Over the Top

Alleine über eine schlichte Autofahrt erschließt sich schon die Einzigartigkeit der Karl-Marx-Allee und des Strausberger Platzes. Richtig atemberaubend werden die 2,4 km Architekturdenkmal bei einem Blick von oben. Nach zehn Jahren als Bewohner in einem der Türme am Strausberger Platz bin ich daran gewöhnt, dass meine Gäste sich mehr dem Fenster und der Aussicht zu wenden, als mir. Der Fernsehturm, der zum Greifen nah ist, die Plattenbauten mit den letzten beiden Werbetafeln für Automobile vom Balkan im Blick… würden über die Allee nicht zeitgenössische Automobile rauschen, dann könnte man meinen, die Zeit stände still und die Wende hätte es nie gegeben.

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Quelle: kriskbx – photocase.de

Leider habe ich nicht die Kapazitäten, um jeden in meine Wohnung zu bitten, damit er sich selber von der spektakulären Aussicht überzeugen kann. Aber zum Glück gibt es Alternativen, von denen man den Strausberger Platz von oben genießen kann:

Am Strausberger Platz 1 hat im 13. Stock eine Tanzschule ihr Domizil. Bei Discobeleuchtung und Cha-Cha-Cha Rhythmen schieben sich abendlich Paare vor bodentiefen Fenstern über das Parkett. Von der Straße deutlich sichtbar erstrahlt der Glasaufsatz in Farben von hellblau bis pink. Das muss man mögen, aber es gibt viele, die das tun.

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Aussicht vom Studio „Tanzsuite“. Quelle: Daphne Daamians

Neben den Tanzveranstaltungen finden dort private Partys und Lesungen statt und als Bonus für alle anderen gibt es eine öffentliche Bar. Zwar herrscht manchmal Verwirrung über die zwei Aufzüge, von denen nur einer in den 13. Stock führt und dann müssen wir Hausbewohner die verlaufenen Gäste einsammeln, um sie zum richtigen Lift zu führen. Aber das sind Petitessen im Verhältnis zu dem, was die Besucher ganz oben erwartet. Eine Aussicht über die Allee in ihrer ganzen Länge und einen Blick bis weit über den Alexanderplatz und den Fernsehturm hinaus. Selbst alteingesessene Berliner stehen andächtig an den Fenstern und sind aufs Neue verliebt in ihre Stadt.

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Quelle: Koosinger – photocase.de

Neben dem Studio „Tanzwelt“ gibt es eine weitere Location am Ende der Allee, die einen faszinierenden Ausblick bietet. Am Frankfurter Tor werden die beiden Hochhäuser gekrönt von zwei Glasaufsätzen. In dem einen hat sich der Besitzer von Chelseas Farmers Club, einem der schönsten Läden Berlins für britische Mode, häuslich eingerichtet. Die Wohnung geht über drei Stockwerke und bietet einen 180°Grad Blick über die Stadt. Christoph Tophinke sagt über sein ungewöhnliches Zuhause: „Seit ich hier lebe, nehme ich das Wetter hautnah wahr.“ Nicht nur das, auch die Jahreszeiten lassen sich hier nicht aussperren, denn Vorhänge für einen derartigen Raum zu finden, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Direkt vis-a-vis, im Turm des Frankfurter Tors 9, ist der höchste Salon der Stadt zu finden. Im Kuppelraum auf der höchsten Ebene, nach Stockwerken wäre es die 15, können 40 Leute an Tischen dinieren oder bis zu 80 Personen auf einem Stehempfang Berlin in seiner ganzen Schönheit bewundern. Im 14. Stock gibt es eine komplett ausgestattete Bar, in der Eingangsebene, dem 13. Stock, gibt es das so genannte Raucherzimmer. Die Lounge im Turm ist das halböffentliche Pendant zur Tanzschule am Strausberger Platz und gegen Obolus für die eigene Veranstaltung zu mieten. Wenn sich Gäste auf die beiden Locations verteilen, könnte man sich zuwinken. Allerdings nur sichtbar mit einem Fernglas. Und damit geht der Blick sicher weiter in die Ferne.