Lenin ist zurück – jedoch nicht am Leninplatz

Erinnert ihr euch noch an den Flug der Lenin-Statue am Ende von „Good Bye, Lenin“ – diesem wundervoll tragisch-komischen Film über die letzten Tage der DDR? Tja, Lenin ist zurück. Oder zumindest sein Kopf ist es. Nach endlosen Jahren politischer Debatten wurde sein 3,5 Tonnen schwerer Kopf endlich aus dem Sand geholt. Nun geht er erstmal nach Spandau, aber man weiß ja nie: Vielleicht wird der damalige Leninplatz und heutiger Platz der Vereinten Nationen endlich seine berühmte Statue zurückbekommen.

Der Platz der Vereinten Nationen ist der nicht ganz so berühmte Bruder des Strausberger Platzes und der Ort, an dem die Bewohner des Straußbergerplatzes ihre täglichen Einkäufe erledigen. Zunächst scheint es so, als ob es auf diesem Platz nicht viel zu sehen gäbe – aber der Schein trügt. Der Strausberger Platz ist ein perfektes Beispiel an DDR Architektur aus den späten 50er Jahren. Und der Platz der Vereinten Nationen ist genau dies für die späten 60er Jahre– allerdings hat der Platz mit dem Verschwinden der Lenin-Statue viel von seinem vormaligen Charme verloren..

Der Leninplatz – Wie alles begann

Aber zurück auf Anfang – zurück ins Jahr 1864. Richtig, lange bevor die DDR überhaupt existierte. In diesem Jahr wurde das Landsberger Tor, eines der größten Stadttore Berlins, zerstört. Wo das Tor bis dahin stand, erstreckte sich von da an der Landsberger Platz. Es handelte sich dabei um eine große Fläche mit wundervollen Stadthäusern am Rande des Volkspark Friedrichshain, dem ersten öffentlichen Park Berlins überhaupt (1840). Wie so viele dieser fantastischen historischen Plätze und Straßen in Berlin wurde auch er im Zweiten Weltkrieg stark bombardiert und zerstört. Nach dem Krieg war vom Landsberger Platz nicht mehr viel übrig.

Die neue Stadtregierung von Ost-Berlin beschloss, dass der Landsberger Platz und der Büschingsplatz zu zentralen Orten des neuen Stadtzentrums werden sollten. Bereits im April 1950 – zu dem Zeitpunkt war die DDR gerade mal ein halbes Jahr alt – wurde der Ort auf den Namen Leninplatz getauft. Es dauerte letztlich einige Jahre (genaugenommen bis 1967), bevor ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben wurde, um das neue Quartier zu designen. Hermann Henselmann, welcher bereits für den Entwurf der Karl-Marx-Allee berühmt war, und sein Partner Heinz Mehlan setzten sich schließlich mit ihrer Idee durch. Sie legten einen Entwurf vor, in dem kreative Wohngebäude mit einer organischen Form anstelle von einfachen und langweiligen Wohnblocks das Quartier dominieren sollten.

Ein Lenin aus 19 Metern Granit

Der neue Leninplatz sollte noch vor dem 100. Geburtstag des Gründervaters der Sowjet Union 1970 fertiggestellt sein. Im November 1968 legten Walter Ulbricht, damaliger Staatschef der DDR und der Bürgermeister Berlins, Herbert Fechner, den Grundstein des neuen Gebäudes. Nur eineinhalb Jahre später war das Quartier fertiggestellt. Nicht weniger als 200.000 Menschen, unter ihnen auch die Staatschefs sozialistischer Bruderländer, waren Zeugen bei der Enthüllung der 19 Meter hohen Lenin-Statue – dem Herzstück des Leninplatzes. Sie war vom Vorsitzenden der Russischen Akademie der Künste designt und aus ukrainischem roten Granit gefertigt.

Ähnlich wie auch der Strausberger Platz, muss der Leninplatz ein sehr belebtes Quartier in der Mitte Berlins gewesen sein. Er lag in unmittelbarer Nachbarschaft zum Alexanderplatz, zum Volkspark Friedrichshain und zur Karl-Marx-Allee. Der 77 Meter hohe „Hochhausturm“ war eines der höchsten Wohnhäuser in der DDR, lag direkt neben einem berühmten Restaurant und im Erdgeschoss gab es einen Blumenladen und eine Post. Die gegenüberliegenden Gebäude wurden auf Grund ihrer Form liebevoll als „Bumerang“ oder „Schlange“ bezeichnet. Ihre Vorgärten waren begrünt und Bäume wuchsen und wachsen noch immer in ihnen. Die Dachgeschosswohnungen wurden von den Architekten als Künstlerwohnungen und Ateliers entworfen und haben deshalb gläserne Dächer. Außerdem war die 1.100 Quadratmeter große „Kaufhalle“ (das Ost-Berliner Äquivalent zum West-Berliner Supermarkt) eine der modernsten der DDR.

So wird man ihn los

Der Name und auch die Statue waren von zentraler Bedeutung für den Platz, selbst als die DDR zusammenbrach und eine neue Stadtregierung verantwortlich wurde. Obwohl viele Anwohner protestierten und ihren Lenin unbedingt behalten wollten, wurde er 1991 des Platzes verwiesen. Damit das aber möglich wurde, musste er zunächst von der offiziellen Liste nationaler Denkmäler entfernt werden. Dieser Prozess zog sich über drei Monate hinweg, erst dann konnten die 129 Teile der Statue in einem sandigen Hügel in Müggelheim, im tiefen Süden Berlins, verbuddelt werden. Laut der Lokalregierung war dies notwendig, um Souvenir-Jäger fernzuhalten. Kosten insgesamt: 100.000 Mark.

Es schien, dass Lenin seine letzte Ruhestätte im Müggelheimer Sand gefunden hätte. Auf seinem ehemaligen Standort wurde eine Fontäne errichtet und der Platz wurde zum Platz der Vereinten Nationen (um politisch ganz korrekt zu sein). Doch damit endet die Geschichte keineswegs. 17 Jahre später beschlossen einige Leute eine Ausstellung in Spandau auf die Beine zu stellen, bei der der alte Lenin auf keinen Fall fehlen durfte. Es folgten Jahre der Diskussionen. Doch vor einer Woche, am 10. September, tauchte plötzlich Lenins riesiger Schädel auf. Bisher ist allerdings nicht klar, ob er lange an der Oberfläche bleibt, denn die Ausstellung in Spandau ist immer noch nicht in trockenen Tüchern.

Verdient Lenin eine zweite Chance?

Was ist denn nun mit der fliegenden Lenin-Statue in Good Bye, Lenin? Das ist natürlich niemals wirklich passiert und Lenin wurde demontiert und vergraben. 128 Teile der Statue liegen sicher vergraben unter einer Menge Sand. Manche Menschen hoffen, dass Lenin eines Tages seinen Weg zurück zum Platz der Vereinten Nationen findet. Es könnte den Platz zu einem Museum der DDR-Architektur machen und würde ihm, so wie es bis 1991 der Fall war, einen Fokuspunkt geben. Denn die Wahrheit ist: Die raketenartige Fontäne, die Lenin ersetzt, hat nicht annähernd seinen Charme.