Traumfabrik DEFA – eine kleine Geschichte des DDR Kinofilms

Die Deutsche Film-AG, kurz DEFA, wurde 1946 in Ostberlin gegründet und produzierte bis zu ihrem Ende im Jahr 1992 über 700 Spielfilme, 750 Trickfilme und 2250 Dokumentarfilme. Viele Produktionen überwanden die Mauer nicht, doch einige schafften es doch und feierten in der Bundesrepublik sowie international große Erfolge. Was waren die Kassenschlager, was die Evergreens, was die Geheimtipps? Eine kleine Geschichte des DDR-Kinofilms.


Zeit für Kino – Die Film-Highlights der DDR

Märchen, Oskarnominierungen, Kultfilme – die Erfolge des DDR-Kinos

Wie alle staatlichen Institutionen der DDR hatte auch die landeseigene Traumfabrik eine politische Agenda: Es galt, die Menschen durch den Film „zu sozialistischen Bürgern zu erziehen“. Doch immer wieder gelang auch Filmkunst und gute Unterhaltung fernab erzieherischer Maßnahmen, und zwar meist dann, wenn sich die Filmschaffenden thematisch nicht auf politisches Terrain wagten. Vielleicht sind deshalb so viele nennenswerte Märchenfilme in der DDR entstanden – unter ihnen auch der erfolgreichste DEFA-Film aller Zeiten, „Die Geschichte vom kleinen Muck“ von 1953. Sagenhafte 12.990.352 DDR-Zuschauer (Zahlen inklusive Westberliner Zuschauer) besuchten „Muck“ im Kino, und das bei einer Gesamtbevölkerung von gut 18 Millionen.

„Jakob der Lügner“, 1974 von Frank Beyer mit Vlastimil Brodský verfilmt, schaffte es nicht nur in westdeutsche Kinos, sondern auch nach Hollywood. Drei Jahre nach der Veröffentlichung wurde er für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert, ging aber bei der Preisverleihung leer aus. 1999 wurde ihm dieselbe Ehre zuteil wie zahllosen anderen erfolgreichen Filmen aus Europa: „Jakob“ wurde mit Robin Williams und Armin Müller-Stahl in den Hauptrollen neu verfilmt.

Ein Film, der bis heute durch seine Experimentierfreude, seine coole Rockmusik und seine charmanten Hauptdarsteller besticht, ist „Die Legende von Paul und Paula“ von 1973. Eine Liebesgeschichte mit phantastischen Elementen, die Erich Honecker trotz Widerständen gegen die Aufführung persönlich freigab, weil er hoffte, mir ihr junge Zuschauer zu erreichen. Die Fahrt auf dem Spreekahn, bei der das Paar Paulas Ahnen begegnet, bleibt unvergessen, ebenso wie die Untermalung mit Musik von den Puhdys: „Geh zu ihr und lass deinen Drachen steigen“. Der Film rockt, obwohl seine Figuren scheitern – eine Metapher auf das System?

Kaninchenfilme – das DDR-Kino und die Zensur

„Das Kaninchen bin ich“ war eine 1965 entstandene Literaturverfilmung, die sich kritisch mit der staatlichen Strafjustiz auseinandersetzte und nicht zur Ausstrahlung freigegeben wurde. Ihr Titel avancierte bald darauf zum Überbegriff für alle Filme, die im Giftschrank landeten. Hier zwei weitere: „Die Spur der Steine“ mit Manfred Krug wurde 1966 bei den 8. Arbeiterfestspielen in Potsdam uraufgeführt, lief danach drei Tage im Kino und wurde dann wegen seiner „antisozialistischen Tendenzen“ verboten. Ähnlich erging es dem Jugendfilm „Insel der Schwäne“ von 1983. Zwar kam er in die Kinos, doch bevor es soweit war, fielen zahlreiche Szenen und Ausschnitte der Zensur durch SED-Behörden zum Opfer, mussten entweder nachgedreht oder schlicht gestrichen werden. Selbst in modifizierter Form stieß der Film nach der Veröffentlichung auf harte Kritik in DDR-Medien, weil er das sozialistische System „verzerrt“ darstelle und die DDR zu einer Betonwelt herabwürdige.

Indianer in der DDR – Abenteuerfilme und exotische Welten

Westdeutschland hatte Pierre Briece als Winnetou – Ostdeutschland hatte Gojko Mitić. Der in Jugoslawien geborene Schauspieler verkörperte in fast allen DEFA-Indianerfilmen den Häuptling und war, wie sein westdeutsches Pendant, absoluter Frauenschwarm und Garant für volle Kinosäle. Insgesamt 16 Indianerfilme, deren Bezeichnung als „Western“ in der DDR aus offensichtlichen Gründen lange Zeit verpönt war, entstanden seit den Sechzigern in den DEFA-Studios. Ein Drittel dieser Filme schaffte es in die Top 50 der erfolgreichsten DDR-Streifen, mit „Söhne der großen Bärin“ als erfolgreichstem auf dem respektablen vierten Platz. In den ostdeutschen Produktionen ging es, anders als in den USA, um das Schicksal der geplagten Indianer, die Umkehrung des Themas aus Hollywood. Passende Landschaften fand man in der Heimat des Hauptdarstellers. Für die große Bärin wurde in Montenegro gedreht, für „Weiße Wölfe“ beispielsweise im Karstgebirge zwischen Split und Vrlika.

Obwohl sich die Indianerfilme gegen kapitalistisch und imperialistisch motivierte Eindringlinge richteten und implizit eine Systemkritik an westlichen Werten und der Kolonialgeschichte übten, identifizierten sich viele ostdeutsche Indianerfans auf andere Weise mit den Ureinwohnern Amerikas: Sie sehnten sich deren freies Leben herbei. Als Reaktion auf die Filme formten sich in der DDR gut 50 „Kulturgruppen zur Pflege des indianischen Brauchtums“ mit über 1.000 Mitgliedern, die bis 1989 bestanden. Als Indianer verkleidet im Tipi kampierend, kamen viele zumindest in ihrer Freizeit dem Traum von einem selbstbestimmten Leben näher. Indianer wurden zum Symbol des Freiheitskampfes – ein Beispiel für die Souveränität und den Einfluss des DDR-Kinos, das an der Zensur vorbei Impulse gab und Bedürfnisse befriedigte, die so von der SED sicher nicht intendiert worden waren.