Spätis: Der Pulsschlag Berlins

Auf dem Heimweg Lust auf ein Bier? Dann geh zu einem Späti. Du hast eine Party und Chips und Alkohol gehen aus? Dann geh zu einem Späti. Perfekter Sommerabend und dir ist nicht danach, in einen Club oder eine Bar zu gehen? Dann gönne dir ein paar Drinks bei deinem lokalen Späti. Spätis sind der Pulsschlag der Nächte und Wochenenden in Berlin. Es gibt über 1.000 davon, sie sind in fast jeder Straße zu finden (mehr darüber später) und haben sieben Tage in der Woche rund um die Uhr geöffnet (mehr darüber später). Und, glaube es oder auch nicht: sie sind eine Erfindung der DDR.

Was also ist ein Späti?

Für diejenigen, die noch nie in Berlin waren, will ich versuchen, ein Bild davon zu zeichnen. Stellt euch einen 7/11, einen Tesco Express oder den Shop einer Tankstelle vor. Nur kleiner und ohne irgendeinen Sinn für Ordnung. Dann fügt ihr einige Stammkunden hinzu, die in oder vor dem Laden eine rauchen oder ein Bier trinken. In den meisten Spätis nehmen Kühlregale voller – nun ja, meistens – Bier den ganzen Platz an den Wänden ein. In der Mitte des Ladens findest du wahrscheinlich noch mehr Bier, oft in einer herrlichen Installation von Kisten, die übereinander gestapelt sind. Der Kassentresen ist ein Shop in sich, manchmal so vollgepackt mit Süßigkeiten, Lippenbalsam, Kondomen und anderen praktischen Dingen, die man im Alltag braucht, dass es schwierig ist, den Verkäufer zu finden. Die meisten Spätis sehen identisch aus, sie alle haben jedoch ihren eigenen Charme, und einige haben sich sogar spezialisiert. In Neukölln gibt es zum Beispiel einen ‘Baumarkt’ Späti.

Liebeserklärungen

Für viele sind Spätis das, was es ausmacht, dass Berlin Berlin ist. Die Unordnung, die Chance, auf der Straße (und in öffentlichen Verkehrsmitteln) zu trinken, die seltsamsten Menschen treffen sich und schließen Freundschaft in der Zeit, die sie brauchen, um ein Bier zu trinken, und die Tatsache, dass Spätis es ermöglichen, alles zu kaufen, wann immer du es brauchst – obwohl Berlin zu Deutschland gehört, wo die ‘Sonntagsruhe’ nach wie vor heilig ist und alle Geschäfte sonntags geschlossen sind. Google einfach ‘Späti’, und du findest Liebeserklärungen an diese ’Unverzichtbaren Aspekt des Berliner Lebens’ und sogar Gedichte, die dem ’lieben Späti’ gewidmet sind:

‘Zu dir geh ich, wenn ich Durst habe, und nach einer Nacht, in der ich aus war und Durst hatte. […] In einer langen Sommernacht schnappen wir uns eine Bank draußen am Eingang — Engländer, Deutsche, Franzosen. Expats und Ausländer; ich bin immer noch ein Auswärtiger. Unser Barkeeper? Die Frau hinter der Theke.’
(Quelle: Travelsofadam.com)

 

Eine weitere Erfindung der DDR

Obwohl ich dies alles weiß, kam es mir nie in den Sinn, dass der Späti eine ostdeutsche Erfindung sein könnte. Die DDR wollte den Bedürfnissen der Schichtarbeiter Rechnung tragen, die nicht die Möglichkeit hatten, ihre Einkäufe während der regulären Öffnungszeiten der Geschäfte zu tätigen. Die staatliche HO und auch die Konsumgenossenschaft öffneten ’Spätverkaufstellen’ und Geschäfte namens ‘Früh & Spät’. Das heißt nicht, dass die Menschen in der DDR ihre Zigaretten und ihren Alkohol die ganze Nacht über kaufen konnten und so lebten, wie wir das Leben in Berlin heute kennen. Die Geschäfte hatten bis 21 Uhr oder 22 Uhr abends geöffnet. Das ist aber immer noch bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass die Supermärkte in Holland noch um 18 Uhr schlossen, als ich jünger war.

 

In der DDR gab es nicht Hunderte Spätis, aber nach dem Fall der Mauer explodierte ihre Zahl (und sie dehnten sich schnell in den Westen der Stadt aus). Wie man sie findet? Ein Blick auf ‘Spätifinder’ genügt, eine geniale Website, die versucht, alle Spätis in Berlin zu erfassen. Ihr Slogan: „Ob 24h geöffnet, absoluter Kieztreffpunkt, mit sprechendem Papagei oder Massagestuhl als Attraktion – wir wollen sie alle!” Die Karte ist beeindruckend: In Berlin scheint es keine Straße ohne einen Späti zu geben.
Aber Moment mal! Wenn man etwas in die Karte hineinzoomt, in die Gegend östlich vom Alexanderplatz und südlich vom Volkspark Friedrichshain. Dort findet man den Strausberger Platz und die Karl-Marx-Allee, meine wunderschöne Straße. Und, was siehst du? Wie viele Spätis gibt es dort? Keine! Die Karte zeigt einen auf der Friedenstraße, direkt neben dem Park, der existiert aber nicht mehr. Ich glaube, ich habe es geschafft, in die einzige Straße zu ziehen, in der es keinen Späti gibt. Was soll man dazu sagen? Die zwei am nächsten liegenden sind 15 Minuten Fußweg entfernt – und das ist zu weit weg, wenn man nur ein Bier oder einen Kaffee haben möchte.

Rettet den Späti!

Ja, ich sollte mich dafür einsetzen, dass ein Späti in der Karl-Marx-Allee eröffnet wird, wie ich es schon kurz in einem meiner ersten Blogeinträge über Berlin-Mitte getan habe. Im Moment scheint jedoch ein anderer Punkt dringlicher zu sein. Denn die Existenz aller Spätis in Berlin ist gefährdet, da es ihnen offiziell nicht erlaubt ist, an Sonntagen geöffnet zu sein. Wirklich?! Das Gesetz ist ziemlich kompliziert: Geschäfte, die nichts außer Zeitungen, Zeitschriften, Blumen, Brot und Milch verkaufen, dürfen sonntags öffnen, aber nur bis 16 Uhr. Touristengeschäfte, die Stadtpläne, Souvenirs und Sandwiches verkaufen, dürfen an Sonntagen zwischen 13 Uhr und 20 Uhr geöffnet sein. Aber Spätis verkaufen darüber hinaus ja viel mehr; Toilettenpapier und Tiefkühlpizzas sind aber verboten.

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Wer braucht Bars und Cafés, wenn es Spätis gibt? Quelle: Daphne Daamians

Öffnen die Spätis dennoch, riskieren sie ein Bußgeld von 2.500 Euro. Deshalb ziehen immer mehr Späti-Besitzer es vor, ihre Läden sonntags geschlossen zu halten, obwohl es für sie der wichtigste Tag in der Woche ist. Eine verrückte Situation nach Meinung vieler in Berlin, so dass eine Online-Petition sich für eine Änderung des Gesetzes einsetzt. 30.000 haben in den ersten drei Monaten bereits unterzeichnet, inzwischen ist die Zahl auf fast 40.000 gestiegen. Insgesamt werden 50.000 Unterschriften benötigt, so dass #RettetdieSpätis noch weiter kämpfen muss.