Strausberger Platz: Gipfeltreffen der Architekten

Das sich an einem Architekturdenkmal Architekten niederlassen, liegt auf der Hand. Im Fall des Strausberger Platzes und der Karl-Marx-Allee ist es ein Gipfeltreffen – hier trifft das Heute im Gestern auf das Morgen.

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Architekturdenkmal Strausberger Platz, Quelle: Ringo Paulusch

David Adjaye: Vordenker mit Vorliebe für schwarz

David Adjaye ist ein international gefeierter Star. Mit Büros in London, New York und Berlin. Und wo in Berlin? Auf der Karl-Marx-Allee. Wo sonst. Der Brite ist das, was Insider als einen „Architekten der Architekten“ bezeichnen. Er ist weniger auf dem öffentlichen Radar, als ein Vordenker seiner Zunft, er hat Bücher veröffentlicht, die Architektur neu denken. Er arbeitet mit vielen Künstlern zusammen, so mit Olafur Eliasson für einen Pavillon. Auch er, Eliasson, der mit der Tate Modern und dem MoMA New York arbeitet, hat sein Atelier in Berlin. Also sind es eigentlich zwei Berliner mit Wurzeln in England und Dänemark… das ist zugegebenermaßen etwas überspitzt ausgedrückt.

Adjaye baut nicht nur mit, sondern auch für Künstler. Sein „Dirty House“ in London zum Beispiel ist aufsehenerregend. In Berlin hat er auch seine Spuren hinterlassen. Jetzt wird es persönlich: Wenn Sie das nächste Mal am Strausberger Platz mit dem Rücken Richtung Alexander Platz stehen, dann werfen sie doch mal einen Blick auf die rechte Seite des Rondells und da auf den Turm am Ausgang zur Karl-Marx-Allee. Dahinter verbirgt sich die Wohnung eines Kunstkenners, die David Adjaye gestaltet hat. Oder das Domizil der „Lifestyle-Päpstin“ und Verlegerin Angelika Taschen. Ein klassischer Altbau in Prenzlauer Berg, sensibel modifiziert vom David Adjaye-Team. Eines darf für alle Bauten verraten werden: David mag schwarz. An der Karl-Marx-Alle die Wohnung, bei Angelika Taschen der Flur und beim „Dirty House“ die Fassade.

Gonzalez Haase: deutsch-spanische filigrane Präzision

Hell luftig und leicht – das ist das Lebens- und Architekturgefühl des Büros Gonzalez Haase. Das Team residiert in einem der Türme des Strausberger Platzes mit Blick auf den Alexander Platz. Judith Haase hat sogar ihre Wohnung dort, Pierre Jorge Gonzalez „nur“ seinen Arbeitsplatz. Seit 1999. Zuvor, und das war auch der Ort ihres Kennenlernens, waren beide bei Robert Wilson engagiert. Der faszinierende Allroundkünstler hat in den Hamptons vor den Türen New Yorks einen Think-Tank, der mindestens einmal im Jahr, wenn er sein Sommerfest mit Gästen wie Lady Gaga und Marina Abramovic macht, in der Presse frenetisch gefeiert wird. Der Theatermann hat durch seine entschleunigten Inszenierungen weltweiten Ruhm erlangt. Das gilt auch für die Bühnenbilder, die filigran und zugleich präzise sind. Und hier wird aus dem ehemaligen Arbeitgeber von Gonzales Haase eine Spiritus Rector: Filigrane Präzision beschreibt den Stil des Büros immerhin annähernd. Egal, ob es um den Store des schwedischen Modelabels ACNE, um Galerien, die Umwandlung eines ehemaligen Warenhauses in Wohnungen und Ateliers oder um Installationen geht – das deutsch-spanische Team verdichtet Atmosphäre.

Daneben wirkt Peter W. Schmidt, der in Berlin seine Dependance hat, beinah bodenständig. Blöcke und Quader – unaufgeregt aber gerne genommen von privaten Bauherren. Und dann das Büro von Schmitt van Holst. Sie gehen mit ihren Entwürfen etwas mehr aus der Deckung. Zanderroth Architekten haben da mehr Sexappeal. Von Wohnbau bis zum Ferienhaus. Erklärter Liebling des Autoren: Das Haus Biesenthal von Zanderroth. Ein klassizistisches Wohnhaus irgendwo im Brandenburgischen, die Fassade trägt noch Einschusslöcher des Zweiten Weltkriegs und der Anbau, der die beinah verfallenen Gebäude mit ausgeklügelter Statik vor dem Einsturz rettet, hat den Verve einer David Chipperfield Architektur. Gleichzeitig ist sie ein Link zur Karl-Marx-Allee. Wie kann Architektur der „Kitt“ der Geschichte sein? Die Spurensuche für die Architekten, die sich an der Karl-Marx-Allee und dem Strausberger Platz niedergelassen haben, beginnt vor der Haustür. Ob sie der sowjetische Neo-Klassizismus beeinflusst? Judith Haase bringt es für alle auf den Punkt: „Beeinflussen ist sicher zu hoch gegriffen. Aber die Atmosphäre inspiriert. In die eine oder andere Richtung.“

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Wohnort und Arbeitsplatz internationaler Architekten, Quelle: Ringo Paulusch