Verbotene Genüsse

Man kann sich das kaum vorstellen: ein Land ohne Pizza. Keine Margherita, keine Calzone, keine Quattro Formaggi. Als in der BRD die ersten Pizzerien aufmachten, war die Delikatesse aus dem kapitalistischen Süden in der DDR ebenso verpönt wie Hamburger und Hot Dogs. Wer Appetit auf Fastfood hatte, musste mit Currywurst vorliebnehmen. Freilich unterschätzte die DDR-Führung die unaufhaltsame Macht der Pizza, die letztlich doch die innerdeutsche Grenze überwand.

Exotische Kost aus den sozialistischen Bruderstaaten

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war Pizza außerhalb Italiens schwer aufzutreiben. Das weltweit erste Restaurant mit Pizzaofen war wohl die 1830 eröffnete Antica Pizzeria Port‘Alba in Neapel. Die deutsche Pizzageschichte begann erst am 24. März 1952 mit der Eröffnung einer Pizzeria namens Sabbi di Capri in Würzburg. Zu verdanken ist sie den italienischen Gastarbeitern, die ähnlich wie die Einwanderer aus den Balkanländern und später der Türkei ihre heimischen Spezialitäten mit nach Deutschland brachten und so den Bundesbürgern beibrachten, dass die Möglichkeiten der Kochkunst mit Sauerkraut und Würstchen noch lange nicht ausgereizt sind.

Im Osten des Landes lagen die Dinge – wie so oft – etwas anders. Die DDR-Regierung ließ sowieso kaum Einwanderer ins Land, daher fand auch kein kulinarischer Import statt. Allerdings hatten einige sozialistische Bruderländer eigene sogenannte Nationalitätenrestaurants in ostdeutschen Großstädten. Berühmt waren vor allem die „Exoten“, die seit den 1950er Jahren in der Berliner Karl-Marx-Allee fremdländische Kost servierten: Moskau, Budapest, Warschau und wie sie alle hießen.

So willkommen die Nationalgerichte aus Russland, Polen, Ungarn und anderen Ostblockstaaten in der DDR waren, so misstrauisch stand die politische Führung westlichen Konsumgütern gegenüber, die als dekadent und gefährlich galten. In Ost-Berlin und anderen Städten der DDR gab es deswegen weder Pizzerien noch Hamburger-Buden oder Hot-Dog-Stände. Für die Bürger und Bürgerinnen des Arbeiter- und Bauernstaats muss Pizza zu den sagenhaften westlichen Errungenschaften gehört haben, die man nur vom Hörensagen kannte – bis in den 1980er Jahren ein findiger Gastronom Abhilfe schuf.

Krusta – die verschwundene Delikatesse

Denn auf einmal tauchten ganz neuartige Restaurants in den Straßen der DDR auf: die Krusta-Stuben. Die Krusta wurde zwar nie offiziell als sozialistische Pizza-Alternative beworben, sie wies jedoch frappierende Ähnlichkeiten mit dem westlichen Pendant auf: ein knuspriger Boden, der mit Käse, Gemüse und Fleisch belegt wurde. Die ersten Krusta-Stuben wurden 1984 eröffnet und waren bald so beliebt, dass es schwierig wurde, einen Tisch zu ergattern. Zu den Favoriten zählten vor allem die Teufelskrusta (scharf gewürztes Fleisch, Paprika, Käse), Spreewaldkrusta (Sauerkraut, Hackfleisch, Sahne) und die Geflügelkrusta (Hähnchen-Gemüse-Mischung). Krustabäcker mussten nicht zuletzt aufgrund der in der DDR herrschenden Mangelwirtschaft eine gewisse Phantasie an den Tag legen.

Dass dieses Gericht aus einem schweren mischbrotartigen Teig jemals als Pizza-Ersatz ernst genommen wurde, kann man sich heute kaum vorstellen. Man muss jedoch bedenken, dass die DDR-Bürger nichts besseres gewöhnt waren. Nach dem Mauerfall wurden die Krusta-Stuben schnell in richtige Pizzerien umgewandelt. Im Internet jedoch schwelgen viele immer noch in nostalgischen Erinnerungen an ihre Krusta: „Statt rund war sie eckig und der Boden war extrem dick. Man konnte sie an diversen Ständen am Alex oder auf dem Weihnachtsmarkt bekommen, aber es gab auch spezielle Krusta-Stuben dafür. Auf der Schönhauser Allee und in der Warschauer Str. war ich selber Krusta essen […] [Man konnte] sich für eine von 10 bis 15 verschiedenen Sorten entscheiden.”

Da war meine Neugier natürlich geweckt, und ich habe mich auf die Spuren der verschwundenen Delikatesse begeben, bin aber bislang nicht fündig geworden. Im 2015 geschlossenen DDR-Restaurant Domklause neben dem DDR-Museum stand Krusta mit Salami, Thunfisch oder Gemüse auf der Speisekarte. Da gibt es nur eins: selber backen.