Landestypische Restaurants auf der Karl-Marx-Allee

Seit ich nach Berlin gezogen bin, spukte mir immer diese eine Idee im Hinterkopf herum: Ich wollte alle Länderküchen der Welt in meiner Stadt probieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das auch möglich ist, aber bis jetzt bin ich immer nur zu meinen Lieblingsrestaurants gegangen (Vietnamesen, Burger-Läden, Sri Lanker, Spanier).
Zuzeiten der DDR gab es nur einen Platz, an dem man etwas „Exotisches“ probieren konnte: die Karl-Marx-Allee. Russisch? Rumänisch? Ungarisch? Man brauchte nicht lange zu suchen, denn auf der KMA gab es alles.

Die sozialistische Welt

Ganz offensichtlich war die Welt der DDR-Bewohner etwas begrenzter. Die einzigen akzeptierten Staaten waren die anderen, verbrüderten, sozialistischen Staaten. Die Regierung förderte das Interesse an ihnen sogar. Der größte verbrüderte Staat der DDR war die Sowjetunion, während die anderen verbrüderten Ostblockstaaten eher kleiner waren. Unter bestimmten Voraussetzungen war es möglich, in diese Staaten zu reisen, weshalb Polen und die Tschechoslowakei auch so beliebte Urlaubsziele waren.

Aber auch wenn man nicht die Möglichkeiten oder das Geld hatte, nach Osten zu reisen, konnte man die Kultur und das Essen dieser Länder immer noch in einem der Landesrestaurants kennenlernen. In den 1950er Jahren eröffnete der DDR-Handelsverband sieben solcher Restaurants in Ost-Berlin: Moskau, Budapest, Warschau, Bukarest, Sofia, Praha und Morave (ein Weinrestaurant benannt nach dem serbischen Fluss). Das offizielle Ziel war es, durch das Servieren landestypischer Gerichte und dem Veranstalten verschiedener Events, den Menschen der DDR diese Länder näher zu bringen. Das Café Warschau zum Beispiel beschäftigte fast nur Polen und servierte polnischen Kuchen (Warschauer Torte, um eine Sorte zu nennen) und andere Nationalgerichte.

Von Moskau nach Warschau

Es wurden keine Kosten und Mühen gescheut, diese Restaurants zu dekorieren. Das Café Moskau wurde zwischen den Jahren 1961 und 1964 erbaut und hatte ein großes Mosaik (9 x 15 Meter) im Eingangsbereich. Ein Modell des Sputniks war in Originalgröße auf dem Dach platziert und im Garten befand sich ein 2,5 Meter hoher Springbrunnen aus Stahl. Ging man die Karl-Marx-Allee ein paar hundert Meter weiter runter, befand sich dort das im Stile des Art déco, Berliner Klassizismus und sozialistischem Klassizismus gestaltete Café Warschau. Das Treppenhaus war mit wandfüllenden Mosaiken geschmückt und der Innenraum war von Säulen gesäumt. Zusätzlich zu dem umfangreichen Innendesign hatte jedes Nationalitätenrestaurant auch noch folkloristische Dekorationselemente.

Die harte Arbeit zahlte sich aus. Die landestypischen Restaurants wurden dank ihrer speziellen Menüs sehr bekannt. Nicht jeder Berliner konnte es sich leisten, die russische oder polnische Küche zu probieren, denn die Restaurants befanden sich in der Preiskategorie „S“, welche die höchste der DDR war. Aber wer besuchte diese Restaurants? Zu Gast waren nur die Elite der DDR und – überraschenderweise – Gäste aus West-Berlin. Die Preise waren für die Westberliner Gäste immer noch recht niedrig und sie probierten gern die unterschiedlichen Geschmäcker der Küchen aus dem Ostblock. Das Gästebuch des Restaurants Budapest zeigt, dass hier sogar der spätere US-Präsident Richard Nixon ein herzhaftes Menü begleitet von Zigeunermusik genoss.

Steaks und Computerspiele

Unglücklicherweise hat die Karl-Marx-Alle aufgehört, als Platz für Spezialitäten aus Zentral- und Osteuropa zu existieren. Nach der Wende mussten alle Restaurants aufgrund des Gästemangels schließen. Das Restaurant Budapest stand bis zum Jahr 1996 leer, dann eröffnete es als Steakhaus einer Hamburger Restaurantkette wieder. 20 Jahre später gibt es dort immer noch argentinische Steaks.

Im Jahr 1996 schrieb die Berliner Zeitung über den „totalen Verfall“ des Restaurants Warschau. Es dauerte weitere neun Jahre, bis es zerfallen war. Das wunderschöne Treppenhaus ist geblieben, hat aber keine Funktion mehr. Das Gebäude aber ist immer noch einen Besuch wert: Es ist jetzt das Computerspielemuseum. Nur eines der Nationalitätenrestaurants hat es geschafft, seinen Namen zu behalten, obgleich es einen Funktionswechsel gab: Das ehemalige Restaurant Moskau ist heutzutage eine Eventlocation und der strahlende Stern der KMA.

Und wo geht man jetzt hin? Hier einige Tipps:

Was machen Sie jetzt also, wenn Sie in Berlin sind und Sie die Stimmung für polnisches, russisches oder bulgarisches Essen packt? Sie werden etwas über die Karl-Marx-Allee hinausgehen müssen. Aber es gibt immer noch sehr gute landestypische Restaurants in Berlin – auch wenn sie nicht mehr von der Regierung geführt werden. Für russisches Essen empfehle ich Ihnen, ins Datscha (Gabriel-Max-Straße 1, Friedrichshain) zu gehen, für polnisches Essen sollte das Pierogarnia (Turiner Straße 21, Wedding) nicht auf Ihrer Liste fehlen, die ungarische Küche genießen Sie im Budapest Calling (Dorotheenstraße 12, Mitte), rumänisches Essen wird im Baron (Hermsdorfer Damm 133, Reinickendorf) serviert und den bulgarischen Geschmack erleben Sie im Primaria (Gärtnerstraße 12, Friedrichshain).

Aber Moment! Sie können natürlich auch auf der Karl-Marx-Allee bleiben! Das Restaurant Prager Hopfenstube (Karl-Marx-Allee 127) serviert Ihnen tschechisches Essen. Und auch wenn es keinen offiziellen Platz für Weine aus Zentral- und Osteuropa mehr gibt, hat die reizende Weinbar Briefmarken (Karl-Marx-Allee 99) bestimmt trotzdem einige Weine aus dieser Region auf Lager.