Überlebensgroß

Eine wunderbar intime Ausstellung der Fotografin Esther Friedman können Sie aktuell auf der Karl-Marx-Allee in Berlin besuchen: Iggy Pop und David Bowie im Berlin der 70er Jahre.

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Quelle: Esther Friedman – Hubertushoehe Art + Architecture

Eine neue Galerie an der Karl-Marx-Allee

In der Nummer 98 auf dem Boulevard wird gerade einem der größten Künstler der Epoche gehuldigt: David Bowie. Zu früh gestorben (10. Januar 2016). Aber als Abschiedsgeschenk an die Welt wurde sein letztes Album „Blackstar“ zwei Tage vor seinem Ableben veröffentlicht. Es war das fünfundzwanzigste in seiner Karriere als Musiker. Drei davon sind in Berlin entstanden – Low, Heroes und Lodger.

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Quelle: Esther Friedman – Hubertushoehe Art + Architecture

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Quelle: Esther Friedman – Hubertushoehe Art + Architecture

Von 1976 bis 1978 bewohnte er eine Sieben-Zimmer-Altbauwohnung in der Hauptstraße 155 im West-Berliner Stadtteil Schöneberg. Später, viel später, lebte im gleichen Haus der amerikanische Autor Jonathan Franzen („Freiheit“, „Die Korrekturen“)…aber das ist eine andere Geschichte.
David Bowie auf jeden Fall hat eine der Hymnen schlechthin in Berlin komponiert: Heroes. Kreativ auf einem Höhepunkt, biografisch in einem Niemandsland – und das nicht nur, weil Berlin damals noch eine geteilte Stadt war. West-Berlin galt einst als Hauptstadt des Heroins. Und ausgerechnet hier hat Bowie einen Entzug gemacht. Erfolgreich. Er, der Wunder-Wandler, der sich zum zigsten Mal selbst er- und gefunden hat.

Bang Bang. Hauptstrasse 1978
Quelle: Esther Friedman – Hubertushoehe Art + Architecture

Iggy Pop, der eigentliche Erfinder des Punk

Bowie war nicht nur mit Iggy Pop unterwegs, sondern lebte auch mit ihm – noch so einem kreativen Grenzgänger. Iggy Pop, der eigentliche Erfinder des Punk, nahm in Berlin mit Bowie als Produzent sein Album „Lust for Life“ auf – seine bis dato erfolgreichste Single daraus ist The Passenger. Der Song erzählt von einer S-Bahn-Fahrt durch Berlin. Ende März kommt sein 17. Album „Post Pop Depression” auf dem Markt. Mit einem Song über Berlin.

IP - U Bahn
Quelle: Esther Friedman – Hubertushoehe Art + Architecture

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Quelle: Esther Friedman – Hubertushoehe Art + Architecture

In Iggy‘s Berliner Jahren lernte er 1976 Esther Friedmann kennen und lieben.
Friedman, ihres Zeichens Fotografin, hat die Zeit mit Pop und Bowie mit der Kamera festgehalten. Nach 40 Jahren werden die Bilder jetzt das erste Mal in Berlin gezeigt. Und zwar auf der Karl-Marx-Alle.

Esther and Iggy Pop 1978
Quelle: Esther Friedman – Hubertushoehe Art + Architecture

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Quelle: Esther Friedman – Hubertushoehe Art + Architecture

„No Idiot 2“ – eine Zeitreise

Esther Friedmann berichtet im Interview mit der „Zeit“ , dass sie zusammen mit Bowies Mercedes und dessen Chauffeur regelmäßig in den damaligen Osten fuhren. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kamen sie also auch an der Karl-Marx-Alle 98 vorbei. Dort ist jetzt unter dem Titel „No Idiot 2“ eine Zeitreise möglich: Schlaghosen auf Hüfthöhe, Lederjacken im Biker-Look, lässige Posen und Straßenzüge, die über die Bilder hinaus noch einen Geruch von Bohnerwachs und Sauerkraut versprühen…es ist beinahe verwirrend, den Alltag von zwei Stars zu sehen, die sich von der Kamera einfingen ließen wie ganz normale Menschen. Nahbar.

Rosalia-IP-mit Rosalia nach Mastektomie, Berlin1979
Quelle: Esther Friedman – Hubertushoehe Art + Architecture

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Quelle: Esther Friedman – Hubertushoehe Art + Architecture

In der Ausstellung zu sehen gibt es zum Beispiel einen Iggy Pop, wie er in einem fiesen V-Ausschnitt Pullover am Fenster steht. Ein Foto, wie es in tausenden privaten Fotoalben der Genreration 50plus auch gibt.
Auch das Heim der beiden Stars: lebensnah bis hin zur Spießigkeit. Der Fernseher in der Ecke, sogar mit Petitessen dekoriert. Beinahe angestrengt sucht man auf den Bildern nach einer Selbstinszenierung à la Madonna oder Lady Gaga, die ab den 90er Jahren das Zepter der Popmusik in die Hand genommen haben.

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Quelle: Esther Friedman – Hubertushoehe Art + Architecture

Stattdessen werden zwei junge Männer gezeigt, die den Wunsch entstehen lassen: „Lasst uns doch mal auf ein Bier treffen!“
Aber dann kommt der Moment, an dem man die Ausstellung der Galerie Hubertushoeheart verlässt und die weite Karl-Marx-Allee entlang spaziert. Und hier taucht erneut ein Bild vor dem geistigen Auge auf: Iggy Pop, der über der Kühlerhaube von einem Wartburg liegt – dem Vorzeigeauto in der DDR. Hier sind sie lang gefahren. Ich bin mir sicher.

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Quelle: Esther Friedman – Hubertushoehe Art + Architecture