Tanz die Allee

Paraden auf der Karl-Marx-Allee? Das hat ein „Geschmäckle“, waren es doch zu Mauerzeiten waffenstarrende Aufmärsche. Die Version 2015 am 25. Juli tanzt sich lieber den Weg durch die Stadt.

Sabine Knopp-Didlaukies#
Quelle: Sabine Knopp-Didlaukies, zugderliebe.org

„Friede, Freude, Eierkuchen.“ – so das Motto der ersten Love Parade und auch die „ergreifenden“ Worte, die Spektakel-Impresario Dr. Motte an die Tanzwütigen richtete. Über eine Million taumelten 2006 durch den Tiergarten. Zu groß, zu uncharmant, zu viel bum-bum, die Love Parade gibt es nicht mehr. Apropos bum-bum: Auf der Karl-Marx-Allee zogen zum 40. Jahrestag Stund um Stund die Werktätigen und Waffenträger an den Machthabern vorbei. Gorbatschow war so gelangweilt, dass er auf einem der Plätze in der ersten Reihe ein Nickerchen machte. Le temps passé – sowohl für politische Blockheads als auch für das Partydrogenspektakel mit Trash-TV Qualität.

Und so entsteht neues im alten. Das erste Programm des deutschen Fernsehens wirbt mit dem „pfiffigen“ Slogan: „Bei uns sitzen sie in der ersten Reihe“ – HA! Am Strausberger Platz und der Karl-Marx-Allee sitzt man wirklich in der ersten Reihe. Live und in Farbe. Bis dato war es der Berlin Marathon, der am Platz sein Hauptquartier hatte. Wahlweise trabten die Läufer hier vorbei oder los, oder konnten sich in extra aufgestellten Zelten ins Sportoutfit werfen. Für die Bewohner vom Platz immer wieder etwas Neues. Das andere Großevent – das muss man mögen…die Biermeile ist in aller Offenheit nicht mein Geschmack, dauert aber auch nur drei Tage Anfang August. Seit 1997 gibt es das Gelage, bei dem über 200 verschieden Biersorten zum Einsatz kommen. Was durchaus beeindruckend ist.

Ganz ohne Gerstensaft wird wohl auch die neueste Veranstaltung nicht auskommen. Ende Juli wird wieder auf Berliner Straßen getanzt. Und meines Wissens zum ersten Mal (nach Mauerfall) auf der Karl-Marx-Allee und am Strausberger Platz – nimmt man den Stechschritt der DDR-Paraden überhaupt als ansatzweise tänzerische Bewegungstherapie. 2015 hat sich der Wind, was die Ausrichtung einer Parade angeht, deutlich gedreht: Die Veranstalter sind weder ohne Haltung (siehe Dr. Motte), noch mit einem Feindbild unterwegs (siehe Erich H.). Sie sind FÜR etwas. Für ein weltoffenes Deutschland, für ein breitgefächertes Kulturangebot, für nachhaltige Stadtentwicklung, für Jugendförderung. Wenn auf der Parade mit dem Namen „Zug der Liebe“ mit den Füßen aufgestampft wird, dann nicht aus Zorn, sondern aus Rhythmusgefühl. Ist das nicht herrlich? Und noch herrlicher: Die Parade (vorläufige Route) führt über die Karl-Marx-Alle (zwischen Petersburger Straße und Straße der Pariser Kommune), über den Strausberger Platz und über die Spree. Von zehn Wagen aus werden die Mitläufer beschallt, aber: „Wir wollen kein Revival der Loveparade. Es ist eine Demonstration für mehr Miteinander und Toleranz“, so der (Mit-)Veranstalter Jens Hohmann.

misterQM-photocase.de
Quelle: misterQM, photocase.de

Die Bewohner des Strausberger Platz, die jetzt nicht so die 100%igen Fans der zeitgenössischen Musik sind, haben also nur ein ganz kurze Leidensphase. Und wie mir die Dame aus dem siebten Stock, die immerhin deutlich über 70 Jahre alt ist, versicherte: „Ick find dit dufte, wenn die jungen Leute feiern.“ Sie wird sich bestimmt noch an andere Zeiten erinnern: „So wird es für immer bleiben.“, sagte der Staatsratsvorsitzende Erich Honnecker auf der Parade zum 40. Jahrestag der DDR. Tja, war wohl nix. Zum Glück. Die Veranstalter des „Zugs der Liebe“ schreiben: „Vor 25 Jahren lagen wir uns beziehungsweise unsere Eltern sich nach 40 Jahren wieder in den Armen. Da hatte niemand dran geglaubt. “ Allein das ist ein Grund zu feiern.