Kunst nach 1945: Eine Sekunde Freiheit

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges knüpften die Künstler, die in der russisch besetzten Zone lebten und arbeiteten, zunächst an die klassische Moderne an. Die im Dritten Reich als entartete Kunst diffamierten Strömungen wie Expressionismus, Neue Sachlichkeit, Dadaismus oder Avantgarde erfuhren eine kurzzeitige Wiederbelebung. Neben den zurückkehrenden Exilliteraten Bert Brecht, Anna Seghers und Arnold Zweig sowie dem Philosophen Ernst Bloch wurde vor allem der ehemalige Expressionist Johannes R. Becher schnell zur zentralen Figur des Kulturgeschehens.

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Quelle: HG Esch

Nie wieder tote Fische in s/w

Doch die neu gegründete Republik verstand es schnell, die Freiheit der Kunst zu unterbinden. Mit der staatlich forcierten Formalismus-Debatte wurde den Kunstschaffenden ein politisch Ziel vorgeschrieben: die klare Abgrenzung der DDR-Kunst vom dekadenten Kunstbetrieb Westdeutschlands. Aus einer Debatte kann schnell ein Gesetz werden: Mit dem Beschluss des 5. Plenums des Zentralkomitees der SED 1951 wurde dem Formalismus offiziell der Kampf angesagt. Walter Ulbricht wollte einfach keine abstrakten Bilder mehr sehen, keine Mondlandschaften oder faulenden Fische – ganz zu schweigen von der Grau-in-grau-Malerei, dem Ausdruck des kapitalistischen Niedergangs. Das alles – so die Meinung der Funktionäre – hatte nichts mit der optimistischen Einstellung des neu gegründeten Staates zu tun.

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Quelle: Pabkov, fotolia.com

Wider die bürgerliche Dekadenz

Mit der Berufung Johannes R. Bechers zum 1. Kulturminister 1954 verschmolz der Formalismus mit dem Sozialistischen Realismus zum allein gültigen Kunstdogma der DDR. Die Forderung nach wirklich volkstümlicher realistischer Kunst betraf alle kulturellen Bereiche: Dichtung, bildende und darstellende Kunst, Musik und Architektur. Der Widerstand zahlreicher Künstler gegen die Einteilung in gute, wirklichkeitsnahe und böse, abstrakte Kunst – die es fast eins zu eins auch während des Dritten Reiches gab – scheiterte am Regime. Nach Stalins Tod war das Dogma des Sozialistischen Realismus in nahezu allen sozialistischen Ländern durchgesetzt.

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Quelle: Boris15, shutterstock.com

Kunst im Geiste der Tradition: Gemacht für die Masse – und doch irgendwie neu

Der Sozialistische Realismus verlangte politisch konforme Themen gegossen in ein Gemisch aus positiven, an Klassik oder Romantik angelehnten Stimmungsteppichen in – eben – realistischer Darstellung. Das Diskussionsniveau dieses kulturpolitischen Diktats stand leider oftmals in starkem Kontrast zur Trivialität der produzierten Kunst. Wie zum Beispiel beim Massenlied, das es so fast ausschließlich in sozialistischen Ländern gab. Diese durchaus melodischen und harmonischen Kompositionen mit Revolutionsthematik konnten problemlos von vielen Menschen mitgesungen werden. Die Führungsriege hielt diese schlichten Musikstücke nun für eine gänzlich neue Musikgattung.

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Quelle: Flügelwesen / photocase.de

Greif zur Feder, Kumpel!

Überhaupt war das künstlerische Begehren nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten irgendwie überflüssig. Statt sich über Form und Inhalt Gedanken zu machen, sollte sich so ein Künstler ruhig sinnvoll betätigen, in der Produktion des Elektrochemischen Kombinats Bitterfeld beispielsweise. Um Anfang der sechziger Jahre den „Bitterfelder Weg“ zu gehen, musste man als Künstler zum einen in den Fabriken arbeiten und gleichzeitig die Arbeiter bei ihren eigenen künstlerischen Tätigkeiten unterstützen. Tatsächlich ging anfangs mit dem Bitterfelder Weg ein Aufschwung der Laienkunst einher. Die angepeilte Vereinigung von Berufs- und Laienkunst führte jedoch schnell zu Differenzen zwischen Staat und Künstlern und muss als gescheitert gesehen werden – zumal selbst die Künstler der DDR wenig gewillt waren, durch dauerhafte Mitarbeit in den volkseigenen Betrieben die Produktion zu steigern.

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Quelle: mischkaarndti / photocase.de

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