Vier Pfoten für ein Halleluja

Am Strausberger Platz wohnen nicht nur Menschen. Hunde, auch hier ständige Begleiter, sind ein sozialer Kitt, um ins Gespräch zu kommen. Und zu bleiben.

Titelbild
Quelle: Andreas Tölke

Jimmy rast wie von der Tarantel gestochen um den Ahorn. Die Grünfläche am Strausberger Platz, mit dem mächtigen Baum im Zentrum, ist für den rasanten Mops ein Spielplatz. Der Begleiter von Sabine Ofenbach, ihres Zeichens Herausgeberin von „Texte zur Kunst“ , ist nur einer von vielen haarigen Anhängen hier. Da gibt es noch den leicht hysterischen Mischling des eher schweigsamen Dramaturgen, Mufti, der zu der Songtexterin gehört und Erna, die Labradorhündin des Psychologiestudenten. Und natürlich sieht man hier auch Müller, der Hund des Autoren, der Ihnen diesen Blogbeitrag beschert. Als Müller, eine französische Bulldogge, an den Strausberger Platz kam, habe ich schon Jahre hier gewohnt.

Nachbarschaft
Quelle: Ringo Paulusch

Ohne Hunde sah das Nachbarschaftsverhältnis damals so aus: Im Lift grüßte man sich freundlich, Pakete wurden ab und zu angenommen und verteilt, verbunden mit einem kleinen Plausch an der Tür. Müller, Mufti, Erna und Jimmy haben für ihre Besitzer das soziale Miteinander auf ewig verändert.

Hundenarr
Quelle: prenz / photocase.de

Der Kellner vom Lieblingsitaliener a Mano, direkt am Platz, entpuppte sich als Hundenarr und aus dem anonymen Dienstleister wurde Luigi, der sich jetzt auch schon mal zum Kaffee dazusetzt. Aber was eigentlich viel schöner ist: Die Mitbewohner im Turm, bekannt als Haus Berlin, begrüßen mittlerweile erst den Hund, also Herrn Müller, und dann das Anhängsel an der Leine. Was dazu führt, dass über „groß ist er geworden“, wirkliche Gespräche entstanden sind. Wer fährt wohin in den Urlaub? Was machen die Kinder? —Die Themen, die ad hoc eher oberflächlich erscheinen, werden mit Substanz gefüllt. Das ältere Ehepaar aus der neunten Etage zum Beispiel, das tiefbeeindruckt aus Israel zurückkam. Und schon entstand an der Bank, die auf der Grünfläche beim Hinterausgang ein eher unbeachtetes Dasein fristet, ein Gespräch über die angespannte Situation im Nahen Osten. Geführt zwischen einem zugezogenen Wessi und einem Paar, das den zweiten Weltkrieg erlebt hat, das die DDR kommen und gehen sah und das nun die Reisefreiheit einer demokratischen Republik nach allen Regeln der Kunst ausnutzt.

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Quelle: HG Esch

Komisch, dass man die beiden überhaupt noch trifft, denn eigentlich sind sie dauernd unterwegs. Südafrika steht genauso auf dem Programm, wie ein Wochenende in Paris. Ob es sie je vom Strausberger Platz weg gezogen hat, wo es die Möglichkeit dann doch endlich gab? Beide schütteln den Kopf wie diese Papageienart, die nur als Pärchen glücklich sind. Es ist ihre Heimat, sie haben Ein- und Auszüge erlebt, haben innerhalb des Haus Berlin drei Mal die Wohnungen getauscht. Das war im übrigen Usus: Veränderten sich die Lebensumstände durch Nachwuchs, Scheidung, gar Tod — es gab immer einen, der eine kleinere, wahlweise größere Wohnung brauchte und immer einen, der eben das Gesuchte nicht mehr wollte. Und die Vierbeiner waren — auch im Osten — immer dabei.

Hundebesitzer
Quelle: N.O.B. / photocase.de

Was sich der Neu-Hundebesitzer als erstes anhören durfte, waren die Geschichten der tierischen Hausbewohner. Jeder hatte eine Anekdote parat, zumeist freundliche. Nur der Schäferhund in der sechsten Etage, der dort bis 1994 lebte, hatte wenig Fans. Aber der Dackel, der aus Altersgründen der Besitzer nie einen Nachfolger bekam, der war nach allgemeinem Dafürhalten, der Hit. Was sich geändert hat, ist der Umgang mit den Hunden. War es zu Ostzeiten völlig selbstverständlich, die Vierbeiner tagsüber sich selbst zu überlassen, ist heute Dauerbespaßung die Regel. Die Besitzer tauschen sich in epischer Breite über die besten Dogwalker, deren Tarife und bevorzugten Auslaufgebiete aus. Auch das lässt aus dem gemeinsamen Hobby „Hund“ Freundschaften entstehen. Freundschaften, die so weit gehen, dass Müller nachmittags bei Erna zum Spielen abgegeben wird, oder Jimmy, wenn die Herrin sehr eingespannt ist, bei Müller geparkt wird. Das schönste Bild ist allerdings in den Morgenstunden zu sehen, wenn ein Hundemobil nach dem anderen vorfährt und die Muftis, Müller und anderen Vierbeiner abgeholt werden. Dann geht´s raus in den Grunewald. Währenddessen die Kreativen am Strausberger Platz ihre Meetings und Telefonkonferenzen absolvieren. Und abends? Da treffen sich dann alle wieder unter dem Ahorn. Und Jimmy rast wieder im Kreis.