. Der Verlockung bei einem namhaften Verlag die führende Expertin für Fotografie zu werden, konnte sie nicht wieder stehen, die Galerie schloss aber Nadine Barth zeigt in unregelmäßigen Abständen etwas weiter unten auf der Karl Marx Alle außergewöhnliche Fotokunst.

 

Das Kommen und Gehen am Strausberger Platz mag irritieren, aber es ist symptomatisch für Berlin, für eine Stadt im Wandel, es ist symptomatisch für einen Platz, der mitten drin ist. Und neben all der Bewegung ist da auch Beständigkeit: Seit 2008 residiert Capitain Petzel in einem der modernistischen Kuben am Eingang zum Strausberger Platz. Sie setzen – freundlich ausgedrückt – die Historie fort. In den sechziger Jahren war das Gebäude unter dem Namen „Kunst im Heim“ bekannt. In den Vitrinen des 1.300qm großen Gebäudes waren Gemälde, Skulpturen, Keramiken und Kunsthandwerk der renommiertesten Manufakturen des Ostblocks zu sehen. Heute sind es Ausstellungen mit den ganz Großen von Martin Kippenberger bis Robert Longo. Friedrich Petzel, der seit 1993 eine Galerie in Chelsea führt, und Gisela Capitain, eine der erfolgreichsten Galeristinnen Kölns, bespielen den Raum gemeinsam und mit großem Erfolg. Zum Art Weekend rauschen die Limousinen internationaler Sammler vor, aber auch abseits der großen Berliner Kunstevents sind die Eröffnungen ein Get-together von Insidern und Liebhabern.

 

Die können gleich weiter ziehen zu Wagner + Partner (Strausberger Platz 8). Die Galerie zeigt nicht nur Außergewöhnliches – in den Räumen finden regelmäßig Artist Talks statt. Roland Nachtigäller, Direktor des MARTa Herford, im Dialog mit der Malerin Mona Ardeleanu, Dr. Frank Schmidt, Direktor der Kunsthalle in Emden, spricht mit dem Künstler Thomas Wrede – es sind exklusive Events, die die Ausstellungen begleiten und ungewöhnliche, intime Einsichten ermöglichen. Nur ein paar Meter weiter hat Stephan Adamski seine Galerie. Ungefähr die Hälfte seiner Künstler kommt aus Los Angeles. Und locken bis zu 30 Besucher pro Tag an den Strausberger Platz 3. „Die Leute, die bei mir einkaufen, suchen die Auseinandersetzung“, sagt Adamski. Und sind am richtigen Platz. Diesmal im wahrsten Sinne des Wortes. Über allem schwebt die wichtigste Publikation schlechterdings: „Texte zur Kunst“ residiert im fünften Stock des „Haus des Kindes“. Das Magazin bietet nicht nur theoretisches. Die Editionen vom Heft kuratiert und für vergleichsweise kleines Geld von Kippenberger (sic!) bis Monica Bonvicini (350 €) sind geneigt einen Grundstock für eine eigene Sammlung zu legen. Und wer sich mit den Machern der Publikation gut stellt, der darf auch schon mal selber seine Neuerwerbung in den Räumen abholen. Blick auf die Galerien am Strausberger Platz inklusive.

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