Und tschüss, Berlin – du warst einfach wunderbar!

Also, das war‘s dann. Nach zwei Jahren mache ich Schluss mit Berlin. Wobei „Schluss machen“ es nicht ganz trifft; auf Facebook wäre unser Beziehungsstatus wohl „Es ist kompliziert“. Berlin ist und bleibt meine große Liebe, aber die Sehnsucht nach den Niederlanden und all meinen dortigen Freunden und Verwandten wächst trotzdem. Scheiden tut weh – dafür nehme ich wundervolle neue Freunde, tonnenweise Erinnerungen und einige wertvolle Lehren fürs Leben mit nach Hause. Damit ich diese Lehren nicht vergesse und damit vor allem auch Menschen davon profitieren können, die nicht die Chance haben, selbst in Berlin zu leben, möchte ich meinen letzten Blog-Beitrag dazu nutzen, sie mit meinen Lesern und Leserinnen zu teilen.

Central Berlin - Berliner Rathaus
Dauerbaustelle Berlin. Bildquelle: Daphne Damiaans

Nichts bleibt jemals, wie es war

Wenn eine Stadt wie Berlin einem eins beibringt, dann dies: Nur der Wandel ist beständig. Wer zuletzt vor zehn Jahren hier war, würde große Teile der Stadt nicht mehr wiedererkennen – Bars und Restaurants wechseln immer wieder den Besitzer, Gebäude werden saniert oder abgerissen, ganze Parks neu angelegt, und wohin man auch schaut, sind Kräne emsig dabei, Wohnhäuser und Einkaufszentren aus dem Boden zu stampfen. Schade eigentlich, finden viele Alteingesessene: War doch alles gut so, wie es war, und Berlin soll seinen ureigenen Charme bloß nicht verlieren!

Trotzdem gewöhnen gerade diejenigen, die schon am längsten hier sind, sich am schnellsten an neue Zustände – schließlich kennen sie das ja schon. Seit dem Krieg verändert Berlin sich laufend, und daran wird sich wohl auch in Zukunft nichts ändern. Gerade das Unfertige macht den Reiz dieser Stadt aus. Das gilt auch für die Menschen, die hier leben: Berlin ist perfekt als Zwischenstation geeignet. Man verweilt hier für ein paar Jahre und zieht dann weiter. Deswegen ist auch der eigene Freundeskreis ständig im Wandel. Altbekannte Gesichter sind plötzlich weg, neue stoßen hinzu, und das ist okay so.

Für echte Freunde ist kein Weg zu weit

Irgendwie werde ich noch immer nicht das Gefühl los, dass es ein bisschen egoistisch von mir war, in ein anderes Land umzuziehen. Was für mich ein großes Abenteuer war, bedeutete für die Zurückgebliebenen bloß, dass ich mich lieber in irgend so einer deutschen Stadt verlustierte, als mit ihnen Spaß zu haben. Stimmt natürlich nicht, aber trotzdem … Bei meiner Abschiedsfeier legte ich meinen sämtlichen Freunden und Verwandten immer wieder nahe, sie sollten mich auf jeden Fall besuchen kommen, ich hätte immer Platz für sie. Damals konnte ich ja nicht ahnen, dass wir während unseres gesamten ersten Jahres fast jedes Wochenende Gäste haben würden – und im Zweifelsfall auch unter der Woche. Am Ende waren Mark und ich von den ganzen Besuchen so erschöpft, dass wir sie auf Wochenenden beschränkten.

Central Berlin - Fotos Kühlschrank
Unser Kühlschrank nach einem Jahr in Berlin. Bildquelle: Daphne Damiaans

Auch im zweiten Jahr gab es noch ganze Monate, in denen wir jedes Wochenende Fremdenführer spielen durften, und als unser allerletzter Besuch vor ein paar Wochen abreiste, waren wir ehrlich gesagt ein wenig erleichtert. Trotzdem: Ich finde es unglaublich, wie viel Mühe, Zeit und Geld unsere Freunde und Verwandten aufgewandt haben, um uns zu sehen. Für manche war es eine schöne Gelegenheit, nach Berlin zu kommen; anderen (meinen Eltern und meiner Schwester zum Beispiel) war Berlin spätestens nach dem dritten Besuch völlig schnuppe.

Tanzen und tanzen lassen

Ein Kumpel, der vor ein paar Jahren ebenfalls von Holland nach Berlin gezogen ist, hat mir erzählt, wie er mal in Amsterdam in einem Techno-Club war. Klasse Musik, cooles Publikum, alle hatten Spaß. Dann fiel ihm auf, dass einige Leute sich über ein Mädchen auf der Tanzfläche lustig machten. Sie war offenbar ein bisschen betrunken oder high – nichts Ernstes, aber vielleicht war sie deswegen ein bisschen extrovertierter drauf als sonst. Mein Kumpel echauffierte sich nicht etwa über das Mädchen, sondern über die Leute, die es für nötig hielten, über sie zu lästern.

Central Berlin - Tempelhofer Feld
Silvester mit holländischen Freunden auf dem Tempelhofer Feld. Bildquelle: Daphne Damiaans

In Berlin würden die übrigen Partygäste sich nur überzeugen, dass es ihr gut geht, und sie dann in Ruhe lassen. In Holland wird man schief angeguckt, sobald man sich aus der Masse abhebt. Mir ist das auch aufgefallen, als ich in Amsterdam wohnte: Alle gehen in die gleichen angesagten Bars, tragen die gleichen angesagten Schuhe und sehen die gleichen angesagten Fernsehserien. Klar gibt es auch in Berlin Leute, die alles nachmachen, was andere tun – aber hier gibt es so viele Subkulturen und so viele Clubs und Kneipen, dass für jeden noch so idiosynkratrischen Geschmack das Richtige dabei ist. Und wenn man in keine Schublade passt, ist das auch okay – oder sogar erst recht okay, denn das bedeutet, dass man sich die eigenen Vorlieben von niemandem diktieren lässt.

Central Berlin - Straßenfest Berlin
Auf einem der vieler Berliner Straßenfeste. Bildquelle: Daphne Damiaans

Zu schön, um wahr zu sein? Nicht unbedingt

Die Geschichte erzähle ich immer noch gerne auf jeder Party und werde es wohl weiter tun, solange ich lebe: wie ich eine Wohnung im Herzen von Berlin gewonnen habe und dort zwei Jahre lang leben durfte, ohne Miete zu zahlen. Erst als ich die Haustürschlüssel in der Hand hielt, konnte ich wirklich glauben, dass das kein Traum war. Dabei hatte ich zunächst gezögert, an dem Schreibwettbewerb teilzunehmen, bei dem ich diese Wohnung gewann – ich dachte, das wäre sowieso nur Zeitverschwendung. Wenige Wochen später zog ich in meine neue Wohnung ein.

Central Berlin - Wohnung
In unserer neuen Wohnung. Bildquelle: Daphne Damiaans

Mag sein, dass das ein extremes Beispiel ist, aber ich habe daraus gelernt, an (kleine) Wunder zu glauben und daran, dass das Leben es gut mit mir meint. Ohne allzu „The Secret“-mäßig rüberkommen zu wollen: Manchmal lohnt es sich, den eigenen Träumen und Ambitionen zu folgen. DDR-Geschichte zu studieren, war sicher keine sonderlich kluge Karriereplanung. Aber mir hat es Spaß gemacht, und letztendlich hat es mir diese tollen zwei Jahre in Berlin beschert.