Meine Straße, bevor es den Herrn Karl Marx gab

Heute habe ich beschlossen, mal etwas wirklich Verrücktes zu tun: Ich berichte euch, was auf der Karl-Marx-Allee vor der DDR passierte.
Die U-Bahn-Haltestelle Schillingstraße (zwischen dem Strausberger Platz und dem Alexander Platz) hat eine Dauerausstellung, die nicht nur die „neue“ Karl-Marx-Allee zeigt, sondern auch, was dort alles vor dem Krieg passierte. Diese Ausstellung hat mich dazu inspiriert, nach der verschwundenen Geschichte meiner Straße zu suchen – und das war gar nicht so einfach.

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Eines der Bilder, das in der U-Bahn-Station Schillingstraße zu finden ist
Quelle: Daphne Damiaans

Die Karl-Marx-Allee ist wunderschön und beeindruckend und ohne Zweifel eine der tollsten Straßen in ganz Berlin. Und trotzdem ist es irgendwie komisch, sich vorzustellen, das hier auch schon Häuser und eine ganze Nachbarschaft vor dem Krieg und dem Beginn der DDR existierte (war doch das Bauprojekt der “Arbeiterpaläste” das bedeutungsvollste).

Strausberger Platz: Der Galgenplatz

Informationen über die – na ja, durchaus “blutige” – Geschichte des Strausberger Platzes zu finden, ist nicht so schwer: Wikipedia lehrt uns, dass hier Berlins Richtstätte im Mittelalter war. Erst ab dem Jahr 1730, als eine neue Stadtmauer errichtet wurde, ist der Strausberger Platz (damals Teil der “Stralauer Vorstadt”) in die Stadt eingegliedert wurden. Aber hier gab es bis 1863, als der wirkliche Platz gebaut wurde, noch nicht wirklich viel zu sehen. Interessant ist jedoch, dass der ursprüngliche Platz 50 Meter östlicher gelegen war, als er heute zu sehen ist. Das erklärt, warum die U-Bahn-Station nicht direkt unter dem Platz, sondern stattdessen daneben, entlangläuft.

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Eines der letzten originalen Häuser, direkt hinter dem Strausberger Platz
Quelle: Daphne Damiaans

Der Strausberger Platz hat über die Zeit hinweg immer seinen originalen Namen erhalten, aber dafür hat die Karl-Marx-Allee einige Namenswechsel mitgemacht. Diese hieß nämlich zuvor Stalinallee und davor Frankfurter Straße. Warum ausgerechnet Frankfurt? Weil es, neben dem wesentlich bekannteren Frankfurt am Main, noch ein weiteres Frankfurt in Deutschland gibt, welches östlich von Deutschland und an der Grenze zu Polen liegt. Das Frankfurter Tor und die Frankfurter Allee, die östlich der Karl-Marx-Allee zu finden sind, wurden ebenfalls nach dieser Stadt benannt. Verschiedene Quellen weisen darauf hin, dass die Allee bereits 1701 Frankfurter Straße genannt wurde und in einer Stadtkarte von 1786 ist zu sehen, dass die Allee zur Große Frankfurter Straße benannt wurde. Anfänglich reichte die Karl-Marx-Allee nicht wie heute bis zum Alexanderplatz, sondern endete einige hundert Meter davor. Zwischen 1936/1927 und 1930 entstand die U-Bahn-Linie E (heute U5), woraufhin die Straße verlängert wurde.

Als hätte es sie niemals gegeben

Das soweit zu den ganz allgemeinen Informationen, die dank Wikipedia nicht allzu schwer zu finden sind. Bislang hatte ich aber noch nichts darüber gefunden, wie der Strausberger Platz und die Große Frankfurter Straße damals aussahen (abgesehen von den paar Bildern in der U-Bahn-Haltestelle).
Gab es Geschäfte, waren sie bekannt für etwas und wer lebte hier? Nach Bildern bei Google zu suchen, stellte sich als wirklich schwere Aufgabe heraus: Leute – darunter mich eingeschlossen – lieben es, über den heutigen Strausberger Platz und die Karl-Marx-Allee zu schreiben, aber über die Geschichte vor der DDR ist kaum bis eigentlich gar nichts zu finden. Die Große Frankfurter Straße hat noch nicht einmal einen eigenen Wiki-Eintrag und das, obwohl die Karl-Marx-Allee einen in 18 verschiedenen Sprachen vorweisen kann. Es ist, als ob die Straße vor 1940 nicht existierte.

