Von der Pendlerin zur Digitalnomadin

Mein Leben war einfach wunderbar: Ich war einer dieser Pendler, die jeden Morgen um 8 Uhr den Zug nehmen, in einem Büroturm mit dem Aufzug in den 7. Stock fahren, den Computer einschalten und das Gebäude erst wieder in der Mittagspause zu einem kurzen Spaziergang zu verlassen. Damit wir auch nicht zu viel Tageslicht abbekamen, hatte der Architekt vorsorglich alle Fenster des Büroturms abgedunkelt. Selbst an sonnigen Tagen kamen es uns deswegen so vor, als ginge gerade ein grauer Januartag seinem Ende zu – wir hatten jedenfalls nicht die geringste Motivation, vor die Tür zu gehen.

And suddenly everything changes...
Und dann musste sich auf einmal alles verändern.  (Quelle: evali / photocase.de)

Damit nicht genug: Ich habe jetzt keinen Vorgesetzten mehr. Was ich mit meinem Arbeitstag anfange, ist komplett mir überlassen. Ich kann gegen 10 Uhr mit der Arbeit und um die Mittagszeit Feierabend machen. Seit meinem Umzug nach Berlin arbeite ich für verschiedene Kunden in unterschiedlichen Branchen, sowohl in Holland als auch in Deutschland. Das heißt, ich kann montags einen Text über Hotels schreiben, dienstags über Mode und mittwochs über Berlin. Zudem starte ich gemeinsam mit zwei guten Freunden gerade meinen eigenen Travel-Blog. Bei all diesen Aufgaben muss ich lediglich meine Deadlines einhalten – keine frühes Aufstehen mehr, kein Alltagstrott. Niemand scheint sich wirklich darum zu kümmern, was ich eigentlich den Tag lang mache. Das fühlt sich sehr einsam an.

…und dann musste ich auch noch Fotos machen

„Ich sehe mich schon am offenen Fenster mit Blick auf den Strausberger Platz und die Karl-Marx-Allee sitzen und meine Beiträge schreiben“, schrieb ich in dem Essay, mit dem ich schließlich den Wettbewerb gewann. Die Idee war gut – mein Homeoffice ist aber noch nicht fertig. Ein Techniker muss erst noch das Internet einrichten. Bis dahin muss ich mit Cafés vorliebnehmen. Als ich noch in Holland lebte, war ich jeden Morgen mit dem Fahrrad in Amsterdam unterwegs. Es regnete meistens, und meine morgendliche Fahrradtour auf den perfekten holländischen Radwegen gab mir Zeit zum Aufwachen. Der morgendliche Verkehr in Berlin hingegen ist schlicht verrückt. Als ich heute Morgen meine Tasche nach meiner Sonnenbrille durchstöberte, während ich gleichzeitig mit dem Fahrrad die Karl-Marx-Allee entlang fuhr, überholte mich ein Mann rechts auf seinem Fixie. Um diesem Chaos zu entgehen, entschied ich mich, einen Umweg zu nehmen und an der Spree entlang zu fahren. Das bedeutete, weitere zehn Minuten meiner wertvollen Zeit zu verschwenden – das war besonders schwerwiegende, weil ich Fotos von der Sonne über dem Fluss machen wollte.

The bike lanes of Berlin are crazy full
Die Fahrradwege in Berlin sind wie immer völlig überfüllt

Glaubt ihr, es macht Spaß, in einem Café zu arbeiten? Denkt mal drüber nach. Ständig fragt jemand, was man trinken möchte, und jedes Mal muss man sich zwischen Kaffee, Club Mate oder frisch gepresstem Saft entscheiden. Und der ganze Kuchen erst, der einen den ganzen Tag anlacht! Irgendwann muss man schließlich nachgeben. Ich versuchte mein Glück im Café St. Oberholz, das sich als Institution bei den Digitalnomaden Berlins herausstellte. Alles was ich wollte war ein ruhiges Ort mit einem guten WLAN-Netzwerk – und dann stolperte ich unwissentlich in den hippsten Ort in ganz Berlin. Zum Glück habe ich ein Mac Book, denn ich denke nicht, dass man mich sonst herein gelassen hätte.

This is not an office
Das ist kein Büro

Darf ich vorstellen: Der Digitalnomade

Das schlimmste ist: All das hat mich zur Digitalnomandin gemacht. Ich hatte das weder geplant, noch die Verwandlung absichtlich herbeigeführt. Es scheint, als passe ich einfach auf die Definition auf Wikipedia: „Digitale Nomaden sind Menschen, die Telekommunikationstechnologien einsetzen, um ihre Arbeit zu erledigen. […] Solche Arbeiter arbeiten in der Regel nicht in einem herkömmlichen Büro – sondern von Zuhause aus, in Cafés, in Bibliotheken […], um Aufgaben zu erfüllen, die traditionell von einem einzigen, festen Arbeitsplatz aus erledigt wurden. […] Immer mehr digitale Nomaden reisen um die Welt und ziehen ins Ausland, während sie weiterhin mit anderen Mitarbeitern für Kunden tätig sind.“ Warum passiert ausgerechnet mir das? Ich bin ein ganz normales Mädchen, das sich ein ganz normales Leben wünscht!

Sankt Oberholz, digital nomad heaven
Sankt Oberholz, der Himmer der Digitalnomaden

Und das sind nur meine Vormittage. Die Nachmittage sind ein einziges großes schwarzes Loch: Wenn ich meine Arbeit erledigt habe, wird mir klar, dass ich in einer der größten Städte Europas lebe und dass ich etwas unternehmen muss. Allein in meiner Nachbarschaft gibt es mehr zu tun und zu sehen, als man in einem ganzen Jahr schaffen kann. Die schiere Auswahl macht mich einfach verrückt: Soll ich mich in der Simon-Dach-Straße mit Freunden zum Essen treffen? Sollen mein Freund und ich uns mit einer Decke in den Volkspark Friedrichshain setzen, oder sollte ich am Alexanderplatz oder in Mitte einkaufen gehen? Zum Glück ist das Wetter derzeit nicht so gut, sodass die Auswahl zumindest ein bisschen eingeschränkt ist.

IMG_2877
Ein vergeudeter Tag am Strand

Es gibt Hoffnung!

Ich hoffe, ich habe mich klar genug ausgedrückt. Ich könnte es nämlich nicht ertragen, weiter ins Detail zu gehen. Wenn jemand eine Idee hat, wie ich mich aus dem schrecklichen Dilemma retten kann, in dem ich gerade stecke, würde ich sie sehr gerne hören. Bitte, bitte, bitte helft mir! Derzeit hoffe und bange ich einfach, dass bald der Techniker kommt. Wenn ich zuhause WLAN habe, kann ich wenigstens in Frieden arbeiten. Ich denke, ich werde auch etwas schwarze Folie für die Fenster kaufen. Dann fühlt es sich endlich wieder so an wie in den guten alten Zeiten in meinem Büroturm.

IMG_3022
Mein Homeoffice, leider immer noch ohne abgedunkelte Fenster