Mein eigenes DDR Museum

Lasst mich euch zu Beginn einen Tipp geben: Wenn ihr euch genauso sehr für den Strausberger Platz/ die Karl-Marx-Allee interessiert wie ich, dann solltet ihr unbedingt dieses Online-Spezial auf Die Zeit anschauen. Hier werden die verschiedenen Facetten der beiden Straßen dargestellt und wie die Geschichte und die Gegenwart an dem ehemaligem Herzen von Ost-Berlin aufeinandertreffen.

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Hausarbeit: damals und heute

Die Redakteure haben dafür die Tochter des ehemaligen DDR-Chefarchitekten Hermann Henselmann interviewt, aus dessen Plänen die Gebäude entstanden, die wir noch heute am Strausberger Platz sehen können. Auch eine Gruppe Studenten, die heute auf der Karl-Marx-Allee leben, wurden befragt. Einigen davon ist die Geschichtsträchtigkeit ihres Wohnortes bekannt, aber Austauschstudent Jan musste zugeben: „In Belgien habe ich einiges im Geschichtsunterricht gelernt – darüber, dass der Osten kommunistisch und der Westen kapitalistisch war. Viele wollten vom Osten in den Westen fliehen, aber was bedeutet, das weiß ich eigentlich nicht“.

Meine bedeutsame Straße

Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Ist es möglich, in einer Straße mit einem so großen historische Hintergrund zu leben, ohne wirklich die Geschichte zu kennen? Nicht für mich. Bevor ich nach Berlin gezogen bin, lebte ich in einer der ältesten Straßen in meiner Heimatstadt Harleem – ein liebevolles Städtchen nicht weit von Amsterdam. Ich konnte es gar nicht abwarten, in den Stadtarchiven die Geschichte meines Hauses herauszufinden. Um mehr über die Karl-Marx-Allee zu erfahren, benötigt es noch nicht einmal einen Besuch im Stadtarchiv. Unzählige Bücher berichten über das Leben auf der Karl-Marx-Allee und die Straße hat sogar einen eigenen Ausstellungsraum im Märkischen Museum in Berlin. Im Café Sybille, das seit 1953 fester Bestandteil der Karl-Marx-Allee ist, findet man sogar eine dauerhafte Ausstellung.

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Das Café Sybille, DER Ort für gutes Biert und eine DDR Ausstellung

In Harleem konnte ich mit der Geschichte meines Hauses nicht wirklich viel anfangen, es hat mir nur Spaß gemacht, mehr darüber zu erfahren. Lasst mich euch beschreiben, wie mein Haus aussah: Über der Couch hing ein eine große Karte, die die Bodenschätze und Industriestandorte der ehemaligen DDR zeigte. Eine Originalkarte von Ostberlin hing über dem Esstisch, ein Bilderrahmen mit echten Deutschen Mark Scheinen über der Kommode. Ach ja…und in der Küche hatte ich einen dieser typischen DDR Eierbecher aus Plastik, Originalbücher aus der DDR und nicht zu vergessen einen Miniatur-Trabant, der in meinem Fenster stand (auch wenn mir ein echter Trabant natürlich wesentlich lieber wäre ¬¬– leider hat sich dieser Traum noch nicht erfüllt). Meine Wohnung war ein kleines DDR-Museum direkt vor einem niederländischen Kanal. Jetzt ist das kleine Museum nach Berlin verlegt worden, wo es weiter am Wachsen ist: Es fing an mit einer alten Kupfer- und Glaslampe, die ich als erstes in den Flur gehangen habe. Als nächstes stehen auf meiner Einkaufsliste zwei Original-Stühle, die unser neues Wohnzimmer verschönern sollen.

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Meine Katze nimmt ihr Abendessen unter der Karte mit den DDR Bodenschätzen zu sich

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Wir essen unter einer Karte vom ehemaligen Ost-Berlin

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Mein DDR Eierbecher und meine neueste Errungenschaft: eine Lampe aus der DDR

Zurück zum Ursprung

Leider wir meine Wohnung wohl nie eine richtige Museumswohnung werden – zumindest nicht so eine, wie in meiner Nachbarschaft Hellersdorf. Meine Wohnung ist dafür zu schön renoviert worden – toller Holzboden, strahlendweiße Wände und eine brandneue Küche und Bad. Nur die Türen mit ihren Glasscheiben sind original geblieben. Es ist perfekt, aber es ist nicht wie in der DDR. Aber um ehrlich zu sein: Ich mag es so auch viel lieber! Mich faszinieren die nicht renovierten Gebäude am anderen Ende der Karl-Marx-Allee, an dem die Frankfurter Allee startet. Ihnen sind die Spuren der Geschichte anzusehen. Dennoch ziehe ich es vor, in meinem perfekten Heim zu leben, voller Licht, mit Doppelverglasung und einer glänzendweißen Badewanne. Sogar das Treppenhaus wird zurzeit renoviert  – mit einem großen Maß an Vorsicht, damit die alten Treppen wieder in ihren originalen Zustand erstrahlen.

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Die Museumswohnung in Hellersdorf, Quelle: Stadt und Land

Ein bisschen DDR spielen

Ich bin und bleibe aber immer eine Historikerin. Und Historiker sind immer auf den Spuren der Vergangenheit unterwegs. Daher lese ich gerade alles, also wirklich alles, was über mein neues Zuhause berichtet. Und ich besuche das Stadtarchiv von Berlin, um mir die alten Fotos anschauen zu können. Manchmal versuche ich mir vorzustellen, wie wohl mein Haus vor 60 Jahren ausgesehen haben könnte. Zu dem Zeitpunkt, an dem es gerade erst erbaut wurde. Das Gute, wenn man in so einer bekannten Straße wohnt, ist, dass es unzählige Fotos gibt, die mir heute einen Eindruck verschaffen, wie es wohl damals auf der Karl-Marx-Allee ausgeschaut hat. Und dabei ist mir aufgefallen: Es gibt viele Parallelen zwischen dem Leben und damals und heute.

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Gemeinsame Zeit im Wohnzimmer verbringen: damals und heute

Um euch von den Gemeinsamkeiten zu überzeugen, habe ich ein paar Fotos nachgestellt. Ich hoffe ihr könnt mir verzeihen, dass ich nicht den Look einer 50er Jahre Frau übernommen habe. Aber die Fotos haben uns unglaublich viel Spaß gemacht! Und mit ein bisschen Fantasie werden ihr sehen, dass sich gar nicht so viel verändert hat. Und bitte gestattet mir, euch noch ein paar Tipps zu geben: Besucht das Café Sybille (Karl-Marx-Allee 72), um noch so viel mehr über die DDR und die Straße zu erfahren. Und vergesst nicht, dem Märkischen Museum (Am Köllnischen Park 5) einen Besuch abzustatten. Ich werde in der Zwischenzeit in der Ausstattung meines eigenen DDR Museums weiterarbeiten.

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Bei der Zubereitung des Abendessens: damals und heute