Aber da musste doch irgendwas zu finden sein! Und wie es so ist: halte deinen Augen offen und du wirst finden, wonach du gesucht hast.
Als ich eines Tages auf dem Weg zum Supermarkt war, entdeckte ich ein Schild an einem der Gebäude der Karl-Marx-Allee, darauf stand “Rose-Theater”. Das war zumindest ein Anfang! Leider stellte sich heraus, dass das Theater nach Bernhard Rose benannt wurde, der von 1906 bis 1945 Inhaber war. Aber auf der Webseite eines Hobby-Fotografen habe ich nicht nur mehr über das Theater selbst herausgefunden, sondern auch die Geschichte vor dem Krieg. Dort stand, dass die Große Frankfurter Straße bekannt dafür war, ein perfekter Ort zum Shoppen und Flanieren zu sein.

Die Berliner Märzkämpfe

Das hörte sich doch schon einmal gut an: Ich konnte mir zumindest ein wenig vorstellen, wie die Straße damals aussah und welche Bedeutung sie für das Leben in Berlin hatte. Doch dann fand ich das Bild mit den Barrikaden auf der Große Frankfurter Straße, auf dem auch das Straßenschild mit der Aufschrift “Andreasstraße” zu sehen ist. Die Straße sah nur ein wenig anders aus und es war nicht schwer, sich vorzustellen, wo das Foto aufgenommen wurde: nur wenige 100 Meter von meinem jetzigen Wohnort. Ich durchforstete also weiter das Internet und las über die “Berliner Märzkämpfe”. Nach dem Ersten Weltkrieg wiedersetzen sich die Arbeiter. Sie forderten die Einführung eines politischen Systems, das dem der damaligen Sowjetunion gleichkam und die Sozialisierung der wichtigsten Schlüsselindustrien beinhaltete.

Die Kämpfe begannen am 3. März 1919 und einen Tag später marschierten bereits Einheiten des Generalkommandos in die Stadt. Nachdem Gerüchte im Umlauf waren, dass 60 Polizisten von Revolutionären in Lichtenberg erschossen wurden, bekamen die Regierungstruppen den Befehl, jeden zu erschießen, der eine Waffe mit sich trug. Die Gerüchte stellte sich als falsch heraus doch das hatte die Truppen nicht davon abgehalten, 1.200 Menschen innerhalb von 2 Wochen zu töten.

Die Geschichte wiederholte sich

Bilder sind Beweis für die vielen beschädigten Gebäude, Barrikaden, aufgerissenen Straßen und schwer bewaffneten Soldaten. Der bekannte Autor Alfred Döblin schrieb später davon, dass “die Granaten und Minenwerfer der Befreier ganze Häuser demolierten”. Karl Retzlaw bezeichnete die Märzkämpfe als „Massenmord“ und erwähnte, dass sich die Anzahl der Opfer höchstwahrscheinlich auf über 2.000 beläuft. Wer mit der Geschichte der DDR vertraut ist, der wird feststellen, dass sich das Ganze sehr nach den Streiks und Aufständen aus dem Jahr 1953 anhört. Nur das es dann sowjetische Truppen waren, die die Ausschreitung gewaltsam beendeten. Und auch 1953 waren Strausberger Platz und Karl-Marx-Allee Schauplatz.

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Wie die Karl-Marx-Allee heute aussehen könnte, wenn Geschichte nicht passiert wäre
Quelle: Daphne Damiaans

Was also erschließt sich mir aus all diesen neuen Informationen? Das meine Straße damals wie heute ein geschichtsträchtiger Ort ist. Gleichzeitig ist es verblüffend, dass eine Geschichte von einer anderen “verdeckt” wird, als ob es sie nicht gegeben hätte.