Vom Hausbuch in die Literatur

In französischen Spielfilmen ist die Concierge eine der zentralen Figuren. Ältere Frauen im Kittelschürzen, die jeden, der das Haus betritt, misstrauisch beäugen.

Amüsant, ungefährlich, maximal ein wenig klatschhaft. So war und ist der Westen. Jeder wie er kann. Vor 67 Jahren, als die DDR gegründet wurde, sah der Hauswart-Job ein klein wenig anders aus. Miefige Parteisoldaten kontrollierten die Bewohner, so auch die in der Karl-Marx-Allee. Und eine besondere Straße hatte natürlich besondere Maßnahmen.

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Am Strausberger Platz 16 ist die Kontrollstation für Besucher der vergangenen Zeiten noch heute sichtbar. Die Concierge-Box liegt in den Arkaden und ist von außen einsehbar. Das mittlerweile eine Galerie dort ihre Heimat gefunden hat, entspricht nur dem Zahn der Zeit, der so viel Positives in der Karl-Marx-Allee bewirkt hat. Nichtsdestotrotz: mit dem Einzug der Erstmieter 1953 installierte das System das so genannte „Hausbuch“, indem das Kommen und Gehen der Besucher akribisch festgehalten wurde. Wie, wann, wie lange, … die Überwachung in der DDR kannte keine Gnade.

Im Café Sibylle, ungefähr auf der Hälfte der Allee gelegen, sind solche Hausbücher noch heute zu bestaunen. Sicherlich keine Literatur, aber ein Zeitdokument.
Den Einzug in die Literatur allerdings hat die Karl-Marx-Allee nicht nur zu Ostzeiten gefunden. In der Regel handelte es sich um staatlich indoktriniertes Gefasel, das die DDR-Prachtallee mit Heiligenschein und Glanz und Gloria darstellte. Von daher: einfach vergessen!

Viel spannender sind Bücher wie zum Beispiel von Victor Grossmann über seinen abenteuerlichen Weg vom Broadway an die Karl-Marx-Allee in Ost-Berlin. Ein Amerikaner, Sohn jüdischer Eltern, deren Vorfahren aus Angst vor Pogromen Russland Richtung USA verlassen haben, macht sich aus der freien Welt wieder auf die Socken Richtung Osten. Mit der Vision: eine bessere Welt ist möglich. Das haben wir alle mittlerweile aus der Geschichte gelernt: so verführerisch die Idee vom Kommunismus ist, so kläglich versagt sie in der Realität. Grossman erfährt es am eigenen Leib, selbst die Mitgliedschaft in der SED wurde ihm versagt, weil er selbstständig denkt und eine eigene politische Meinung hat. „Crossing the River: vom Broadway zur Karl-Marx-Allee“ ist letztes Jahr beim Kindle Edition Verlag erschienen.

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Ricarda Junge schrieb 2010 aus einem Haus nahe der Karl-Marx-Allee. Ihr Roman „Die komische Frau“ zeigt ebenfalls den Weg vom Westen in den Osten. Lena und Leander ziehen von Hamburg nach Berlin. Leider wiederholt die Autorin mystische Fehler und behauptet – wieso viele andere – dass die Prachtbauten an der Karl-Marx-Allee lediglich verdienten Kommunisten vorbehalten seien. Ihre Beschreibung ist nichtsdestotrotz durchaus lesenswert.

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Quelle: jock+scott – photocase.de

Unbedingt ans Herz gelegt sei das aktuelle Buch von Jonathan Franzen! Der Amerikaner hat zig Jahre in Berlin verbracht, hier entstanden unter anderem große Teile seines fulminanten Werks „Die Korrekturen“ („The Corrections“). Der Pulitzer-Preis-Finalist und National Book Award Gewinner hat 2015 seinen neuen Roman veröffentlicht. In „Unschuld“ (Rowohlt) erzählt er viel von der DDR und der Macht des Internets. Wie das zusammenpasst? Es geht um das Nicht-Vergessen-Werden. Eine der Hauptfiguren, Andreas Wolf, hat seine Wohnung auf der Karl-Marx-Allee. Und beschreibt von dort aus seine Welt. Wolf, in Ost-Berlin als Sohn eines DDR Politikfunktionärs geboren, begeht ein Verbrechen aus Liebe. Die Geschichte aus Zeiten des Berliner Mauerfalls ist tiefschwarz. Aber längst nicht so trist wie die Hausbücher des Strausberger Platzes.