The Power of Now

Bis 20. Januar werden am Strausberger Platz in der Galerie alamak! Kunststücke gezeigt. Design? Handwerk? Kunst? Die Unterschiede muss der Besucher machen.

alamak

In einem Gespräch über Einrichtungsstile in Berlin sagt Mateo Kries, Direktor des Vitra Design Museums, mal zu mir, er vermisse neue, avantgardistische Einrichtungskonzepte in der deutschen Hauptstadt. Und er hat recht. Wahlweise Altbauwohnungen mit Stuck in denen der unvermeidliche Eames Chair, so schön er auch seinen mag, lauert. Oder das umgebaute Loft mit dem unvermeidlichen Eames Chair… Oder der Neubau mit den bodentiefen Fenstern und dem…
Quellen für die Designklassiker gibt es einige in der Stadt, vom „Stilwerk“ über das Einrichtungshaus „DIE VILLA“ im Grunewald oder „Rooms Interior“ auf der Leipziger Straße. Connaisseurs lassen sich bei AM – dem Shop von Andreas Murkudis in der Potsdamer Straße, inspirieren, oder vom Angebot bei Clara Stil auf der Rosa-Luxemburg-Straße. Jedoch gibt es in Relation zur Größe Berlins wenig Möbelläden oder Galerien, die jungen, gerne auch mal verrückten Designern eine Spielfläche anbieten.

alamak berlin

alamak2

Alamak! ist eine solche Galerie, die ein wenig das Vakuum füllt. Der Macher dahinter, ein Amerikaner namens Timothy Power mit Wohnsitz in Mailand, ist dort Professor an der Polytechnischen Universität. Er hat für Marken wie Poltronova, WMF, Rosenthal, FontanaArte, Mitsubishi und Cassina schöne Dinge entworfen.
Für alamak! hat er eine Ausstellung konzipiert, die jetzt um die Welt tourt. Mit einem Stopp in Berlin und zwar, wie könnte es anders sein, am Strausberger Platz.
In einem Ladenlokal im Erdgeschoss werden die Exponate zehn asiatischer Designer (?), Künstler (?) gezeigt. Bis es am 20. Januar zum nächsten Stopp nach Los Angeles weitergeht.

GUNJAN2-800x527
Gadda Throne, GUNJAN GUPTA; Quelle: alamak!

Mit einem Sessel ist man natürlich noch weit davon entfernt, dem von Mateo Kries herbeigesehnten avantgardistischen Wohnkonzept nahe zu kommen. Aber es ist nun auch nicht jedermanns Sache, sich darüber Gedanken zu machen. An Konzepten für das Wohnen von morgen sollen sich mal schön die Vordenker selber versuchen. Und von denen gibt es in Berlin ja genügend. Der Sessel, der angesprochen wurde, stammt von der Inderin Gunjan Gupta und ist ein Hybrid. Recycelte Fahrradsättel kombiniert mit gerollten Matten als Lehne, die einen Seidenbezug erhalten haben. Die Kollektion, aus der der Sessel stammt, heißt „Rasta Recycle“. Da fragt man sich, ob man irgendwas verpasst hat: Eine Inderin wird von einem Amerikaner in Deutschland mit einem Exponat gezeigt, das als Titel auf eine jamaikanische Religion verweist, die einen äthiopischen Kaiser als Inspiration hat. Overkill an Informationen. Aber der Sessel, und da wird es ganz bodenständig, ist ein Hingucker. So präsentiert ihn auch der Kurator Timothy Power: direkt am Eingang, das erste Stück, das der Besucher erblickt.

alamak3
I AM A MONUMENT ‒ CCTV 2014, NAIHAN LI; Quelle: alamak!

Es geht weiter mit dem CCTV Tower. Das 44 Stockwerk hohe Gebäude des chinesischen Fernsehens aus Peking als Kommode.
Und den Tassen, die wie siamesischen Zwillinge aneinanderhängen.

alamak4
twintsugi 2016, JO NAGASAKA; Quelle: alamak!

Der Japaner Jo Nagasaka belebt eine Tradition seines Landes neu. Zerbrochenes Porzellan wurde im Land der aufgehenden Sonne mit Gold als Klebstoff wieder repariert, es entstanden ganze Landschaften aus Scherben, alle geprägt vor der Hochachtung gegenüber dem ursprünglichen Stück, das nur, weil es kaputtging, noch lange kein Abfall ist.

Die gesamte Ausstellung ist von dieser Poesie des Alltags geprägt. Jedes Stück animiert, sich mit der Geschichte zu beschäftigen. Geschichte wird lebendig. Und einer der besten Orte, das zu erleben, ist in Berlin der Strausberger Platz. Von daher haben die Macher von alamak! einen Volltreffer gelandet, hier ihre Stücke zu zeigen. Ob Los Angeles da mithalten kann? Man wird sehen.